01.11.2016, 17:44 Uhr

Einst war Siebenbürgen sehr fortschrittlich

Mitterbach am Erlaufsee: Mitterbach | Die niederösterreichische Landesausstellung des Jahres 2015 beschäftigte sich mit der Geschichte der Evangelischen im Ötschergebiet. Viele interessante Exponate waren in der ehemaligen evangelischen Volksschule in Mitterbach zu sehen.

Um das Jahr 1747 kamen aus dem Salzkammergut protestantische Holzknechte und ihre Familien, unter anderem auch meine Vorfahren mütterlicherseits, in die damals noch kaum berührten Urwälder der Ostalpen. Ihren Glauben konnten sie zunächst nur im Verborgenen ausüben. Das machte sie zu „Geheimprotestanten“.

War überall in Europa die Intoleranz so vorherrschend?

Nein, denn es gab ein tolerantes Fürstentum in einer intoleranten Zeit.

„JEDER MENSCH SOLL OHNE JEDEN ZWANG DIE RELIGION PRAKTIZIEREN KÖNNEN, DIE ER FÜR RICHTIG HÄLT, UND DIE PREDIGER SEINER EIGENEN GLAUBENSGEMEINSCHAFT UNTERSTÜTZEN DÜRFEN.“

WENN wir raten sollten, wann diese Worte niedergeschrieben wurden, was würden wir antworten? Viele würden wahrscheinlich auf ein Zitat aus einem modernen Verfassungstext oder einer Menschenrechts-Erklärung tippen.

Umso mehr überrascht es uns wahrscheinlich, zu erfahren, dass diese Erklärung bereits vor über 400 Jahren gegeben wurde — in einem Land, das einer Insel der Toleranz inmitten eines Ozeans der Intoleranz glich. Bevor wir den Namen des Landes erfahren, zunächst etwas über den geschichtlichen Hintergrund.

Intoleranz war die Regel

Das ganze Mittelalter hindurch gab es überall religiöse Intoleranz und im 16. Jahrhundert flammte sie erneut heftig auf. Die Religion schürte grausame und blutige Kriege, so etwa in Deutschland, England, Frankreich und den Niederlanden. Im Bereich der Westkirche wurden von 1520 bis 1565 ungefähr 3 000 Menschen als Häretiker hingerichtet. Wann immer jemand bestehende Werte und Vorstellungen infrage stellte, wurde wahrscheinlich mit Intoleranz geantwortet, vor allem wenn es sich um Religion drehte.

Eine katholische Lehre, die lange Gegenstand von Kontroversen war, ist die Dreieinigkeitslehre, wonach Gott eine Einheit dreier Personen ist. Wie der Historiker Earl Morse Wilbur erklärte, wurde diese Lehre „im Mittelalter von katholischen Theologen und sogar von Päpsten heftig diskutiert“. Die einfachen Leute bekamen von derartigen Debatten allerdings kaum etwas mit. Sie hatten solche Lehren als „göttliche Geheimnisse“ zu akzeptieren.

"Im 16. Jahrhundert wandten sich dennoch einige von der Tradition ab und begannen diese „Geheimnisse“ im Licht der Bibel zu untersuchen. Dabei folgten sie dem Motto sola scriptura (allein die Schrift). Wer die Dreieinigkeitslehre verwarf, wurde später oft sowohl von Katholiken als auch von Protestanten heftig verfolgt.

Einige dieser Verfolgten bezeichnete man später als Unitarier — im Unterschied zu den Trinitariern. Um ihren Verfolgern zu entgehen, hielten sie sich versteckt und stellten unter Pseudonymen Druckschriften her, die von vielen gelesen wurden. Auch im Kampf für Toleranz gingen Antitrinitarier führend voran. Einige bezahlten für ihre Überzeugung sogar mit dem Leben, wie der spanische Theologe Michel Servet", schreibt die Zeitschrift Erwachet.

Durch Toleranz vereint

Ein Land verfolgte jedoch eine völlig andere Politik und führte weder Glaubenskriege noch ging es gegen Andersdenkende vor.

Dieses Land war Siebenbürgen — damals ein autonomes Fürstentum, heute ein Teil von Rumänien. Über Isabella, die Witwe des Fürsten von Siebenbürgen, schrieb der ungarische Historiker Katalin Péter: „[Sie] suchte religiöse Streitigkeiten zu vermeiden und übernahm deshalb die Rolle einer Verteidigerin aller Glaubensgemeinschaften.“ In den Jahren 1544 bis 1574 wurden vom siebenbürgischen Landtag 22 Gesetze erlassen, die Religionsfreiheit garantierten.

Beispielsweise gaben die Fürstin und ihr Sohn 1557 nach dem Landtag von Turda folgenden Erlass heraus: „Jedermann darf den Glauben behalten, den er wünscht, sei es nach altem oder neuem Ritual. Solange dadurch niemand anderem Schaden zugefügt wird, überlassen wir es dem Urteil jedes Einzelnen, in Glaubensangelegenheiten so zu verfahren, wie er möchte.“

Dieser Erlass wurde als „erstes Landesgesetz, welches wirklich Religionsfreiheit zusicherte“ bezeichnet. Mit Beginn der Herrschaft von Isabellas Sohn, Johann II. Sigismund, im Jahr 1559 erlebte Siebenbürgen den Höhepunkt der Toleranz in Glaubensfragen.

Wir sollten die Religionsfreiheit niemals als Selbstverständlichkeit betrachten!.
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