Aus der Ortsgeschichte von Retznei
Eine verhängnisvolle Mondnacht

Am 15. Dezember 1864 Früh fand man am Wege zwischen Aflenz und Retznei im Bezirk Leibnitz die Leiche des Steinbrechers und Grundbesitzers Franz Rentmeister aus Retznei, welcher in der vergangenen Nacht ermordet worden war. Die Stelle, eine niedrige, hölzerne Keusche, die an der Straße zwischen Retznei und Aflenz stand. Die Längsseite war dem Tatort zugewandt und in der Mitte des Hauses befand sich der Eingang in einen Vorraum, von dem sich links und rechts zwei kleine Wohnungen situiert waren. Jede verfügte über zwei kleine Fenster, durch die man Vorgänge auf dem wenige Schritte entfernten Hohlweg bei Mondlicht gut einsehen konnte.

Der Tatort:
Am Morgen des 15. Dezember 1864 wurde der Markt Leibnitz durch das Gerücht alarmiert, dass in der vergangen Nacht der Grundbesitzer Franz Rentmeister grässlich ermordet worden sei. Bei der unverweilt vorgenommenen Erhebung wurde in dem 7 Schuh tiefen Abgrund längs der Straße von Aflenz nach Retznei die Leiche des Ermordeten gefunden. Winter- und Unterrock, mit welchen derselbe bekleidet war, fand man zugknöpft; ferner wurde konstatiert, dass der Täter den Ermordeten nicht beraubt habe. Etwa 24 Schritte von der Keusche des Johann Waltl entfernt, inmitten der Straße gegen Retznei wurde eine Hut große Blutlache entdeckt. An dieser Stelle wurde Franz Rentmeister zuerst zu Boden geschlagen, blieb dort einige Zeit betäubt liegen und als er wieder zu Bewusstsein kam, ging er zum Hause des Johann Waltl. Auf der Bank vor diesem Hause wurde er erst von dem nachgeschlichenen Täter zu Tode geschlagen. Das Haus des Johann Waltl, insgemein „Grabenkeusche“, die 1940 einem gewissen Peternagg gehörte und die Hausnummer Retznei 7 trug.

Kommissionelle Erhebung:
Am 15. Dezember 1864 wurde die gerichtliche Kommission am Orte der Tat abgehalten. Die Leiche war bedeckt mit neun Schuss-, neun Hieb- und vier Kontusionswunden.
Von den in ihrer Gesamtheit schweren Wunden wurden von den Gerichtsärzten zwei Hiebwunden als absolut tödlich bezeichnet. Der eine Hieb hatte die Spaltung des Schädelknochens, Erschütterung des Gehirns und Bluterguss in die Schädelhöhle, ein anderer die Lostrennung des Schädelknochens und die Trennung wichtiger Nerven und Gefäße, sowie eine Erschütterung des kleinen Gehirns und des verlängerten Gehirnmarkes zur Folge. Als nächst liegende Todesursache erklärten die Gerichtsärzte Gehirnlähmung und Lähmung des Rückenmarkes. Die Wunden sind mit einer Schusswaffe und einer Hacke [Handbeil] zugefügt worden.

Gerichtliche Ermittlungen:
Noch am 15. Dezember 1864 verhaftete die Gendarmerie den mutmaßlichen Täter Josef Haring aus Aflenz. Aus Leibnitz wird am 17. Dezember 1864 geschrieben: „Über die schon kurz gemeldete Ermordung des Franz Rentmeister, Steinmetzen und Grundbesitzer in Retznei Nr. 5, kann ich Ihnen Folgendes berichten: Die aus Anlass des Mordes sofort vorgenommene Tatbestandserhebungen haben konstatiert, dass Rentmeister um 9 Uhr nachts auf dem Wege vom vulgo „Blasl“ nach Hause unweit desselben meuchlings angefallen, und mit einer Hacke niedergestreckt worden sei; dass er sich jedoch allmählich erholt, mühsam 24 Schritte zur nächsten Keusche zurück geschleppt und dort auf eine Bank gesetzt habe, dass der Täter sein Opfer von dem nahen bewaldeten Berghang aus nicht mehr aus den Augen lassend, demselben nochmals angeschlichen und wiederholte Hackenhiebe versetzt habe, bis Rentmeister leblos zu Boden stürzte. Jetzt erst flüchtete sich der Angreifer steil bergauf in den Wald in Richtung Rosenberg, zurück nach Aflenz. Das Gerede, dass die Söhne des vulgo Kleinschuster in Aflenz, mit dem Ermordeten in Feindschaft gelebt, und die vom Tatort auf Umwegen zu deren Behausung führenden Fußspuren im Schnee ließen bald keinen Zweifel übrig, dass sie die Mörder seien. Der Ältere derselben, Josef Haring, 25 Jahre alt, legte auch alsbald vor dem Untersuchungsrichter an Ort und Stelle das Geständnis ab, dass er von Franz Rentmeister, dem er schon längst den Tod geschworen, mit Wissen und Beisein seines jüngeren Bruders, auf obige Art, und zwar aus unversöhnlicher Rachsucht ermordet, weil Rentmeister von ihrem Vater einen Steinbruch auf lebenslang unter für sie angeblich sehr ungünstigen Bedingungen gepachtet habe, was sie bewogen, jenen aus dem Weg zu räumen.

Der subjektive Tatbestand:
Im Jahre 1842 wurde zwischen Anton und Barbara Haring vulgo Kleinschuster, Keuschler in Aflenz Nr. 16, Besitzer der Parzellen Nr. 227 und 228 einerseits und Simon Rentmeister und dessen Sohn Franz, Grundbesitzer und Steinbrecher aus Retznei, vermutlich Haus Nr. 5, andererseits ein Pachtvertrag abgeschlossen, laut welchem Erstere den Letzteren einen dazumal wertlosen Steinbruch auf Lebenszeit gegen einen Jahrespachtschilling von 21 fl. Conventions-Münze überließen. Barbara Haring, welche sich anfänglich weigerte, den Bruch zu verpachten, wurde nur durch die Drohung des Gatten, sich das Leben zu nehmen, bewogen, auf eine Verpachtung von drei Jahren einzugehen.
Auf betrügerische Weise wurde der Pachtvertrag in obiger Form bei einem Winkelschreiber, namens Wenedikter in Leibnitz, ausgefertigt und die des Lesens und Schreibens unkundige Barbara Haring veranlasst, ihr Kreuzzeichen unter den Vertrag zu setzen. Erst nach Ablauf von drei Jahren kam sie auf den ihr gespielten Betrug. Die arme Keuschler-Familie Haring musste sehen, wie sich die Rentmeister von ihrem Eigentum bereicherten.
Die Witwe betrachtete nun den verhängnisvollen Pachtvertrag und die Pächter als Ursache ihres Elends und brachte ihren Kindern ihre Ansichten früh genug bei. Infolgedessen entwickelte sich bei ihren Söhnen, namentlich bei dem ältesten Josef, im Laufe der Jahre ein tödlicher Hass gegen den Pächter Franz Rentmeister. Anton Haring starb im Jahre 1850 und hinterließ seiner Witwe drei Kinder. Simon Rentmeister starb eines unnatürlichen Todes in den Wellen der Mur, und sein Sohn Franz fuhr fort aus dem Steinbruch ein Vermögen zu machen.
Josef Haring wurde aber immer erbitterter und fasste, seinem Geständnis zufolge, schon im Jahre 1863 den Entschluss, dem Franz Rentmeister das Leben zu nehmen, falls dieser noch fortfahren sollte, den Steinbruch zu benützen. Er eröffnete dieses Vorhaben seinem Bruder Anton und der Mutter, welche dazu nicht nur die Einwilligung gab, sondern auch noch den Rat erteilte, wie das Verbrechen verübt werden sollte.
Der Pächter solle erschossen werden; Anton Haring gab drei Gulden zum Ankauf einer Pistole her, welche er anfangs Dezember 1864, ungefähr acht oder vierzehn Tage vor der Tat, im Gewölbe des Handelsmannes Schönwetter in Ehrenhausen [Haus Nr. 24, später Gasthaus Halbwirth] kaufte. Diese Pistole hat Josef Haring einige Tage vor dem 14. Dezember 1864 mit Schrotkörnern geladen und in der Rauchstube versteckt.

Tatablauf:
Die schicksalshafte Gelegenheit, den unerschütterlichen Entschluss, die Ermordung Rentmeisters zu vollführen, bot sich nun dem Haring am 14. Dezember 1864 abends dar. An diesem Tage hatte sich Rentmeister schon zeitlich in Geschäftsangelegenheiten nach Leutschach begeben und war nachmittags im Wirtshause des Arzten in Leibnitz mit dem Steinmetzarbeiter Repolusg zusammengekommen, mit dem er gemeinsam den Heimweg antrat. Nach 7 Uhr abends, es war eine heitere, mondhelle Nacht, blieben Franz Rentmeister und sein Begleiter auf der Straße etwa 400 Schritte von der Haringischen Keusche entfernt stehen und tauschten da ihre Gedanken über die schlechten Zeiten und Geschäftsverhältnisse aus. Josef Haring, der gerade mit seinem Bruder in der Holzhütte beschäftigt war, hörte dieses Gespräch und sah dann den Franz Rentmeister, dem er längst spinnefeind war, allein gegen seine Heimat gehen. Schnell war der Entschluss gefasst. Er forderte seinen Bruder Anton auf, ihn zu begleiten. Josef nahm die mit Schrot geladene Pistole und ein Handbeil, Anton eine alte Axt, die er sonst zum Spalten von Kohlebrocken verwendete. Er eröffnete seinem Bruder, dass jetzt eine passende Gelegenheit vorhanden wäre, dem verhassten Pächter das Leben zu nehmen, und Anton Haring war damit einverstanden.
Josef Haring erkannte die günstige Situation, nahm einen Umweg über den Rosenberg und eilte gegen Retznei, um sein Opfer dort abzupassen. Über den Berghang hinweg laufend, überholten sie den ahnungslosen Rentmeister.

Sie gelangten in einem Halbkreis bis zur Einmündung des Weges vom Bauern vulgo „Schusterhiasl“ in die Retzneier Straße. Josef wartete am Waldrand, während Anton im Wald blieb. Der Vollmond beschien die weite Strecke, auf der kein Mensch zu sehen war. Josef stellte sich am Saum des Waldes auf. Um 9 Uhr abends kam Rentmeister des Weges. Josef stürzte auf ihn zu, feuerte in einer Distanz von 6 Schritten die Pistole auf den Unglücklichen ab und führte zwei Hiebe auf sein Hinterhaupt und dann eilte er zu seinem Bruder in den Wald. Josef rannte nun vom Schauplatz des Überfalls zu seinem rückwärts lauernden Bruder Anton : “Jetzt liegt er schon“, rief er diesem zu, kehrte jedoch alsbald wieder um, sein Opfer zu überwachen. Rentmeister war mittlerweile wieder zu sich gekommen. Da bemerkt er im hellen Licht des Mondes, wie sich Rentmeister langsam erhob und auf sich 24 Schritte bis zur „Grabenkeusche“ schleppte, wo er vor dem Haus eine Bank fand, auf die er sich setzte und sich das Blut vom Gesicht wischte. Josef Haring kam nun von rückwärts angeschlichen und führte mit voller Wucht neuerlich zwei Beilhiebe nach dem Haupt des unglücklichen Rentmeister. Dieser fiel von der Bank und kollerte den abschüssigen Grund entlang in einen sieben Schuh [1 Schuh= 31 cm] tiefen Graben hinab.

Aussagen von Tatzeugen:
Der böse Geist trieb den Mörder auf den Schauplatz seines Verbrechens zurück.. Blitzschnell stürzt sich Josef Haring wieder auf sein Opfer und hieb auf dasselbe mit der Handhacke ein, welch letztere Szene von Elisabeth Waltl, ohne Lärm zu machen, durch das Fenster mit ansah und erst den Eigentümer weckte, als die Tat vollbracht war, und die Täter die Flucht ergriffen hatten. Wie die Tatzeugen, die aus dem Fenster der Grabenkeusche zusahen, sich ausdrückten, hob Josef das Beil, als ob er Holz hacken würde. Nach wenigen Hieben kollerte der vollends Ermordete von der Bank in den sieben Schuh tiefen Hohlweg. Johann Waltl, welcher sowie Marie und Elisabeth Waltl diesen letzteren unmenschlichen Angriff und Überfall durch das Fenster ihrer Keusche sahen, eilten schnell hinaus und bemerkten, wie der Täter über den Acker in den Wald verschwand. Als Johann Waltl hinaus lief und Rentmeisters Hand ergriff, war dieser bereits eine Leiche. Franz Rentmeister hatte mittlerweile seinen Geist bereits ausgehaucht.
Der Gemeindevorsteher von Aflenz, Johann Körbler, schildert den Erschlagenen als einen im Ganzen gutmütigen, nur der Familie Haring gegenüber harten Menschen. Die Haringischen seien immer mehr verschlossen gewesen; Barbara Haring sei ein gute Christin. Ihre Armut sei eine drückende; die verschuldete Keusche sei zum Zusammenfallen. Er habe den Josef Haring gleich nach der Tat über dieselbe zur Rede gestellt und ihn gefragt: „Was ist dir denn eigentlich eingefallen? Dieser erwiderte: „Ja, was hätte ich sonst auch machen sollen!“

Gerichtsverhandlung und Plädoyers:
Unter großem Andrange des Publikums, welches bereits vor 9 Uhr den kleinen Verhandlungssaal gefüllt hatte, begann am 29. April 1865 in Graz vor einem Fünfrichter-Kollegium die Schlussverhandlung gegen Josef Haring und Genossen wegen Meuchelmord. Der aus Aflenz bei Leibnitz gebürtige 25 Jahre alte Keuschler-Sohn und Schuhmacher Josef Haring erscheint dieses Verbrechens als unmittelbarer Täter, dessen Bruder Anton, 23 Jahre alt und die 58jährige, verwitwete Mutter Barbara Haring als Mitschuldige angeklagt. Dem Richtersenat präsidiert Landesgerichtsrat Guggitz, die Staatsbehörde durch den Chef der Staatsanwaltschaft Gabriel, die Verteidigung durch die Advokaten Dr. v. Schreiner, Dr. v. Kaiserfeld und Dr. Wurmser vertreten.
Staatsanwalt Gabriel stellte sohin seinem die Tat- und Schuldfragen nach allen Richtungen scharf beleuchtenden, ausführlichen Plädoyer die Bemerkung an die Spitze, dass er die Anklage gegenüber allen Angeklagten in vollem Umfange aufrecht erhalte. Er beantragte auf Grund des mit allen gesetzlichen Erfordernissen versehenen und mit allen Erhebungen vollkommen übereinstimmenden Geständnisses des Josef Haring, dessen Schuldigsprechung wegen Meuchelmordes, und zwar als unmittelbarer Täter. Weil der Überfall tückisch, d. h. auf solche Weise geschehen, dass eine Gegenwehr unmöglich war, müsse der Mord als Meuchelmord behandelt werden:

„STG. 1786, § 100.
Des Meuchelmords ist schuldig, wer mit Verstellung, und Arglist, durch Waffen und Gift auf eine Art gemordet hat, die von Seite des Ermordeten Vorsicht und Verteidigung ausschloss.“ Geändert durch Erlass vom 14. Juni 1876, Z. 4840.

Was den Anton Haring anbelangt, so müsse dieser auf Grund seines in der Untersuchung abgelegten Geständnisses, welches er bei der Verhandlung vergeblich zu beschönigen suchte, der entfernten Mitschuld am Verbrechen des Meuchelmordes schuldig befunden werden. Er hat nämlich einbekannt, dass er den Entschluss seines Bruders, dem Rentmeister das Leben zu nehmen, die drei Gulden zum Ankauf der dazu bestimmten Pistole hergab und am Abend des 14. Dezember mit einer Hacke bewaffnet seinen Bruder begleitete. Unterwegs hat er sich mit diesem verabredet, ihm zu Hilfe zu kommen, falls er zu schwach wäre. Auch die Mutter Barbara Haring sei auf Grund der Aussagen ihrer Söhne im Untersuchungsverfahren, dann auf Grund ihres eigenen unvollständigen Geständnisses und der aus ihrer Erbitterung gegen Rentmeister zu erschließenden besonderen Geneigtheit zum Verbrechen deshalb der entfernten Mitschuld am Meuchelmord für überwiesen zu halten, weil sie ihren Söhnen geraten hat, die Tat heimlich und so zu begehen, dass Rentmeister ohne Beihilfe sei.
Nach eingehender Besprechung der gegen die einzelnen Angeklagten vorliegenden Erschwerungs- und Milderungsumstände beantragte der Staatsanwalt für Josef Haring die Todesstrafe und für jeden der zwei anderen Angeklagten 12 Jahre schweren Kerker.
Die vielen Milderungsumstände bewogen den Verteidiger den Antrag zu stellen, der Gerichtshof wolle beim Landesfürsten Graf Strassoldo die Gnade für das Leben des jungen Verbrechers erwirken.

Das Urteil:
Für Josef Haring, der als vorsätzlicher Meuchelmörder aus niederen Beweggründen erwiesen war, fand das Gericht keine Milderungsgründe und verurteilte ihn zum Tode durch den Strang. Das Urteil lautete bei Anton Haring schuldig der entfernten Mitschuld am Meuchelmord und 7 Jahre schweren Kerker; Barbara Haring wurde von der Anklage freigesprochen.

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