13.11.2016, 12:41 Uhr

Teuflische Finsternis

Der dunkle Monat November ist die Zeit des erwünschten Gruselns. Hunderte Gestalten mit schockierendem Aussehen paradieren durch die Orte. Für Eltern die Gelegenheit, ihren Nachwuchs entstellte Gesichter bei Dunkelheit zu präsentieren.

Für die Menschen der Frühzeit spielte die Finsternis eine unheimliche Rolle. Das Dunkle, das Schwarze, rief Panik hervor. Eine Abneigung gegen die Nacht hatte sich schon bei den Menschen der Altsteinzeit verinnerlicht, die ängstlich die Nähe des nächtlichen Höhlenfeuers suchten. Der Lichtschein der Flammen vertrieb Raubtiere und verhinderte den unbemerkten Zutritt in den Wohnbereich.

Die Religionen teilten die Welt in das Gute und Böse, in hell und dunkel. Das Böse war für alle Übel der Welt verantwortlich, besonders Krankheit und Tod gingen auf dessen Konto. Die teuflische Gestalt des Fürsten der Finsternis und galt als reale Bedrohung. Kein Wunder, wenn sich die Menschen dem Licht zuwandten, um Dämonen auszuweichen. Noch heute hoffen wir, mit dem Licht einer gespendeten Kerze das Böse zu bannen. Die anbrechende Nacht fürchteten besonders jene, die sich nicht die kleinste Funzel als Lichtquelle leisten konnten. In vorchristlicher Zeit hellte die Öllampe die Nächte der ärmeren Bevölkerungsschichten auf. In der Antike war die im 2. Jhd. n. Chr. erfundene Kerze noch ein unerschwinglicher Luxus. Nur Reiche konnten sich die Annehmlichkeit dieser Lichtquelle leisten. Erst mit der Erfindung der Glühbirne erfährt das Licht eine Demokratisierung.

Die Landbevölkerung vegetierte früher in ärmlichen Hütten und verkroch sich bei Sonnenuntergang auf das gemeinsame Strohlager. Wer konnte, blieb in alten Zeiten nachts im Haus oder vermied zumindest Plätze, die keines guten Rufes sich rühmen konnten. Verrufen waren Orte, die in dunklen Tälern in der Nähe von Mooren lagen. Die Wege durch Sümpfe waren sehr gefährlich, weil sich die Menschen in der völligen Dunkelheit leicht verirren und vom sicheren Weg abkommen konnten. Der Gedanke an eine verlöschende Laterne in stockdunkler, stürmischer Nacht ließ den einsamen Wanderer erschaudern. Manche Pfade galten als tödliches Gelände, in dem man leicht die Orientierung verlieren konnte. Je dunkler die Nacht, desto gefährlicher die Wege. Wer Glück hatte, konnte sich nach dem Mondlicht orientieren. Viele prägten sich die Wege genau ein und benützten nachts eine gute Laterne. In den einsamen Gegenden auf Hilfe zu rechnen, war meistens vergeblich.

Neben Wettergefahren und Stolpersteinen lauerten in der Dunkelheit üble Zeitgenossen an den Wegen auf Beute. Mit Messern bewaffnete Räuber und Diebsgesindel passten in der Nacht Reisende ab, um sich ihrer Habe zu bemächtigen. Sie kamen dabei auf wahrlich teuflische Ideen. Sie spannten Seile in Kopfhöhe über die Wege, mit denen sich flüchtende Opfer in der Nacht selbst erdrosselten. Einen gewissen Schutz vor Kriminellen boten Gruppenreisen. Wer als Räuber oder Wegelagerer ertappt wurde, dem drohten drakonische Strafen. Sie endeten am Strick, und zwar gleich am Ort des Verbrechens.

Bevorstehende Exekutionen von Straßenräubern lockten die Volksmasse an, die von Empathie und Schadenfreude für die Delinquenten hin und her gerissen war. Die Ortschaften im steirischen Weinland sahen damals nicht sehr einladend aus, weil Galgen wie Funkmasten die Straßen säumten. Von Pfählen glotzten aufgesteckte Menschenköpfe auf die Reisenden herab. Leichen baumelten an Stricken und auf Rädern, wenn noch etwas davon noch übrig war. Die Geräderten lagen mit zerschmettertem Rückgrat und gebrochenen Extremitäten tagelang wimmernd auf einem auf einer Stange montiertem Wagenrad, bis sie der gnädige Tod erlöste.

Der plötzliche Anblick eines Hingerichteten im Laternenschein, durch dessen Gebeine der Wind pfiff, ging besonders Passanten in finsterer Nacht durch Mark und Bein. In stürmischen Nächten transportierte der Wind das schauerliche Winseln der Todgeweihten durch die Dunkelheit. Die Reisenden nannten diese Erscheinung den „heulenden Teufel“. Man wusste aber nicht, wer schrie, ein Hilfsbedürftiger oder der Leibhaftige.

Schutzmaßnahmen gegen nächtliche Unholde

Die Landmenschen glaubten nicht nur an ihre Religionen, auch an Geister und Dämonen. Schauderhafte Hunde spukten um verfluchte Gräber und um die Pestkreuze. Diese gespenstischen Wesen gingen als „Schwarze Wuzzel“ in den steirischen Aberglauben ein. Selbst wenn der Mensch nun weiß, dass solche Visionen nicht real sind, jagen sie nächtlichen Fußgängern Furcht ein. Damals trugen Nachtschwärmer oft Waffen mit sich, um gegen hinterhältige Angriffe gewappnet zu sein, die sie schnell, oft zu schnell, bei der Hand hatten. Gegen Hieb und Stich sollten Amulette vom „Allermannsharnisch“ schützen.

Im Mittelalter bestand außerdem die Angst, der Teufel könnte beim Schlafen durch den geöffneten Mund in den Körper eindringen. Um das zu verhindern, steckte man in Irland und England Leichen Steine in den Mund, wie etliche Skelettfunde in diesen Ländern beweisen. Besonders Kindern schärfte man ein, im Schlaf den Mund geschlossen zu halten. Möglicherweise geht auch der Gebrauch des Most-Schnullers für steirische Kleinkinder auf diesen Aberglauben zurück. Bei uns schützten sich die Landbewohner mit dem Kraut Beifuß (Artemisia vulgaris) gegen den Teufel. Wenn seine Wurzel über der Haustüre hängt, dann ist das Gebäude gegen jeden Spuk gefeit. Das Johanniskraut sollte ebenfalls Unholde verjagen können. Der Schlesier nannte es darum Jageteufel und der Schweizer Hexenkraut.

Beliebte Schauergeschichten

Weil die Landleute teures Leuchtöl (Rüböl) sparen wollten, benutzten sie ein brennendes Kienholz als Notlicht. Sie suchten ohnehin bald nach dem Sonnenuntergang ihre Schlafplätze auf. Bis Mitternacht hatten die meisten ihre erste Schlafphase beendet. Dann standen die Menschen oft wieder auf, sahen nach ihren Kindern und dem Vieh. Manche wanderten in mondhellen Nächten zum Nachbarn, um mit diesem zu plauschen. In dieser obskuren Atmosphäre entstanden oft haarsträubend gruselige Geschichten.

Es bleibe hell!

Wenn Kinder darum bitten, während der Einschlafphase das Licht nicht abzuschalten, dann ist das beklemmende Gefühl, das heute noch die Dunkelheit bei den Kleinen hervorruft, dafür verantwortlich.
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Erwin Paier sen. aus Südoststeiermark | 13.11.2016 | 18:42   Melden
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renate krska aus Neubau | 13.11.2016 | 18:56   Melden
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Otto Windisch aus Graz-Umgebung | 14.11.2016 | 09:10   Melden
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Friedrich Klementschitz aus Leibnitz | 14.11.2016 | 14:39   Melden
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Friedrich Klementschitz aus Leibnitz | 14.11.2016 | 14:43   Melden
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Friedrich Klementschitz aus Leibnitz | 14.11.2016 | 14:50   Melden
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Erwin Paier sen. aus Südoststeiermark | 14.11.2016 | 15:56   Melden
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