22.10.2017, 11:47 Uhr

„Das Schwarzbrot vermisse ich am meisten“

Ewald Friedl (li.) mit seinem 85-jährigen Vater Johann. Erst kürzlich besuchte er seine Eltern in Kraubath, mit dem Zug ging es in achtstündiger Fahrt wieder retour nach Belgien. (Foto: Höbenreich)

Ewald Friedl aus Kraubath hat die Stadt Aarschot in Belgien zu seiner zweiten Heimat gemacht. Die Liebe und die Arbeit brachten ihn dorthin.

Dass aus einem kurzen Besuch mehr als 20 Jahre werden würden, die Ewald Friedl nun schon in Belgien lebt, hätte er sich selbst nicht gedacht. „Auszuwandern war nicht geplant, es hat sich so ergeben“, schmunzelt der heute 60-Jährige. Und zwar so: „Ich war als Schilehrer in der Ramsau tätig, als ich 1993 Suzy, eine Belgierin, in meiner Gruppe hatte. Wir haben uns verliebt und in den kommenden Jahren habe ich sie immer wieder in Belgien besucht. 1996 hatte sie einen Unfall, bei dem sie sich einen Bänderriss zuzog und nur im Rollstuhl sitzen konnte. Zur Unterstützung bin ich zu ihr gereist. Ich hörte immer wieder von allen Seiten, dass es in Belgien für mich keine Arbeit gäbe. Dass man Arbeit bekommt, wenn man nur will, das wollte ich beweisen“, erinnert sich Friedl, der als Jugendlicher nach dem  Gymnasium in Judenburg in Graz Technische Mathematik zu studieren begann, abbrach und fortan als Schilehrer tätig und auch oft auf Montage war.

In vier Tagen Job gefunden

Gesagt, getan. An einem Montag begann der damals 39-Jährige mit der Arbeitssuche in der rund 29.000 Einwohner zählenden Stadt Aarschot, die rund 40 Kilometer von Brüssel entfernt liegt. Am Donnerstag derselben Woche hatte er eine Stelle gefunden. „Ich bin dann am Freitag nach Hause geflogen, habe die nötigsten Sachen zusammengepackt, bin wieder nach Belgien zurückgekehrt und habe am Montag mit der Arbeit begonnen. Und zwar in der industriellen Wäscherei Atomic, wo ich mittlerweile Abteilungsleiter und für die gesamte Organisation zuständig bin“, erzählt er. Dass er solange bleiben würde, damit habe er nicht gerechnet. „Ich dachte damals an einige Monate. Jetzt sind es 21 Jahre.“

Steirischer Dialekt

Mit der niederländischen Sprache habe er keine allzu großen Probleme gehabt, zumal er als Schilehrer bereits viel Erfahrung damit gemacht hatte, weil er immer wieder belgische Urlauber unterrichtete. „Mit meiner Lebensgefährtin Suzy spreche ich in meinem steirischen Dialekt, sie versteht mich bestens. Und sie spricht niederländisch mit mir“, erzählt Friedl, der sich sein Steirisch zu hundert Prozent erhalten hat. Rund viermal im Jahr kommt er nach Hause zu seinen Eltern in den Kraubathgraben. „Das ist halt meine richtige Heimat und ich freue mich jedesmal auf die Besuche.“

Mehrere Kilo Schwarzbrot

Und jedes Mal müssen bestimmte Dinge mit nach Belgien. „Was ich dort am meisten vermisse, ist das Schwarzbrot. In Belgien gibt es fast nur weiße Baguettes, und davon wird man ja nicht satt. Also nehme ich immer einige Kilo Schwarzbrot von hier mit und friere sie ein. Außerdem müssen Kernöl, die herrlichen Wurstwaren, Speck und Obstler mit ins Gepäck. Dinge, die so in Belgien nicht erhältlich sind“, sagt der 60-Jährige, der, seit er ausgewandert ist, die Schönheit Österreichs und auch die Qualität der Lebensmittel viel mehr zu schätzen weiß. Beim Bier gebe es allerdings nicht so große Unterschiede. „Das Cristal Alken ist so ähnlich wie das Gösser und kommt auch aus einer Brauerei des Heineken-Konzerns.“

Zu Hause im Kraubathgraben

Erst vor kurzem war Ewald Friedl wieder zu Hause in Kraubath. Sein 85-jähriger Vater Johann war schon einige Male auf Gegenbesuch in Aarschot, wo er sich über die raschen Wetterwechsel aufgrund der flachen Gegend sehr gewundert hat. "Da kamen Gewitterwolken auf und schon hat's gegossen. Da ist halt nichts, was das Wetter aufhalten könnte", erzählt der 85-Jährige.
Ewald unternimmt während seiner Heimatbesuche gerne Wanderungen. "Etwa hinauf auf’s Kraubatheck. Dann genieße ich die Anhöhen und Berge, denn in Belgien ist die Landschaft ja komplett flach. Wenn es regnet, stehen dort wochenlang die Pfützen, weil das Wasser nicht abrinnen kann", sagt er.

Zukunft? Offen!

In fünf Jahren lacht die Pension. „Wir werden sehen, wie's dann weitergeht, denn bestimmte Pläne habe ich nicht“, sagt Friedl, der auch in diesem Fall die Zukunft einfach auf sich zukommen lässt. 
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