Verbalinjurien

Seit alters her sind Schimpf- und Schmähreden ein Mittel, seine Gegner zu beschämen. Für ihre Verbreitung sorgten bisher Parlament, Presse und der Pöbel. Im Laufe der Zeit veränderte mancher Schimpf seinen Bedeutungsinhalt oder verschwand aus dem Sprachgebrauch. Ein Beispiel ist das in Steiermark einst gängige „du Russ!“, das als schlimme Zurechtweisung galt. Selbst die am Lande beliebte Gewohnheit, Menschen mit Tiervergleichen herunterzumachen, ist nicht mehr allgemein verständlich. Schon bisher war der Spitzname „Esel“ für einen geistig beschränkten Mitbürger völlig unangebracht, denn das Langohr ist alles andere als bescheuert. Das früher sehr häufige benutzte Schimpfwort „du Muli“ ist noch immer gebräuchlich, wenn auch der Sinn der Anklage nicht mehr verstanden wird. Was hat ein Maulesel verbrochen, dass er sich zur Schmähung eignet, obwohl kaum jemand dieses Nutztier aus eigener Erfahrung beschreiben kann?
In der Steiermark verlieh man an widerspenstige Leute die Bezeichnung „Muli“, was auf den schwierigen Umgang mit dem Lasttier zurückzuführen war. Das Muli gehört in die Klasse der Einhufer, womit aber nicht gesagt sein soll, dass er nur einen Huf habe; er hat sogar vier Hufe. Die Mutter des Muli war immer ein Pferd, der Vater dagegen ein Esel, meistens sogar ein großer Esel, und weil er so ein großer Esel war, deswegen kann sich das Muli auch nicht mehr vermehren.
Das Muli ist ausgestattet mit einem Gebiss, das er zur Aufnahme von Hartfutter und Raufutter dringend benötigt, daneben erweist es sich zum Zwicken seines Betreuers als ideal.
Es frisst alles, was ihm vorgelegt wird oder was er sieht. Bekommt es zu wenig, frisst es die Dielen des Fußbodens, den Putz von der Wand oder begnügt sich damit, den Schweif des Nachbartieres zu knappern.
Reden kann das Muli nicht, es kann nur „U-Hach!“ bis zu fünfmal hintereinander brüllen und das genügt für den täglichen Sprachgebrauch.
Die Augen des Mulis dienen zum Erkennen des Opfers. Besonders wenn sie nach hinten verdreht sind, so dass man das Weiße gut erkennen kann, ist Gefahr im Verzug.
Das Muli ist weiter ausgestattet mit zwei lange Ohren, die zum Anlegen dienen. Das Anlegen der Ohrwascheln ist eine Warnung an alle Umstehenden im Umkreis von zehn Metern. Meistens wird nur einmal gewarnt.
Das Muli hat vier Beine. Außer zur gewöhnlichen Art der Fortbewegung werden sie zum „Bocken“ verwendet, wobei das Körpergewicht und das Gewicht der Last wechselweise auf den Vorder- und Hinterbeinen ruht. Aber damit ist die Funktion der Beine noch nicht erschöpft. Die Vorderbeine dienen dazu, um sie zu gegebener Zeit auf die Schultern des Muliführers zu setzen. Wesentliche Bedeutung kommt den Hinterbeinen zu. Während das Pferd planlos nach rückwärts auskeilt, ist das beim Muli anders. Nach genauem Ansprechen des Zieles werden mit hoher Anfangsgeschwindigkeit und rasantem Schlag sogar kleine Punktziele, wie die Kniescheiben, mit absoluter Genauigkeit getroffen.
Der Schweif, auch Schwanz genannt, dient zum Anbringen von roten Bändern, die vor solchen Schlägern warnen.
Man unterscheidet das Muli männlichen und weiblichen Geschlechts, das männliche wurde meistens „Sepp“, das weibliche „Zenzi“ genannt. Auch die Anreden „Häuter, Krummbock, Matz verreckte, Luader und Esel“ haben genervte Muliführer häufig verliehen. Das Muli ist somit das einzige Tier, das mit Scheltworten wie ein Mensch verflucht ist. Das beweist, das dem Maulesel Charakterzüge zu eigen sind, wie wir sie auch von Landbewohnern kennen.

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