03.06.2017, 19:30 Uhr

Wildwest in Graz - Fortsetzung

"Der Schausteller Texas Jack verschwunden.
Reichspost vom Mittwoch, den 26. Juni 1895.
Vor einigen Wochen demonstrierten Arbeiter im Wiener Prater wegen des Wahlrechts. Unter dem großen Aufgebot der Sicherheitswache wurden damals den Arbeitern die Wahlrechtsgelüste auszutreiben versucht, wobei es zu Arretierungen kam. Unter den Freiwilligen im Dienste war auch der Präriejäger Texas Jack, der vor seiner Bude im Prater die Arbeiter mit dem Lasso einzufangen versuchte. Dieser Polizeihelfer brach daraufhin bald seine Zelte in Wien ab und zog nach Graz. Dort aber war seines Bleibens nicht lange. Er ist seit Samstag den 22. Juni 1895 mit zwei Reitern, dem Geschäftsführer der Gesellschaft, einem Indianer und sechs Pferden aus der Industriehalle, wo er seine Vorstellungen gab, verschwunden und lässt die aus sechsundzwanzig Personen bestehende Truppe, von allen Mitteln entblößt, im Stich. Als der Spediteur Adler aus Budapest, der an Texas Jack eine Forderung von 2000 fl. hat, Sonntag in Graz eintraf, fand er Texas Jack nicht mehr vor. Während Texas Jack mit den flüchtigen Samstag nachts aus Graz verschwand, suchte der Stallmeister Rossi bereits Freitag nachts das Weite. Derselbe soll schon seit vier Wochen keine Gage an die Mitglieder seiner Truppe mehr bezahlt haben, obwohl die Produktionen ein ganz beträchtliches Ergebnis abwarfen. Um einiges Geld zu verdienen, wollte die bedauernswerte Truppe gestern eine Vorstellung geben, die jedoch nicht gestattet wurde. Dem Vernehmen nach soll Texas Jack nach Mailand gereist sein, um dort Vorstellungen zu geben.
Nun wird die Grazer Behörde das Lasso schwingen müssen, um Texas Jack, dem Freiwilligen im Dienste des Kapitalismus, den Betrüger der armen Mitglieder seiner Truppe einzufangen. "

"Im Stich gelassen.
Grazer Tagblatt vom 24. Juli 1895
Der berühmte Indianerkämpfer, Amerikas großer Kundschafter, er ist verschwunden. Von seiner Texas Truppe, welche er schnöde im Stich gelassen, ist nichts mehr zu sehen und zu hören. Sie hat sich unfreiwillig aufgelöst und nach allen Weltrichtungen zerstreut. Nun haben auch die letzten Hinterbliebenen, denen das Schicksal wohl am härtesten mitgespielt hat, Graz verlassen. Es sind dies Frau Texas Jack mit ihrem hübschen blondköpfigen Töchterlein und die Frau des Sekretärs Thornton. Das Scheiden von Graz ist den Genannten wahrlich nicht leicht geworden. Woche um Woche verging, Texas Jack ließ sich weder bewegen, zu seiner liebenden Gattin und zu seinem Kind nach Graz zurückzukehren, noch seinen Angehörigen das Nötigste zu seinem Lebensunterhalt zu schicken. Das Wenige, das Frau Texas Jack die ganze Zeit hindurch von ihrem Gatten als Mailand erfuhr, und zwar aus Briefen, die der Sekretär Thornton an seine ebenfalls an seine zurückgelassene Frau gelangen ließ, waren fortgesetzte Vertröstungen, dass er Geld schicken werde, wenn er Geschäfte mache. Letzteres scheint aber nicht eingetreten zu sein, und so blieben Frau Texas Jack und mit ihr auch die Frau Thornton, deren Gemahl seinen Briefen ebenfalls keine Einlagen beizuschließen pflegte, in der dürftigsten Lage. Einmal scheint sich die Situation wenigstens der einen der zurückgebliebenen Frauen, der Gattin des Sekretärs, Frau Thornton, eine wenig zu bessern; sie hatte sich in ihrer Notlage an ihre Schwester in Brüssel gewendet und diese hat in Erfüllung ihrer Bitte tatsächlich einen Geldbrief nach Graz geschickt – doch da derselbe an ihren Gatten adressiert war, wurde er der Frau nicht ausgefolgt, sondern wanderte auf Nimmerwiedersehen nach Mailand, wo er dem Sekretär ausgehändigt wurde, der für den eingeschlossenen Betrag offenbar eine andere Verwendung hatte, weil er ihn trotz langen Wartens seiner Frau nicht zukommen ließ. Wo sich Texas Jack derzeit aufhält, ist auch seiner Frau in letzter Zeit nicht zuverlässig bekannt geworden; sie vermutete ihn zuletzt noch in Mailand und es überkam sie in den letzten Tagen eine unbezwingbare Sehnsucht, dahin zu ziehen. Auch Frau Thornton sah ein, dass ihres Bleibens hier nicht länger sein könne, und so entschlossen sich nun beide, Graz zu verlassen. Frau Texas Jack beabsichtigte, auf die Suche nach ihrem Gatten nach Mailand zu gehen, Frau Thornton zu ihrer Schwester nach Brüssel. Die beiden verlassenen Frauen erkundigten sich nun in den letzten Tagen sehr eingehend nach dem Leihhaus in Graz, sie nahmen ihre wenigen Habseligkeiten, darunter einige nicht sehr wertvolle Schmuckgegenstände, einen Sattel, Kleider und der gleiche, machten alles, was ihnen nur einigermaßen entbehrlich schien, zu Geld und traten nun, nicht ohne Bangen in die Zukunft blickend, ihre Reisen an. Es wäre den wenig beneidenswerten Frauen nur zu wünschen, dass sie, an ihrem Reiseziel angelangt, ihre Hoffnungen erfüllt sehen würden."

Der Schausteller und "Westernheld" Texas Jack erinnert mich an Frank Sinatra, der sich nach einem Auftritt in Wien geräuschlos verabschiedete, und zwar ganz in der Art von Texas Jack.
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