24.01.2018, 08:00 Uhr

"Bürokratie-Monster ist reiner Wahnsinn"

Harald Haidler und Helmut Blaser (v.l.) freut die positive Entwicklung der heimischen Wirtschaft.

2018 soll die positive Entwicklung der Wirtschaft fortgesetzt werden. Dennoch ist ein Umdenken gewünscht.

Zu Beginn des neuen Jahres hat die WOCHE Ennstal bei Harald Haidler, Regionalstellenobmann und Helmut Blaser, Regionalstellenleiter Wirtschaftskammer Ennstal/Salzkammergut, nachgefragt, ob das wirtschaftliche Hoch auch 2018 anhält und mit welchen Problemen Unternehmer trotzdem konfrontiert sind.

Wie fällt die Bilanz 2017 aus und was sind die Prognosen für 2018?

HELMUT BLASER: Schon am Anfang des 2017er-Jahres war erkennbar, dass die Wirtschaft im Bezirk Liezen wächst. Das hat sich im Zuge der Herbstbefragung dann auch bestätigt. Die heimischen Betriebe schauen optimistisch in die Zukunft. 2018 liegen wir voll im Trend, heuer wird es vielleicht sogar noch leicht besser. Ein Grund dafür ist der Tourismus, der immer weiter wächst. Trotzdem fehlen einfach qualifizierte Mitarbeiter.

Woran liegt das?
HARALD HAIDLER: Eltern haben oft die falsche Sichtweise und verstehen nicht, dass eine Lehre gute Karrierechancen bietet. In Deutschland ist die Lehre nach der Matura gang und gäbe.

BLASER: Das Image des Lehrberufes ist noch nicht da, wo es hin sollte. Die Berufsentscheidung wird häufig von den Eltern getroffen. Sie sagen ihren Kindern, "du solltest es einmal besser haben, geh studieren". Wissensstand und Leistungsvermögen der Jugendlichen sind nicht mehr so hoch wie früher.

Seit kurzem gibt es die Ennstaler Lehrlingsakademie. Was macht sie?

BLASER: Wir versuchen Wissenslücken zu stopfen, unterrichten die Lehrlinge zum Beispiel in Betriebswirtschaft oder Arbeitsrecht. Die Jugendlichen nehmen das Angebot gerne an. 82 Lehrlinge waren in der ersten Runde dabei.

HAIDLER: Nachhilfe gibt es nur für die Schwächsten, die Besten werden nicht gefördert. Wir wollen aber auch die Besten noch besser machen.

Wie schafft man es, wieder mehr Einheimische ins Gastgewerbe zu bringen?

BLASER: In der Gastronomie sind viele junge Leute auf der "Walz", sie verbringen die Saison oftmals woanders. Viele dieser gelernten Fachkräfte verlieren wir dann an andere Regionen. Das Nicht-Freihaben am Wochenende ist natürlich ein Problem. In der Außenwirkung wird die Gastronomie auch oft so dargestellt, als ob die Leute ausgebeutet werden, das ist aber schon lange nicht mehr so.

HAIDLER: Es ist eine klasse Sparte. Du kommst weit herum, lernst viele Menschen kennen, auch bekannte Leute und erlebst viel. Bei mir war es zum Beispiel so, dass ich dadurch die Familie Neureuther getroffen habe. Und durch das Projekt Arbeitgeberzusammenschluss (siehe unten) wird es in Zukunft möglich sein, Ganzjahresjobs zu schaffen. Der große Vorteil besteht darin, dass ich immer durchgehend beschäftigt bin.

Wie kann man der Abwanderung entgegenwirken?
HAIDLER: Wenn sich die Leute sicher wären, dass es auch Chancen vor der Haustüre gibt, hätten wir das Problem nicht. Außerdem sind die Wohnungspreise in Wien oder Graz höher und der Verdienst ist dort nicht besser.

BLASER: Irgendwann haben wir das Problem der Wirtschaftsnachfolge. Es ist ja jetzt schon schwierig einen Nachfolger zu finden – das Unternehmertum muss gestärkt werden. Eine vernünftige Infrastruktur und der Breitbandausbau sind Grundvoraussetzung, damit die Jugend im Bezirk bleibt.

Was erhoffen Sie sich von der neuen Regierung?

HAIDLER: Man soll die Leute nicht nur zwölf Stunden arbeiten lassen, sie müssen auch etwas verdienen. Wer arbeiten will, muss etwas verdienen – wer viel arbeitet, muss mehr verdienen. Ich habe die Hoffnung, dass sie sich mit den wesentlichen Themen wie zum Beispiel Bildung oder Gesundheit befassen und uns in der Wirtschaft arbeiten lassen.

BLASER: Die Politik muss mehr für Unternehmer tun. Das Bürokratie-Monster in Österreich ist reiner Wahnsinn. Der Unternehmer muss sich um das Kerngeschäft kümmern und das ist arbeiten. Meine Botschaft an die Gewerkschaft: Arbeit auch zulassen. Ein jeder Bauer "heigt" wenn es schön ist – das muss auch bei uns so sein.


AGZ:
Bei einem Arbeitgeberzusammenschluss (AGZ) gründen verschiedene Betriebe, gleicher oder unterschiedlicher Branchen ein nicht-gewinnorientiertes Unternehmen, über welches Personal gemeinsam eingestellt und verwaltet wird. Auf diesem Weg können die Betriebe ihren steigenden Bedarf an Arbeitskräften, vor allem zu Spitzenzeiten, bei Auftragsschwankungen oder auch saisonal, optimal abdecken. Der AGZ kann als Selbsthilfeinstrument der Betriebe verstanden werden, das auch kleinen Unternehmen die Bindung von Fachkräften und ein professionelles Personalmanagement ermöglicht.
Für den Bereich Liezen wurde bereits ein Verein gegründet (AGZ Region Liezen), dem 20 Betriebe aus den verschiedensten Branchen im Bezirk angehören. Seit Juli 2017 laufen die Vorarbeiten in administrativer Hinsicht, in der Erhebung von aktuellem Bedarf und in der Vertiefung der Kooperation mit den Mitgliedsbetrieben auf Hochtouren.
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