31.10.2016, 16:25 Uhr

Die katholischen Leut`

In der Steiermark nannte sich die geheime Gesellschaft der Springer im 16. Jahrhundert „katholische Leut`“, um sich nicht leichtfertig dem Verdacht der Ketzerei auszusetzen. Von den kirchlichen und weltlichen Behörden erhielten sie das Etikett „Springersekte“ umgehängt, dass auf ihre Gewohnheit, sich in Ekstase zu tanzen, zurückzuführen ist. Ihre „Gottesdienste“, welche der Klerus eher dem Bacchus zuordnet als dem Christengott, hielten die Springer an verborgenen Orten, wie auf hohen Bergen, in Wäldern oder auch in Talschluchten ab, wo sie vor unerwünschten Beobachtern sicher sein konnten. Die nächtlichen Kultfeiern gestalteten sie mit zeremoniellem Brimborium, wobei der Wein für kultische Rituale gedient haben mag, aber sicher stand für die Eigenweihten nicht das Rauscherlebnis im Vordergrund. Im Grunde genommen, fand ein visionäres Tanzereignis statt, dass die anwesende Menschenmenge mitriss, dem aber nichts Kirchenfeindliches anhaftete.

Von den slowenischen Bauern, Dienstboten und Köhlern fand zwischen Pettau (Ptuj), St. Leonhard (Lenart) und Soboth bald ein bedeutender Zulauf statt. Vermutlich spielte rudimentär der Nationalismus eine Rolle, weil sich die Bauern von den deutschen Grundherren ausgenützt fühlten, denn so mancher slowenische Suppan (Bürgermeister) oder Gutsverwalter war unter den Springern zu finden. Nun ließen sich die Umtriebe dieser weinseligen Versammlung nicht mehr länger verbergen und die geheime Gesellschaft, die sich selbst als „katholische Leut`“ bezeichnete, wurde den Behörden bekannt, die sie als Sekte einstuften, teilweise als anonyme Alkoholiker ansahen. Der Bischof von Seckau, Martin Brenner, bezeichnete die Springer als Säufer, Verbrecher, Gaukler, Schwärmer und Taugenichtse, die für die Galeere reif sind. Ihre Lehre diene nur der Volksausbeutung. Brenner war ein Hardliner, der den Beinamen „Ketzerhammer“ zu Recht trug und bei dem die Slowenen wegen ihrer Trinkgewohnheiten wenig galten. Der menschenverachtende Unterwerfungswahn brachte die Sektenführer dem Scheiterhaufen sehr nahe.

Die Heilsversprechen der Springer.

Sie versprachen den armen, leichtgläubigen slowenischen Bauern allerlei Wunder und Schutz vor Unwettern, Seuchen und an deren Notlagen. In ihrem eigenen Interesse läge es, eine Kapelle zu bauen, damit sie darin das aus Jerusalem herbeigebetete Heilige Grab unterbringen könnten. Die Angesprochenen erwarteten eine Linderung materieller Not, wie Krankheit oder auch sozialer Not, wie die Unterdrückung durch die Grundherren, zu deren größten die katholische Kirche zählte.
Eine besondere Rolle spielten jene Wissenden, die durch ekstatische Tänze einen tranceartigen Zustand erreichten, dann in Bewusstlosigkeit fielen und nach dem Aufwachen visionäre Botschaften übermittelten oder in der Lage waren, besondere körperliche Leistungen zu erbringen, welche die Zuschauer in Staunen versetzten. Die Botschaft der Sektenführer, jedermann könne durch geheime Rituale, besondere Fähigkeiten erlangen, kam beim Publikum an. Entgegen dem Zeitgeist des 16. Jahrhunderts, wo das weibliche Geschlecht nur eine dienende Funktion anstreben darf, sind innerhalb der Sekte Frauen den Männern gleichgestellt, war die Bewegung doch von einer Frau gegründet worden.
Jeden Samstag vor Neumond, spät abends, versammelt sich die Gemeinde, singt zuerst dort slowenische Lieder als Vesper, sie löschen dann bald die Lichter aus und stellen morsches Holz, das in der Nacht leuchtet, auf, indem sie diese Illumination als Wunder preisen. Es sind einfache Leute, etliche betrunken, die im Schutze der Dunkelheit sich einfinden. Wenn die platzierten Lichter gelöscht sind, verschwindet die illustre Versammlung im Unterholz. Die Beleuchtung mit Kerzen oder feuchtem Holz, das nachts phosphoresziert, gibt dem Versammlungsort ein mystisches Flair. Das wunderliche Treiben, das dann abging, war für die Kirche und die Justiz sehr verdächtig. Neben christlichen Symbolen, heidnischen Zaubersprüchen und allerlei Hokuspokus fanden im engeren Kreis Rituale statt, deren Bedeutung nur die Eingeweihten kannten. Die Leute erzählen von Wunderheilungen und bringen Schwerkranke, Blinde und Taubstumme zu den Zeremonien.
Es machte das Gerücht von orgiastischen Tänzen und hemmungslosen Ausschweifungen die Runde, wobei mit Wein als Partydroge nicht gespart worden sein soll. Die Winzer und Weinbauer brachten für die „katholischen Leut`“ ausreichend Weinspenden zu jeder Veranstaltung mit. Um den Verbrauch von Vorneherein zu steuern, fanden bei den umliegenden Bauern vorsorglich Wein- und Lebensmittelsammlungen statt. Über den genauen Ablauf einer „Springerparty“ bewahrten die Teilnehmer Stillschweigen; aufgestellte Wachen schützten vor unerwünschter Neugier.

Bischof Martin Brenner behauptete, „sie halten im Walde und in dem Gebüsche nächtliche Mahlzeiten und Trinkgelage, sie tanzen, zechen und berauschen sich, treiben in der Dunkelheit Unflätigkeiten und Unzucht; ja, insbesondere jene Springer haben Concubinen und schamlose Weiber bei sich, um nichts zu sagen von den zügellosen Ausschweifungen einer so großen, zusammengelaufenen, zechenden, rasenden und johlenden Volksmenge. Diese Schwärmer haben schon viele Weiber verführt und andere Verbrechen vollbracht, weshalb sie in Krain vor Gericht gestellt und verurteilt worden sind. Ebenso wurden in Steiermark einige auf das Schloss Radkersburg gebracht und eingekerkert, drei andere vom Landprofoßen [Gefängnisleiter] Bittner gefangen und der hohen Regierung in Graz eingeliefert.“
Diese Erkenntnisse dürften von einem bezahlten Spitzel stammen, der sich „Undercover“ unter die Teilnehmer mischte. Als einmal vorwitzige Bauernburschen eine Zusammenkunft der Springer ausspionieren wollten, verdroschen sie die Aufpasser windelweich.

Lage der Springerkirchen.

Die Bauten der Sekte lagen an der deutsch-slowenischen Sprachgrenze. Während von Springerkirchen im alten Krain nichts bekannt ist, weiß man aus verschiedenen Quellen, wie zum Beispiel aus den kirchlichen Visitationsprotokollen, von sechs steirischen Springerkirchen, die zu Ende des 16. und anfangs des 17. Jahrhunderts Betrieb standen. Zwei davon standen in der Umgebung von Leibnitz, und zwar jene am Heiligengeist-Berg und die andere am Platsch. Auf dem Gebiete der heute slowenisch verwalteten Untersteiermark befanden sich vier weitere Kapellen. Trotz aller Bemühungen gelang es der Sekte nicht, die katholische Kirche von ihrer Gottesfürchtigkeit zu überzeugen, neigten die Anhänger der Springer doch eher zum Genuss als zur Enthaltsamkeit. Biberln, tanzen und Frauen verführen, finden weder beim Landesfürsten offene Türen, schon gar nicht die Zustimmung des Bischofs, der dieses Problem aus den eigenen Reihen kannte.

Die Initiative zur Gründung einer neuen sektischen Ortsgruppe kam nicht nur aus dem Kreis der Sympathisanten, die größtenteils aus der Landwirtschaft stammten. Die Idee, irgendwo eine Kirche zu bauen, geht oft auf Einzelpersonen zurück, die sich von einer höheren Macht dazu berufen fühlen. Über den Kirchenbau in Heiligengeist ist überliefert: „So machte es ein Schneider von Leutschach, der auf dem Felsen des Dorfes Heiligengeist Schranken errichtete, an denen er angezündete Kerzen befestigte, der das Volk herbeirief, als seien es wunderbare Lichter, und es überredete, dass sie dort eine Kirche bauen möchten. Wenn sie die Kirche nicht bauten, kämen Hagel, Stürme über sie und würden die Ernten verwüsten und anderes Unheil zu erwarten sei.“

Nicht immer beginnt das spirituelle Leben einer neuen Filiale mit dem Kirchenbau, manchmal genügt eine Waldlichtung, für das samstägliche Zusammentreffen. Es kann mehrere Jahre dauern, bis die Bausumme zusammengebettelt ist, wie aus den Gesuchen einzelner Springergemeinden um Einweihung ihrer mittlerweile errichteten Kirchen hervorgeht.

Die Springerkirche von Sveti Duh bei Leutschach.

Sie stand auf dem sehr steilen und spitzen Osterberg, dessen Bezeichnung sich vom slowenischen ojster vrh, d. h. „scharfer Gipfel“ ableitet. Die fast 940 Meter hohe Bergspitze war der ideale Ort für eine Sektenkirche: Weit vom Schuss, schwer erreichbar, in einer romantischen Lichtung mit herrlicher Fernsicht gelegen, von neugierigen Blicken geschützt, eine romantische Oase für Mystiker. Diesen Platz entdeckte ein Leutschacher Schneider und baute dort mit Gleichgesinnten eine Kirche. Die gemauerte Springerkirche brannte die Gegenformationskommission im Februar 1600 nieder. Einige Jahre später stand an diesem Ort eine katholische Kapelle, wahrscheinlich mit dem Bild des Heiligen Geistes.
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Anna Aldrian aus Graz-Umgebung | 01.11.2016 | 10:32   Melden
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