22.12.2017, 09:39 Uhr

"Mich wundert, dass sie so fröhlich sind"

Die Asylwerber der Übergangsstufe an der HTBLA Kaindorf trafen sich zur gemeinsamen Weihnachtsfeier. Lesen Sie dazu den Bericht einer Betreuerin, die von Beginn an die Übergangsklassen begleitet hat und sich jeden Tag unermüdlich für diese jungen Menschen einsetzt, geschrieben wurde.

„Fröhliche Weihnachten“, das ist jetzt überall zu hören. Selten aber trifft man auf so intensiv gelebte Fröhlichkeit wie im Carl Rotky-Saal im Kulturzentrum Leibnitz. Da geht es allerdings nicht um Unterhaltung, sondern um ernsthaftes Lernen. Die Übergangsklasse der HTL-Kaindorf mit 18 jungen Geflüchteten hat dort ihr Domizil gefunden und wer morgens knapp vor 8 Uhr diesen Raum betritt, wird gleich mit hineingenommen in ein fröhliches Stimmgewirr von verschiedenen Sprachen: Persisch, Dari, Arabisch, Armenisch, Usbekisch; Somali, Urdu, Englisch und – Deutsch. Selbstverständlich. Denn ausreichende Deutschkenntnisse sind die Voraussetzung für die Aufnahme in die Klasse und auch für die Verständigung untereinander. Der Stundenplan ist fordernd: Deutsch, Englisch, Mathematik, Physik, Chemie, Geografie, Ethik, Persönlichkeitsbildung, Geographie, Geschichte, Werkstatt und Sport. Heuer ist es das dritte Jahr, dass diese Klasse geführt wird, zum ersten Mal sind auch Mädchen dabei: die Jüngste, Ambreen aus Afghanistan ist 16, und Hamda, die „schwarze Prinzessin“ aus Somalia 20.

Viel respektvoller ist der Umgang untereinander in diesem Jahr als in den reinen Burschenklassen der vorigen Jahre, sagt die Lehrerin. Der Einzugsbereich der Übergangsklasse reicht von Werndorf bis Mureck. Die Ursprungsländer der Schüler erstrecken sich von Afghanistan im Mittleren Osten über den Iran und Irak, Somalia und Nigeria in Afrika bis Marokko in Nordwestafrika. Eine spannende Kombination, die ganz ohne nationale Reibereien abgeht.

So bunt wie die Palette der Herkunftsländer der Schüler ist auch die Reihe außergewöhnlicher Talente. Abdulhadi aus Marokko ist ein begnadeter Trommler
Mehdi aus Mureck malt und zeichnet wie ein Profi, Manjeet aus dem nordindischen Volk der Sikh, der aus religiösen Gründen seine hüftlangen Haare unter einen Turban bindet, hat eine außergewöhnliche Gabe liebevoll mit Menschen in Seniorenheimen oder Behindertenprojekten umzugehen, und Sylvester aus Nigeria singt Gospels mit ganzer Seele und ganzem Körper, dass man meint noch nie einen so innigen Lobpreis Gottes gehört zu haben.

Schule ist Schule, klar. Wenn, wie hier, die Lehrpersonen ihre Methodik auf die besondere Situation ihrer Schüler abstimmen, lassen sich auch schwierige Materien bewältigen. Dass das Kennenlernen der Vielfalt der Kulturen der Herkunftsländer ihrer Schüler auch für die Lehrenden eine große Bereicherung ist, liegt auf der Hand: Und es geht nicht nur um Wissensvermittlung sondern auch um Begleitung dieser großteils elternlosen Jugendlichen in einem ihnen fremden Land. So engagiert, dass man weiß, was aus denen geworden ist, die in den beiden früheren Jahren diese besondere Klasse besucht haben. Da gibt es Erfolgsmeldungen und traurige Geschichten. Stolz liest sich die Liste derer, die es in weiterführende Schule geschafft haben: drei ins Gymnasium für Berufstätige, zwei in die Modeschule, zwei in die Bulme, HLW-Übergangsklasse in Mureck und in Graz, Pedram besucht di HAK in Leibnitz, Lehrstellen sind schwer zu bekommen. Der Lehrvertrag als Gastronomiefachmann im Hotelrestaurant Steirerland und die Aufnahme in die Berufsschule in Gleichenberg legen Zeugnis ab von Begabung, Disziplin und Beliebtheit eines jungen Afghanen, ein weiterer ist noch in Probezeit im Hotel Post, einer arbeitet bei Gady in Lebring, andere machten die Pflichtschulabschlussklasse als Voraussetzung für eine Lehrstelle. Allesamt waren und sind sie Asylwerber, junge Leute,die Österreich routinemäßig in ihr Herkunftsland zurückschicken will. Unsicherheit über ihre Zukunft ist ihr ständiger Begleiter. Dass sie trotzdem hochfliegende Pläne haben, sich in Deutsch perfektionieren und Berufsausbildungen anstreben, kann man nur bewundern.

Der „Negativbescheid“ ist die Horrorvision, mit der sie leben müssen. Die Polizei kommt frühmorgens und transportiert sie ab. Mitten im Schuljahr. In ein Flüchtlingslager in Kroatien. Nach Italien oder in ein Schubhaftzentrum. Manche kommen dem mit einer Flucht in ein anderes Land zuvor. Da saß einer noch zu Schulanfang erwartungsvoll in der 1. Klasse der Obst- und Weinbauschule Silberberg, machte noch die Weinlese mit und stand plötzlich vor dem Aus. Er sollte nach Afghanistan zurück, obwohl seine Heimatprovinz von Taliban besetzt ist. Der Gedanke, was die mit ihm machen werden, versetzt ihn in Panik. Töten oder getötet werden, Mörder oder Opfer, das sind die Alternativen für einen jungen Mann, der als Krieger in den Dschihad zu ziehen hat. Davor ist er geflüchtet. Bevor die Polizei kommt, macht er sich ein zweites Mal auf die Flucht, in ein anderes europäisches Land. Er schläft auf der Straße in Paris. Wie Mahmud vor ihm in Mailand. Herzzerreißende Bilder mit dem letzten Handyguthaben versendet. Doch sie können auf die Solidarität jener zählen, die sich Monate vor ihnen zum zweiten Mal auf den Weg gemacht haben. Fünf ehemalige Schüler sind es jetzt, die mit einem Negativbescheid Österreich verlassen mussten.

Und trotzdem: Die hier im Kulturzentrum jeden Morgen in ihre Klasse kommen, verlieren ihren Mut und ihre Fröhlichkeit nicht. Sie lernen, sie lachen, sie singen, sie tanzen, sie trommeln – und sie hoffen. Alle. Auf eine bessere Zukunft ohne Angst.

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Friedrich Klementschitz aus Leibnitz | 01.01.2018 | 17:02   Melden
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