15.11.2016, 11:34 Uhr

Ist „soziale Gerechtigkeit“ ungerecht?

Wir müssen einfach nur GERECHT sein, also möglichst jedem einzelnen gerecht werden…

„Soziale Gerechtigkeit“, ist eines der beliebtesten Schlagwörter unserer Tage. Was aber bedeutet das genau? Wenn Gerechtigkeit gerecht ist – was ist dann "soziale Gerechtigkeit"? Warum wird das Wort „sozial“ vorangestellt? Würde es nicht völlig genügen, einfach von Gerechtigkeit zu sprechen?

Es gibt zwei Möglichkeiten: entweder „soziale Gerechtigkeit“ und „Gerechtigkeit“ bedeutet das gleiche. Dann ist das Attribut „sozial“ ein unnötiges Füllwort. (Vielleicht, weil viele denken: „SOZIAL", klingt immer gut?“) Wahrscheinlicher aber ist, dass sehr wohl etwas anderes gemeint ist: dass mit dem Wort „sozial“, also ganz bestimmte Vorstellungen verbunden werden! Dass Gerechtigkeit vor allem aus einer ganz bestimmten, subjektiven Perspektive gesehen werden soll… Dies wäre dann allerdings - aus vielen anderen Perspektiven - ungerecht! Denn wirklich gerecht werden, kann man ohnehin jeweils nur einem einzelnen Individuum in einer konkreten Situation.

„Sozial“, bezieht sich immer auf die anderen. Es könnte also bedeuten, mit anderen mitzufühlen, für sie Verständnis aufzubringen, einander zu helfen. Es kann aber auch gemeint sein, Ungleiche(s) gleich zu machen! Da dies jedoch im Grunde höchstens auf materieller Ebene möglich ist, wird mit „sozialer Gerechtigkeit“, letztlich meist materielle Gerechtigkeit (und möglichst: Gleichheit) gemeint. Damit werden aber sehr viele Aspekte des Lebens ausgeklammert: Gesundheit, individuelle Fähigkeiten, Intelligenz, Attraktivität – aber auch allgemeinere Begriffe, wie „Glück“ oder Lebensfreude. Dies legte dann aber nahe, dass „soziale Gerechtigkeit“, in letzter Konsequenz oft ungerecht sein muss...

Man kann natürlich sagen, „nur auf die materielle Ebene haben wir Einfluss“ – aber erstens stimmt das nicht (es gibt ja auch schon Versuche, gleichsam „Schicksal umzuverteilen“ – also etwa Menschen für empfundene oder auch reale Benachteiligungen aller Art zu entschädigen – etwa auch bezogen auf die oben genannte Kategorien) – und zweitens, wäre das auch gar keine legitime Begründung!

Echte Gleichheit wird, kann und soll es wohl nie geben. Sie zu erzielen, überstiege bei weitem unser Urteilsvermögen, ließe sich auch faktisch schwer bewerkstelligen – und hätte überdies zum Teil geradezu monströse Auswirkungen. Letztlich bedeutete es aber auch die Anmaßung, sozusagen „Gott spielen zu wollen“…

Was wir jedoch tun können: uns darum bemühen, dass Ungleichheit nicht zu groß wird. Und zwar vor allem dadurch, dass wir uns in Empathie üben, uns auch in andere hinein versetzen (um sie besser verstehen, aber auch besser mit ihnen mitfühlen zu können) – und nicht zuletzt dadurch, dass wir Rahmenbedingungen schaffen, in denen sich möglichst viele Menschen - gemäß ihren Fähigkeiten - produktiv, kreativ und konstruktiv einbringen können.

Und dann wird sich auch zeigen, dass Wettbewerb im Grunde etwas Belebendes und Schöpferisches ist!
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Alfred Kafka aus Penzing | 15.11.2016 | 17:21   Melden
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