19.10.2014, 17:23 Uhr

Maria bricht kurz vor ihrem eigenen Tod das seit Jahrzenten andauernde Schweigen.

Wie alles begann: Maria war weißhaarig, vielleicht 70 oder 80 Jahre alt. Sie hatte einen kleinen Hund. Da ich – seit ich in Pension bin - selbst täglich mit einen Hund Gassi gehe, trafen wir uns und grüßten einander. Monate später sah ich Maria zunehmend seltener. Sie ließ ihre Hündin bei der Haustüre raus, ohne selbst das Haus zu verlassen. Auf Anfrage sagte sie, es ginge ihr gut.
Doch die Wahrheit dürfte das bereits nicht mehr gewesen sein.
Eines Tages stellten wir fest, das wir besagte Nachbarin und ihre Hündin seit 3 Tagen nicht mehr gesehen hatten. Nun ging es um die Frage: wegsehen oder hinsehen? Die alte Dame wahr sehr menschenscheu gewesen. Ich sah hin, ging zu ihrer Wohnung. Noch lebte sie, aber das Gassi gehen musste jemand anderer übernehmen. Heimhilfe ec wurde eingerichtet. Eines Tages ergab sich die
Chance, das eine Seniorin mit Garten einen alten kleinen Hund suchten. Maria war damit einverstanden, das ihre Hündin ihr zu Hause wechselte.
Binnen weniger Wochen brach es anschließend aus ihr heraus: Sie begann mit mir über ihre Kindheit, ihre Ehe und ihre einzige Tochter an zu reden. Geboren im Krieg war die Kleine 5 Jahre alt. Beständig musste Maria mit ihrer Tochter in den Keller flüchten, weil wieder die Sirenen heulten.
Auch die Nachbarn waren im Keller, darunter ein Mann mit offener TBC. Er konnte so schöne Geschichten erzählen. Maria zerbrach es das Herz, aber sie vermochte ihrer Tochter nicht klar zu machen, dass das Kind sich selbst in Lebensgefahr begibt, wenn sie immer wieder zu diesem Nachbarn ging, der so herzerweichend liebevoll seine Geschichten erzählen konnte. Über den Köpfen flogen die Flugzeuge und warfen Bomben ab.
Eines Tages kam der Nachbar nicht mehr in den Keller.
Wenige Wochen später begann ihr Kind zu fiebern an und kam ins Krankenhaus. Die 5 jährige hatte sich beim TBC erkrankten Nachbarn angesteckt. Maria ging täglich ihre Tochter im Krankenhaus besuchen. Keine 2- 3 Bett zimmer, sondern 10 – 20 Patienten in einem Raum. Kinder und Erwachsene gemischt.
Beim letzten Besuch im Krankenhaus erkannte Maria ihre Tochter nicht mehr: Sie ging am Bett ihrer im Sterbeprozess befindlichen Tochter einfach vorbei.
Der Ehemann im Krieg wollte die Mutter gerne selbst das Begräbnis ihr 5 jährig verstorbenen Tochter in Auftrag geben bei einem Bestatter. Doch es war Krieg. Im Krankenhaus sagte das Personal zu Maria, das sie sich selbst nicht um das Begräbnis sich kümmern müsse, weil das Krankenhaus sich darum kümmern würde.
Maria erfuhr erst dank meiner Nachforschungen kurz vor ihrem eigenen Tod, wann und wo ihre Tochter begraben wurde.
Maria vermochte sich diese Begebenheiten Zeit ihres Lebens selbst nicht verzeihen. Die Ehe zerbrach wenige Jahre nach dem Tod der gemeinsamen Tochter, dem gemeinsamen einzigen Kind.
Maria zog zu den eigenen Eltern wieder nach Hause. Innerlich versteinert fing Sie in einem Plattengeschäft zu arbeiten an bis zu ihrer Pension. In der Wohnung – einem Wiener Gemeindebau - verlebte sie den Rest ihres Lebens.
Kurz vor ihrem Tod brach Sie ihr Schweigen. Zum ersten mal sprach sie
über ihre verstorbene Tochter. Begleitet von Fragen: werde ich meine Tochter wiedersehen? Gibt es einem Leben nach dem Tod? Glaubst Du daran? wurde ich gefragt (Meine Reaktion: Ja, ich glaube daran, das Verstorbene uns nur vorausgegangen sind) Werde ich meine Tochter dieses mal erkennen? Wird
meine Tochter mir verzeihen? Maria starb 2009 friedlich.

Haben Sie ähnliches erlebt und möchten Sie Ihre Geschichte mit anderen teilen?
Schreiben Sie an die
Redaktion Sternenkind.info
Gunnhild Fenia Tegenthoff
A 1020 Wien, Schüttelstrasse 5/1/EG/2
oder online: www.sternenkind.info
0
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.