30.12.2017, 12:20 Uhr

Zum Nachdenken

Das Kochofenmandl
Von Günther Karl Pichler
Vor langer Zeit lebte am Kochofen einem über 2000 Meter hohen Berg, so auf halben Weg zum Michaelerberghaus die Friedl und der Karl auf ihrer kleinen Bergbauern Kate. Eng angeschmiegt an den steilen Berg stand da die Hütte und daneben ein hölzerner Stall. Darin befanden sich acht Kühe, ein paar Schweine und eine kleine Herde von Schafen. Es war nicht viel, was die beiden hatten, aber sie waren glücklich, trotz der schweren Arbeit, die sie hier vollführen mussten. Sie waren jung und blickten voller Zuversicht in die Zukunft. Als die Friedl schwanger wurde und schließlich einen strammen Jungen gebar, war das Glück vollkommen. Sie nannten ihn Erich und wohl nichts konnte das junge Glück mehr zerstören. Die Jahre vergingen. Erich zählte bereits drei Jahre und wieder stand Weihnachten vor der Tür. Wie es in der Alpenregion üblich war, wurde der Stall und das Haus am heiligen Abend mit Weihrauch ausgeräuchert und dem Herrgott um seinen Segen gebeten. Es roch nach Bratäpfeln und nach Zimtsternen. Als das Glöckchen erklang und klein Erich die Stube betreten durfte, stand da ein Christbaum, hell erleuchtet im Kerzenschein. Davor lagen einige bescheidene Geschenke. Erich bekam eine handgestrickte warme West aus Schafwolle, die die Mutter in langen Nächten gestrickt hatte. Karl erhielt ein Paar warme Fäustlinge und wärmende Socken, ebenfalls aus der Schafwolle, die Friedl während der ruhigeren Wintermonate gesponnen hatte. Es war so schön und niemand ahnte, das es das letzte gemeinsame Weihnachtsfest sein sollte, Im darauf folgenden April, kurz vor Erichs Geburtstag, kam die Einberufung zur Front nach Russland. Karl musste gehen und seine Frau Frieda und den kleinen Erich in der Heimat zurück lassen. Schwer war nun die Arbeit am Hof und Frieda musste eine Kuh nach der anderen verkaufen, da sie die Arbeit nicht mehr schaffte. Vor allem die Heuernte, war trotz eifriger Hilfsbereitschaft der Nachbarn kaum zu schaffen. Und so ging es Jahr für Jahr bergab. Karl war in Russland verschollen. Der letzte Brief kam vor 2 Jahren. So fristete Frieda mit ihrem Erich ein hartes Dasein, immer in der Hoffnung, das einmal die Tür aufging und Karl hereinspazierte. Als sie an einem schönen Sommertag mit Erich wieder mal durch den Wald streifte, um Brennholz zu sammeln, hörte sie plötzlich einen entzückten Ruf Erich´s. Ich habe das Kochofen Mandl gefunden. Seine Freude war groß. Er hielt ein Wurzelholz in der Hand, das fast aussah, wie ein menschliches Wesen. 2 Astlöcher sahen aus wie Augen, 2 Äste streckte es wie Hände von sich und 2 Wurzeln ließen Füße erkennen. Oberhalb der Augen war das Holz so ausgefranzt, das man es für Haare halten konnte. Ja mit etwas Fantasie konnte man es wohl für ein Mandl halten. Stolz nahm Erich seinen Fund mit nach Hause. Das Mandl kam nicht zum gesammelten Brennholz, sondern schmückte ab sofort die gute Stube, wo es auf der alten, bemalten Truhe, die einst mit Mamas Heiratsgut an den Hof kam, einen Ehrenplatz.
Und wieder waren die Jahre vergangen, Es nahte wieder eimsl das Weihnachtsfest. Erich zählte schon sieben Jahre und half der Mutter, wo er nur konnte. Aber Mutter wurde immer trauriger und die Hoffnung, ihren geliebten Mann Karl zu sehen wurde immer geringer. Kein Lebenszeichen, kein Brief erreichte sie. Es war wieder Heiliger Abend. Ein kleiner Christbaum schmückte die Stube. Er war nur mit wenigen Kerzen bestückt, denn auch hier musste Frieda sparen. Eiskalt pfiff der Wind durch die Ritzen der Fenster, so das die Kerzen am Christbaum flackerten. Im Ofen brannte nur ein kleines Feuer, denn auch das Holz war schon sehr knapp und es lag zu viel Schnee, um welches zu sammeln. Als das Feuer immer kleiner wurde und die Stube immer kälter, viel der Blick von Frieda auf das Wurzel Mandl das wie immer auf der Truhe stand. Als Erich ihren Blick erkannte, ging er zur Truhe, um sein geliebtes Mandl zu holen. Es viel ihm wohl sehr schwer, es zu opfern. Er stand schon vor dem Ofen, hielt das Mandl in der Hand und Tränen kullerten ihm aus den Augen. Die Tränen berührten das Mandl, da begann es sich zu bewegen. Es sprang auf den Boden und stand wohl lebendig vor den erstaunten Augen von Erich und seiner Mutter. Er hüpfte auf die Ofenbank, erhob seine hölzerne Ast- Hand, das es nur so knarrte und sprach mit tiefer sonorer Stimme:“ Hunderte von Jahren habe ich im Wald gelegen und jeder der mich sah, trat auf mich, oder stieß mich zur Seite. Nur du lieber Erich hast mich erkannt und hast mich zu dir nach Hause getragen. Dafür danke ich dir und will dir nun, weil du mich mit deinen Tränen erlöst hast, drei Wünsche erfüllen.“ Erich war sehr erschrocken, als er das Mandl sprechen hörte und stotterte:“ Ich wünsche mir ein schönes Weihnachten und das wir heute am heiligen Abend nicht frieren müssen.“ Es folgte ein Donnerschlag. Im Ofen prasselte das Feuer groß und warm und vor dem Christbaum lagen Geschenke. So nun dein zweiter Wunsch, ertönte die dunkle Stimme. Ich wünsche mit, das wir wieder Vieh im Stall haben und Mutter wieder Milch für Butter und Käse hat, damit wir nicht mehr hungern müssen. Auch der Wunsch sei dir gewährt und nach einem wiederholten Donnerschlag hörte man das Muhen der Kuh und das blöken der Schafe aus dem nahen Stall. Auch der Stadel war wohl gefüllt mit duftendem Heu und vor der Hütte stapelte sich das Brennholz. Und nun zum dritten Wunsch, vernahm Erich die Stimme, wie durch einen Schleier. Das Mandl fuhr fort: „Überlege es dir gut, es ist dein letzter“ Erich überlegte lang. Nun so dachte er, will ich mir auch etwas für mich wünschen. Nach kurzem Zögern kam es ihm über die Lippen:“ Ich wünsche mir, das ich reich werde und nie mehr Hungern muss. Das Mandl rollte mit seinen Astloch Augen bedenklich hin und her und meinte reich macht nicht glücklich, aber auch dieser Wunsch sei dir gewährt. Es ertönte wieder ein Donnerschlag, der viel lauter war, als die beiden Ersten und aus der Wurzel entwich ein heller Blitz, der durch die Fensterritze gen Himmel strebte, einen langen Schweif nach sich ziehend, bis er schliesslich als hellster Stern am Himmel erstrahlte. Das Kochofen Mandl polterte zu Boden und war wieder ein lebloses Stück Holz. Erich hob es bedächtig auf und trug es wieder auf seinem Stammplatz zurück und setzte es auf die Truhe. Der Chirstbaum strahlte heller als je zuvor und die Geschenke waren reichlicher, den je. Mutters traurigem Blick konnte Erich nicht erkennen. Seine Augen richteten sich nur zum Gabentisch. Wie sehr hatte sie gehofft, Erich würde sich Vater wünschen.
So vergingen viele weiter Jahre. Erich wuchs heran als Mann und es wurde Zeit in die Welt hinauszugehen, um eine Lehre zu beginnen. Er hatte viel Erfolg und brachte es innerhalb kürzester Zeit sogar zu einer eigenen Firma. Er lernte eine nette Frau kennen, die ihm eine Tochter gebar. Aber als gestrenger Chef hatte er nur Augen für seinen Erfolg. Er vergaß seine Familie, seine Heimat, seine Freunde und seine Mutter. Auf die Frage seine Heimat zu besuchen, antwortete er stets.“ Keine Zeit, muss mich um die Firma kümmern.“ So vergingen viele Jahre. Erich wurde reich und reicher, aber glücklich wurde er nicht.
In der Heimat saß di Mutter, immer noch hoffend, das ihr geliebter Karl wieder kam. Aber dieser Wunsch wurde ihr wohl verwehrt. Sie war schon sehr krank und gebrechlich. Die Gicht plagte sie und die Arbeit wurde ihr zu schwer. So verfiel sie wieder in Armut.
Als wieder einmal er Heilige Abend naht, saß sie alleine und traurig am Stubentisch. Ihre Gedanken schweiften in der Vergangenheit. Sie dachte an die Zeit als ihnen das Kochofenmandl ein so schönes Fest bescherte. Wie damals, pfiff ein eiskalter Wind durch die Fensterritzen und die Kerze, Christbaum hatte sie keinen mehr, seit Erich in die Welt hinauszog, flackerte am Stubentisch und drohte fast, zu erlöschen. Das Feuer im Ofen wurde immer kleiner und in der Stube wurde es kalt. Mit schweren Schritten ging sie zur Truhe um das Kochofen Mandl zu holen. Es sollte ihm nochmals Wärme geben und schickte sich an,es in den Ofen zu stecken, doch sie brachte es nicht übers Herz. Sie setzte sich an auf die Ofenbank. Die Wurzel fest in der Hand haltend, schloss sie ihre Augen. Sie merkte nicht, wir das Feuer erlosch und wie kalt es in der Stube wurde. Sie verspürte eine unheimliche Wärme. Sterne leuchteten und sie schritt durch das offene Himmelstor. Ihr geliebter Karl kam ihr mit ausgebreiteten Armen entgegen und umarmte sie herzlich.
Als man sie nächsten Tag fand, saß sie noch immer, erstarrt, auf der Ofenbank. Das Kochofen Mandl fest an die Brust gedrückt. Auf ihren Lippen erstrahlte noch ein mildes Lächeln, als hätte sie ganz was schönes erlebt.
Als Erich vom Tot seiner Mutter erfuhr, reiste er in die Heimat, um sie auf dem letzten Weg zu begleiten. Nun war es wohl zu spät für ein paar liebe Worte. Seine geliebte Mutter, die ihn mit tausend Entbehrungen großgezogen hatte, sie lebte nicht mehr.

Als er die Stube betrat und das Kochofen Mandl sitzen sah, drückte er es an seine Brust. Seine Gedanken schweiften in der Vergangenheit. Es war alles so klar, als wäre es erst gestern gewesen. Nun wusste er, was das Mandl mit den Worten; “Reichtum allein macht nicht immer glücklich“, meinte. Als er wieder in seine neue Heimat reiste, nahm er das Kochofen Mandl mit und stellte es an seinem Schreibtisch. Immer wenn er streng und ungerecht zu seinen Mitarbeitern war, blinzelte ihm das Kochofen Mandl mit seinen Astlochaugen zu und mahnte ihn zur Milde. Plötzlich hatte er Zeit für seine Familie. Einmal im Jahr besuchte er sogar seine alte Heimat, seine Freunde und Alle, die ihm was bedeuteten. So hatte das Kochofen Mandl, eine ganz normale alte Wurzel mit Astlochaugen, nach so vielen Jahren doch noch Glück gebracht. Das er allerdings eine Mutter ganz vergessen hatte, konnte er nicht wieder gutmachen. Aber immer, wenn er an ihrem Grab steht, denkt er zurück an die schwere Jugendzeit. Und wenn auch einmal seine Zeit gekommen ist, hofft er, seine Mutter im Himmel wieder sehen zu dürfen um ihr zu danken.           Aus meinem Buch: "Höhle des Schicksals"
Copyright by Günther Karl Pichler Gröbming
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