01.06.2017, 15:22 Uhr

Wildwest in Graz - Fortsetzung

Demonstrationen gegen die Texas Jack-Truppe:
Das Interesse, welches der Texas Jack-Gruppe entgegengebracht wurde, wird auch von der Grazer Arbeiterschaft geteilt, allerdings in ganz anderem Sinne. Das bewies die Demonstration, die den Hinterwäldlern gestern Abend seitens der Arbeiter bereitet wurde, als die Texas-Jäger nach der Vorstellung den Zirkus verließen. Eine nicht absehbare Schar von Arbeitern war gegen viertel elf Uhr plötzlich aus den nächstliegenden Straßen zum Zirkus geeilt und versuchte dort Aufstellung zu nehmen, um-wie verlautete-dem „Jack“ einen Denkzettel zu geben. Der in genügender Zahl anwesenden Sicherheitswache gelang es indes bald, die Ordnung auf der Straße wieder herzustellen. Als jedoch die Texas Jack-Truppe den Zirkus verlassen wollte, erneuerte sich der Ansturm der Arbeiter. Faustgroße Steine durchsausten die Luft und trafen teilweise die reitende Schar, aber auch teilweise unbeteiligte Passanten, die vom Zirkus heimkehrten. Auch ein Sicherheitswachmann wurde durch einen Steinwurf nicht unbedeutend verletzt. Das durch Reserven rasch verstärkte Sicherheitswachkorps trat der Ausschreitung energisch entgegen, drängte die Arbeiter und auch die Zirkusbesucher zurück und sperrte die Straßen, bis die Texas Jack-Truppe in Sicherheit war, ab. Furchtbares Gejohle, Pfeifen und Steinhagel begleiteten den Abzug der Truppe. Die Sicherheitswache nahm mehrere Verhaftungen vor und fand bei einzelnen Demonstranten große Steine in den Säcken. Außer dem verletzten Sicherheitswachmann wurden auch einzelne Zirkusbesucher durch Steinwürfe verletzt. Die Ursache der Demonstration bildete der Umstand, dass Texas Jack, wie seinerzeit berichtet wurde, gelegentlich der letzten Arbeiterkrawalle in Wien der Polizei dadurch behilflich sein wollte, dass er Arbeiter mit dem Lasso einzufangen versuchte. Anlässlich dieser Vorgänge in Wien schrieb damals das „Wiener Tagblatt“: „Unter diesen Verhafteten vermissen wir aber einen. Auf der Feuerwerkswiese im Prater hielt Texas Jack mit seiner Truppe eine Probe ab. Als er sah, wie die Polizei Arbeitern nacheilte, wollte er sich – so wird berichtet – gefällig erweisen und warf mit dem Lasso nach den Arbeitern. Und dieser Mensch wurde nicht verhaftet! Bewahrheitet sich die obige Darstellung, so hätte er sofort verhaftet und in seine westliche Heimat abgeschoben werden sollen. Die Sitten des rauen Westens brauchen wir nicht. Der Prater ist noch keine Prairie. Wenn man schon Versammlungen verbietet, geht es denn doch nicht an, dass Arbeiter mit dem Lasso eingefangen werden, wie wären sie Büffel. Die Arbeiter sind doch gewissermaßen auch Menschen. Das ist ein unerhörtes Vorkommnis, das Empörung wachruft. Das fehlte uns noch!“

Von der Polizei geht uns folgender Bericht zu: Während der gestrigen Zirkusvorstellung sammelten sich mehrere hundert Arbeiter in der Keplerstraße vor dem Zirkus an, um einen Exzess zu verüben. Als die Texasreiter den Zirkus verlassen hatten, johlte und pfiff die angesammelte Menge laut und begann mit Schottersteinen gegen die Texasreiter zu werfen, ohne dass die Sicherheitswache, welche in größerer Zahl aufgeboten worden war, ganz verhindern konnte. Ein Wachmann wurde durch einen Steinwurf am Auge verletzt. Auch an dem Exzess unbeteiligte Zirkusbesucher, welche sich nach Hause begeben wollten, wurden von Steinen getroffen. Den Sicherheitswachen gelang es, mehrere Exzedenten, welche teils Steine warfen, teils pfiffen und johlten, aus der Menge zu arretieren. Die Ursache zu dieser Demonstration und dem Exzess soll der Umstand sein, dass die Texasreiter bei den letzten Arbeiterexzessen in Wien der dortigen Polizei Hilfe leisteten, indem sie Demonstranten mit dem Lasso fingen. Arretiert wurden die Fabrikarbeiter Johann Preininger, Josef Salzleitner, Johann Hampo, Franz Rath und Anton Windegger, die Taglöhner Franz Kartatsch und Josef Trummer, ferner der Polierer Johann Gräbena (auch Wagner), der Schlossergehilfe Franz Gahornig und der Schlosserlehrling August Mitteregger.

Die Vorstellung vom 20. Juni 1895 auf der Grazer Trabrennbahn
Grazer Tagblatt vom 21. Juni 1895.

Die schneidigen Präriereiter, welche die Arbeiterdemonstrationen nach der vorgestrigen Zirkusvorstellung eine unfreiwillige Reklame gemacht haben, hatten bei ihren gestern auf der Trab-Rennbahn im Park der Industriehalle in Graz veranstalteten Produktionen sich eines außerordentlich zahlreichen Besuches seitens unseres sportfreundlichen Publikums zu erfreuen. Alle Plätze waren gut besetzt, in den Logen auf den Tribünen hatten unter anderen Don Alfonsio mit Gemahlin, Markgraf und Markgräfin Pallavicini, Graf Meran, Baron und Bronin Latinovits, Dr. Stephan Baron Washington, Baron Kulmer mit Familie, Baron Lazarini und viele andere Mitglieder der Aristokratie mit ihren Damen Platz genommen und die interessanten Vorführungen der Texas-Truppe trotz des heftigen, wolkenbruchartigen Gewitters, welches sich schon nach der ersten Nummer sich über den ganzen Turf entlud, mit lebhaftem Interesse verfolgt. Auch der Passepartout-Raum war dicht besetzt von schaulustigem Publikum, das nach mehreren Tausenden zählte und trotz des strömenden Regens bis zum Schluss ausharrte. Den Beginn der Vorführungen bildete das Preiswettrennen zwischen dem in der Tat Großartiges leistenden amerikanischen Reiter Texas Jack und dem bekannten, nunmehr zum Professional degradierten Rad-Rennfahrer Willy Friedrich. Es galt die Strecke von 30 Kilometern = 30 Runden zu durchmessen, wobei es Texas Jack gestattet war, sechzig Mal das Pferd zu wechseln und mit jedem die halbe Bahnhindurch im schärfsten Galopp davonzujagen. Es lässt sich schwer erweisen, dass der Radfahrer, welcher durchschnittlich ein Tempo von 1 Minute und 30 Sekunden gehalten, damit sein bestes Können eingesetzt hat; immerhin aber kann ihm bei den gegebenen Bahnverhältnissen, die gegen jene der Radfahrbahn wesentlich zurückstehen, nicht der Vorwurf gemacht werden, dass er nicht gut gefahren sei. Texas Jack hingegen hat insbesondere im fabelhaft raschen Wechsel der Pferde, welcher sich vor den Augen des Publikums abspielte, das Überraschendste und Staunenswerteste geleistet und alle Erwartungen in Gewandtheit und Reiterkühnheit weitaus übertroffen. Mit seinem sechzigmaligen Pferdewechsel, von denen sich jeder innerhalb von zwei bis drei Sekunden vollzog, legte Texas Jack die 30 Kilometer in 49 Minuten 22 Sekunden zurück, während Willy Friedrich, nahezu um zwei Runden geschlagen, in 52 Minuten 18 Sekunden einlangte. Die übrigen Vorführungen der Texas-Truppe, das Lasso werfen, der Cowboy-Sport, das Reiten von Bucking Bronchos, wilden Pferden, der Ringkampf zwischen Indianern und Cowboys auf ungesattelten Pferden, das Einfangen und Lynchen eines Pferdediebes vollzogen sich unter strömendem Regenund gestaltete sich bei jeder größeren Bewegungsfreiheit auf der Bahn weit interessanter als im Zirkus. Manch vorgeführtes Stück, wie das Schleifen eines Pferdediebes, ist bei der derben Realistik der Vorführung mehr für ein amerikanisches Publikum geeignet. Auch einer der Impresarios, der sich durch rücksichtslose Grobheit auszeichnete und dafür von einem aus dem Publikum eine schlagende Zurechtweisung erfuhr, scheint an in Amerika übliche Umgangsformen gewöhnt zu sein. Der in Chicago preisgekrönte Kunstschütze Corey, der bei strömendem Regen mit einem Winchester Repetiergewehr abwechselnd zu Pferd und zu Fuß mit unfehlbarer Sicherheit in die Luft geworfene Kugeln – erst zwei, dann drei, vier, endlich fünf Kugeln – im Fluge durchschoss, bot eine frappierende, staunenerregende Leistung. Mit Bezug auf die vorgestrigen Demonstrationen nach der Zirkusvorstellung teilte uns ein Direktionsmitglied des Grazer Trabrennvereines mit, dass an dem Tag, an welchem die in den Arbeiterblättern besprochenen Vorfälle sich angeblich im Prater ereignet haben sollen, Texas Jack gar nicht in Wien war, sondern in Graz am selben Tag mit den Herren des Grazer Trabrennverein die Unterhandlungen wegen des Auftretens in Graz gepflogen hat. Dasselbe bestätigt übrigens der Impresario, welcher zur gleichen Zeit in Graz anwesend war.

Im nächsten Beitrag geht es spannend weiter.
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