12.08.2016, 13:42 Uhr

Mein Schüler Achtarmamad

Gerhard Thewanger bei der "Deutschstunde" mit seinem Schüler Achtar aus Afghanistan. (Foto: KK)

Wie lehrt man einen Afghanen, der weder Deutsch noch Englisch spricht, die lateinische Schrift?

MAUTERN (wg). Gerhard Thewanger, der ehemalige Mauterner Bürgermeister, engagiert sich in der Integration von Asylwerbern. Im Jahr 2014 hat er einem syrischen Asylwerber bis zur Entscheidung über sein Asylansuchen kostenlos Quartier geboten. Seit einiger Zeit hilft er bei der Betreuung von unbegleiteten minderjährigen Jugendlichen, die in Mautern untergebracht sind, mit. Einem 17 Jahre alten Asylwerber aus Afghanistan gibt der pensionierte Volksschuldirektor Deutsch-Unterricht. Der WOCHE hat er über die Erfahrungen mit seinem Schüler berichtet.


Verständigung

Achtar ist 17, sagt er, und stammt aus Afghanistan. Eigentlich heißt er Achtarmamad. Aber er ist damit einverstanden, dass ich ihn einfach Achtar nenne. Auch ich habe nichts dagegen, dass er "Baba" zu mir sagt, was so viel wie Vater oder gnädiger Herr bedeutet.
Achtar spricht weder Deutsch noch Englisch. Er spricht nur Dari. In der Grundschule hat er auch die persische Schrift, eine modifizierte Art des arabischen Alphabets, gelernt. Diese Schriftzeichen, Bildern ähnlich, werden von rechts nach links geschrieben und gelesen.


Schieflage

Wenn ich mit meinem Schüler nun die lateinischen Buchstaben übe, so rutscht das Heft – und mit ihm Achtar – stets in eine bedenkliche Schieflage. Liegt sein Oberkörper schluss- endlich am Tisch, richte ich den Übenden wieder auf und wir beginnen mit einer neuen Zeile.
In unserer täglichen Deutschstunde zeichne ich ihm die lateinischen Buchstaben vor. Von links nach rechts. Und wieder - von links nach rechts. Immer wieder.
Zum Beispiel, wir üben das kleine "b". Wir beginnen den Buchstaben links mit einem langen vertikalen Strich, dem wir auf der Zeile eine Rundung anfügen. Strich – Bauch. Strich – Bauch. Strich – Bauch.
Dabei fahre ich mit meiner rechten Hand hoch ausholend von oben nach unten und langsam einmal über meinen gewölbten Bauch. Strich – Bauch. Strich – Bauch.


Asylansuchen

Achtar schreibt und lacht dabei, als wäre er nicht 17, sondern erst sieben Jahre alt. Achtarmamad hat um Asyl angesucht. Er möchte in Österreich bleiben und Lehrer werden.
Achtarmamad wurde seinen Angaben nach am 1. März 1999 in Kabul geboren. Er gehört der Volksgruppe der Tadschiken an und ist ein sunnitischer Moslem. Er hat sechs Jahre lang die Schule besucht und dort Dari schreiben und lesen gelernt.
Die Afghanen, erklärt er mir, nennen so ihre Muttersprache. Die Iraner nennen sie Farsi, die persische Sprache, die in vielen Ländern dieser Region gesprochen wird.
Achtar ist Vollwaise. Seine Eltern und seine drei Geschwister sollen durch eine Bombe ums Leben gekommen sein. Zu Fuß und per Anhalter ist er über die Türkei, Bulgarien, Rumänien, Serbien und Ungarn nach Österreich gekommen. Er berichtet auch, dass er in Traiskirchen das erste Mal zu seiner Flucht befragt wurde. Ganze 15 Minuten lang.


Glauben

Achtar glaubt an Allah. Der Mullah und die Alten würden sagen, dass nur die Sunniten den richtigen Glauben haben. Jene Muslime, die an die Schia glauben, seien vom rechten Weg abgekommen.
Für ihn und die meisten Jugendlichen sei aber die Kluft zwischen Sunniten und Schiiten nicht mehr von großer Bedeutung.
An den Himmel glaube er auch. Ob auch Christen in den Himmel kommen können, wisse er nicht, und schüttelt dabei seinen Kopf. Als ich ihm sage, dass wohl alle guten Menschen, welcher Religion sie auch angehören, dorthin gelangen könnten, nickt er zustimmend.

Koran

Achtar kann auch die arabische Schrift lesen. Auf meine Frage, ob er schon einmal die 114 Suren des Korans gelesen habe, verneint er lächelnd.
Wenn Achtar 18 Jahre alt ist, muss er das Heim für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge verlassen. Er wird mir fehlen.
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