11.10.2016, 12:55 Uhr

Wozu brauchen wir einen internationalen Welt-Mädchentag?

Timea Ráth-Végh und Sandra Jakomini. (Foto: KK)

Kommentar von Timea Ráth-Végh der Frauenberatungsstelle Leibnitz.

Im März feiern wir den Tag der Frau, im Mai den Muttertag. Dann gibt es noch den Weltkindertag, den internationalen Tag der Witwen und den der Frauen in ländlichen Gebieten. Den 11. Oktober hat die UNO 2011 zum Welt-Mädchentag ausgerufen. Aber mal ehrlich – brauchen wir den? Klar und eindeutig: Ja! Warum? Weil Mädchen vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern kaum Chancen auf eine selbstbestimmte Zukunftsgestaltung haben, weil Mädchen schon mit 10, 12 Jahren und sogar noch jünger zwangsverheiratet werden, weil vor allem Mädchen in unzähligen Ländern der Welt Opfer von Kinderprostitution und anderer Formen von Gewalt sind, weil Mädchen aufgrund katastrophaler hygienischer Verhältnisse in Schulen während ihrer Periode oft nur das Fernbleiben von Unterricht übrig bleibt und sie so wertvolle Ausbildungszeit versäumen, von Stigmatisierung nicht zu reden. Die Liste ist lang, die Diskriminierungen aufgrund des Geschlechts vielfältig. Auch der Blick in unsere heimischen Gefilde ist eher ernüchternd und konfrontiert uns mit der schwindenden Bedeutung von Feminismus. Die Gleichberechtigungsansätze bewegen sich noch immer in der patriarchalen Gesellschaftspolitik. Der Staat fühlt sich zwar für die formale Gewährleistung im Rahmen der Gleichberechtigung zuständig, zieht sich aber aus der aktiven Gestaltung weitestgehend zurück und überlässt es der Bevölkerung, Gleichberechtigung umzusetzen. Konsequenz ist der nach wie vor segmentierte Arbeitsmarkt und die neoliberale Verwertung vom weiblichen Körper im wirtschaftlichen Zusammenhang. Begriffe wie die „gläserne Decke“ sind nach wie vor Realität, die Unterrepräsentation von Frauen in den obersten Chefetagen Fakt. Quotierungsbemühungen etwa an deutschsprachigen Universitäten versagen und sogar der Blick in Länder wie die Türkei und Indien zeigt verblüffendes: während bei uns weniger als 10% der Lehrstühle mit Frauen besetzt sind, punkten diese Länder mit einer Professorinnen-Quote von annähernd 40%! Ja, wir brauchen einen Welt-Mädchentag, denn Mädchen sind eine vielfach diskriminierte Bevölkerungsgruppe mit besonderen Bedürfnissen ohne eigene Stimme. Begleitkampagnen zum Welt-Mädchentag verfolgen das Ziel, Möglichkeiten zur Verbesserung der Situation von Mädchen weltweit aufzuzeigen und Mädchen sichtbar zu machen. Zu Recht! Auch wir begleiten Mädchen mit unserem vom Fonds Gesundes Österreich und dem Land Steiermark geförderten Gesundheitsprojekt GO! Girls Only durch gesundheitliche Kapazitätsbildung und Mobilisierung individueller Stärken zu mehr Selbstbewusstsein und Optimierung des sozialen Wohlbefindens und begehen diesen Tag mit den Ruf nach Achtsamkeit im Umgang mit der wichtigen Bevölkerungsgruppe der Mädchen als Mitgestalterinnen unserer Gesellschaft.

Timea Ráth-Végh,
Projektmanagement GO! Girls Only
verein-freiraum
FRAUEN Servicestelle des Bundes – Leibnitz


Gedanken einer Türkin, die in Leibnitz lebt, zum Weltmädchentag
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