13.02.2018, 19:18 Uhr

Grenzgänger in Tirol

Im Kampf mit Finanzwachleuten in einem Schmugglernest .
In den 1960er Jahren suchte die Finanzlandesdirektion Tirol in anderen Bundesländern nach Personal für den Dienst in der Tiroler Zollwache; die Einheimischen suchten sich Jobs in der Tourismusindustrie. Doch schon um 1900 kamen Exekutivbeamte aus Ostösterreich zum Einsatz. Das Land hat einen sehr langen Grenzverlauf an der Nordgrenze gegenüber Deutschland und an der Südgrenze gegenüber Italien, dazu kommt noch ein Stück Schweizer Grenze zum Engadin, in deren Nähe auch das Dorf Nauders liegt. Der Übergang in die Schweiz geht entlang des Inns. Nach Italien gelangt man über ein ehemaliges Moorgebiet südlich des Nauderer Schlosses; der Übergang heißt seit alters her „das Fuhrmannsloch“. In dieser Gegend finden sich verborgene Schmugglerpfade, wo in kargen Zeiten die Gewerbetreibenden sich mit Transport von geschwärztem Kaffee ihr Angebot aufstockten. Umgekehrt trieben die einheimischen Bauern illegal Vieh über grenzüberschreitende Saumpfade nach Italien, wo sie höhere Preise für ihre Tiere erzielten. Der Schmuggel war sehr gefährlich, dabei ging es manchmal um Leben und Tod, weshalb man keinesfalls Ortsbewohner zur Grenzüberwachung einsetzte. Nicht selten kam es Anschlägen auf die Exekutive, wie nachstehender Tatsachenbericht erzählt:
„Die aus Nauders gebürtigen Bauernsöhne Josef Waldegger und Johann Moriggl hatten sich am vergangenen Mittwoch vor dem Landesgericht Innsbruck wegen des Verbrechens der schweren körperlichen Beschädigung und der Übertretung der Wachebeleidigung zu verantworten. Die Finanzwachleute Stadnik und Morgenstern stießen bei ihrem Rundgang am 29. Juli 1911 auf Spuren von Schmugglern und nahmen deren Verfolgung auf. Kurz vor dem Gasthaus „Fuhrmannsloch“ zwischen Reschen und Nauders hörten die Spuren auf. Da das Fuhrmannsloch als „Schmugglernest“ bekannt ist, traten die beiden Finanzwachleute ein. Im Gasthaus zechten mehrere Burschen aus Nauders, darunter Waldegger und Moriggl. Als diese die Finanzbeamten eintreten sahen, begannen diese mit Schmähungen und lärmten an der Tür, hinter der die zwei Platz genommen hatten, sodass diese es für geraten hielten, die Türe absperren zu lassen. Um 8 Uhr abends verließen die Finanzbeamten das Gasthaus, um ihren Rundgang fortzusetzen. Waldegger beugte sich zum Fenster hinaus und rief ihnen unter lautem Gejohle der anderen Burschen das Wort „Kaffeejäger“ nach. Bald darauf kehrte Stadnik, trotz des Abratens seines Kollegen, der die gefährliche Situation erkannt hatte, ins Gasthaus zurück, um die vergessene Pfeife zu holen. Er wurde mit Schimpfworten empfangen und nach kurzem Wortwechsel sprang Waldegger auf ihn zu, während aus dem Hausgang zwei weitere Burschen, darunter Moriggl, herbeieilten und den Finanzwachebeamten bedrohten. Stadnik versuchte sich mit dem Gewehr zu verteidigen, wurde aber in den Hausgang gezerrt, entwaffnet und von Waldegger mit Faustschlägen und Fußtritten regaliert, wobei ihm drei Zähne eingeschlagen wurden. Nicht besser erging es Morgenstern, der seinem Kameraden zu Hilfe eilte. Er erhielt von Moriggl eine 6 ½ Zentimeter lange Risswunde am Kopf. Schließlich wurden beide Wachleute auf die Straße gedrängt, wo sie infolge der Verletzungen und aus Entkräftung bewusstlos zusammenbrachen. Beider Verletzungen waren bloß leichter Natur und hatten eine zehntägige Berufsunfähigkeit zur Folge. In der am vergangenen Mittwoch geführten Hauptverhandlung waren die Angeklagten tatsächlich geständig, suchten aber den Vorgang so darzustellen, als ob sie von den Finanzwachleuten angegriffen worden wären und sich bloß zur Wehr gesetzt hätten. Da diese beiden Geschädigten nicht erschienen waren und diese Darstellung nicht berichtigen konnten, beschloss der Gerichtshof die Verhandlung zur Einvernahme der Wachleute und weiterer Tatzeugen zu vertagen.“
Aus Nauders wurde am 11. März 1909 die Innsbrucker Nachrichten melden, der Wirtssohn von „Fuhrmannsloch“ bei Nauders, Sebastian Federspiel, unter großer Anteilnahme der Bevölkerung zu Grabe getragen, wie er zu Tode kam, wissen nur die Einheimischen.
Das Gasthaus Fuhrmannsloch steht noch heute, der Betrieb ist aber längst eingestellt, nur ein verwitterter Schriftzug erinnert an die Funktion des Gebäudes. Der Tiroler Volkskundler Dr. Karl Finsterwalder hat diesem Ort in den Schlernschriften ein historisches Denkmal gesetzt: Die Nauderer Zollrufe.
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Elfriede Endlweber aus Graz-Umgebung | 14.02.2018 | 15:43   Melden
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Friedrich Klementschitz aus Leibnitz | 14.02.2018 | 15:48   Melden
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Elfriede Endlweber aus Graz-Umgebung | 14.02.2018 | 15:52   Melden
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Friedrich Klementschitz aus Leibnitz | 14.02.2018 | 17:21   Melden
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