Himmelsbote
Hoffen auf köstlichen Kometenwein im Jahr 2020

Im Juli 2020 fliegt der Komet „Neowise“ so nahe an der Erde vorbei, dass sein Schweif in Mitteleuropa mit freiem Auge zu sehen ist. Im 19. Jahrhundert sind Kometen gern gesehene Besucher, denn die Weinbauern erwarteten sich von den Irrsternen eine vorzügliche Weinernte, was allerdings nicht immer der Fall war. Die Vorzeichen für ein gutes Weinjahr 2020 sind vorhanden. Vielleicht füllt die Himmelserscheinung die Weinfässer.

Die Meinungen über das Erscheinen von Kometen waren vor Jahrhunderten heidnische Religionen, Aberglauben, aber auch vom Christentum theologisch gefärbt. Vom Hang zum Wunderbaren waren selbst Gelehrte befallen. Der Bauer suchte den Grund für Naturerscheinungen, zumindest der schädlichen, in dämonischen Gewalten, weil die Landbevölkerung zu wissenschaftlichen Erkenntnissen keinen Zugang hatte. Für sie entstand das Wetter nicht über dem Meer oder Festland, sondern in der unmittelbaren Nachbarschaft, wo Hexen das Wetter machten. Zwar gab es Menschen, die eine zum Aberglauben abweichende Meinung hatten, sich zu äußern, wagte aber niemand, zu leicht kam man in den Verdacht, selbst zur Hexenbrut zu gehören. Selbst berühmte Männer waren dem Glauben ergeben, dass Kometen Unheil bedeuten. Der Haarstern von 2020 erschien während der Corona-Pandemie. Sollte das stimmen, dann finde ich gut, dass er erst in sechstausend Jahren wieder vorbeischaut. Doch letzten Endes sind diese Vagabunden nichts anderes, als fliegender Dreck, ein gefrorener Klumpen, der in Sonnennähe verdampft. 

In der neueren Zeit entstand ein fröhlicherer Aberglaube als im Mittelalter, der vom Erscheinen des Kometen des Jahres 1811 herstammt. Dieses Jahr 1811 brachte den europäischen Weinländern, darunter auch die Steiermark, eine Ernte des köstlichsten Weines, der je getrunken worden war. Weil da der große Komet so lange hell leuchtend am Himmel stand, glaubte man, derselbe habe die große Wärme und reichliche Feuchtigkeit, welche die Trauben gefüllt und gezeitigt, mit gebracht und man nannte das Erzeugnis in Deutschland „Kometenwein,“ eine Benennung, die sich in die benachbarte Champagne bis nach Ungarn hin verbreitete; doch die Kometen von 1835 und 1843 lieferten sehr schlechte Weine und hätten die vorgefassten Meinungen widerlegen können, wenn es möglich wäre, dort, wo der Aberglaube gilt.

Verfrühte Enttäuschung über den Kometenwein
Der Komet von 1811 sollte bereits 1810 auftauchen und mit ihm der erwartete Weinsegen. Doch nichts geschah. Die Aussichten auf einen sogenannten Kometenwein im Jahre 1910 schwinden immer mehr. Zur Information der „Kometengläubigen“ diene, dass nach einer Zusammenstellung von H. Mémery im „Feuille vinicole de la Gironde“ im 19. Jahrhundert in Europa mit freiem Auge in folgenden Jahren sichtbar waren: 1807, 1811, 1812, 1819, 1823, 1830, 1835, 1843, 1847, 1850, 1853, 1858, 1874, und 1881. Nur in den Kometenjahren 1811, 1847, 1858, 1874 und 1881 wurden Qualitäten erzielt, die übrigen Kometenjahre zeichneten sich geradezu geringwertige Produkte aus.

An ein derart abnormal schlechtes Jahr wie 1910 erinnern sich selbst alte Weinbauer nicht, die schlechten Jahre 1864, 1866 und 1902 waren gegen das Jahr 1910 weit voraus. Leopold Leuthner, Bürgermeister von Groß-Haugsdorf.
Etwas günstiger sind 1910 die Weinleseaussichten im steirischen Unterland in den Bezirken Friedau und Luttenberg und in Istrien und Tirol. (Aus dem Bericht über den Stand der Obstkulturen und der Weingärten in den im Reichsrate vertretenen Königreichen und Ländern Ende August 1910.)

Die Rache des Kometen
Die Erwartungen, welche die Weinproduzenten in das Kometenjahr 1910 setzten, blieben unerfüllt. Sie sollten erst im nächsten Jahr, dem Jahre 1911, sich erfüllen. Die Enttäuschung darüber hat die Allgemeine Wein-Zeitung Nr. 1396/1910 vom 29. September 1910 veröffentlicht. Unter dem Titel „Die Rache des Kometen“ erhielt von einem Freund dieses Blattes folgende gereimte Kausalitätscharakteristik des Kometenjahrganges 1910:
Das ist der Jahrgang des Kometen,
Der bringt Euch viel und besten Wein!
So war die Meinung der Propheten,
Die Winzer stimmten gerne ein.
Sorgt nur für Keller und für Fässer,
Das andere macht schon der Komet;
Die Bauern dachten: „Umso besser!“
Und sorgten prompt für das Gerät.
Die Blütezeit war wohl zum Trauern,
Es gab nur Regen, Sturm und Schnee;
Was scherten sich darum die Bauern:
Sie schützt doch der Stern von Halley!
Der Juni brachte Sauerwürmer,
Der Mehltau fraß die Blätter kahl,
Getost! Denn oben wacht der Türmer
In achtzig Jahren bloß einmal.
Und wo der Weinberg nicht verdorben,
Dort fuhr der Hagel noch hinein;
Die schönsten Beeren fand gestorben,
der nächsten Stunde Sonnenschein.

Ein Bauer dem es so geendet,
Ihm riss am Ende die Geduld,
Er rief, zum Sternenzelt gewendet:
„Komet, du bist an allem schuld!
Versprochen hast du tausend Wunder
Der Winzer schwer geprüftem Stand,
Doch deine Macht ist eitler Plunder,
Verwüstet liegt das schöne Land.“
Es hält der Bauer ein im Grimme,
Denn horch! Was rauscht da an sein Ohr?
Vom Sternenzelte eine Stimme,
Dringt aus den Sphären zu ihm vor:
„Lieb` Weinbaumann, dein Groll und Trauern,
Ist ehrlich (wenn`s auch mich nicht schont),
Vom Herzen muss ich bedauern,
Dass Eure Mühe schlecht gelohnt.
Doch glaube mir, es wär`geraten,
Und was ich konnt hab ich getan,
Schaut nur die Felder an, die Saaten,
Der fetten Wiesen üpp`ge Bahn.
Ich wollt`dem Weine wohl, du Spötter,
Und segnen Euer Rebenland,
Da kamen mir die Zeitungsblätter aus Eurem Reiche in die Hand.
Heiß`mich verknöchert und Philister,
Doch meine Rache war geweckt:
Ich las, es plane der Minister ein neues Weinsteuerprojekt.
Da dacht` ich mir, das ist vermessen,
Dem Fiskus bau`ich keinen Wein,
Und ließ die Würmer lieber fressen,
Worauf sich die Steuerämter freu`n.
Jetzt liegt der Weinbau auf der Bahre;
Wie ich zum Fluche es gewollt,
Das erste Glas aus diesem Jahre dem Herrn von Bilinsky* sei`s gezollt!“
* Bilinsky war 1910 Finanzminister.

Das Kometenjahr 1811, ausgezeichnet durch heißen Sommer und Wein von seltener Güte, schloss mit einem strengen Winter.
Wie „Neowise“ den Weinproduzenten gesonnen ist, wird sich im Herbst 2020 zeigen.

Quellen:
Der Erdball und seine Naturwunder, Gustav Hempel, Berlin 1863.
Dr. Richard Peinlich, Pest in der Steiermark, 1878.
Allgemeine Wein-Zeitung Nr. 1390 vom 18. August 1910.
Allgemeine Wein-Zeitung Nr. 1394/1910 vom 15. September 1910.
Allgemeine Wein-Zeitung Nr. 1396/1910 vom 29. September 1910

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