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Der Fall Karl Horvath

Karl Horvath mit seinem Neffen im Zöhrdorfer Feld in Linz.
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  • Karl Horvath mit seinem Neffen im Zöhrdorfer Feld in Linz.
  • Foto: Wolfgang Freitag
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Der Journalist Wolfgang Freitag hat das Schicksal eines burgenländischen “Zigeuners” recherchiert, der 1946 in Linz vor dem Volksgericht stand, verurteilt und nach langer Haft schließlich freigesprochen wurde.

LINZ. Karl Horvath war 1946 in Begleitung seiner Verlobten in Linz unterwegs, als er Hermann Langer begegnete. Der KZ-Überlebende glaubte in Horvath einen seiner Quäler zu erkennen. Er schrie ihn an, packte ihn und brachte ihn in die Mozartstraße, wo sich damals die Linzer Polizeidirektion befand. Kaum ein Jahr, nachdem Horvath gemeinsam mit anderen wenigen Überlebenden von der US-Armee aus dem Todeslager Gusen befreit wurde, war es mit seiner Freiheit schon wieder vorbei. Es begann ein Justizdrama, das zuerst zu einer Verurteilung führte und dann nach Jahren des Kampfes 1952 mit einem Freispruch endete. Besonders tragisch: Ehemalige Mithäftlinge beschuldigten Horvath, als KZ-Kapo Häftlinge gequält und umgebracht zu haben. Horvath bestritt die Taten. Ob es Verleumdung war oder eine Verwechslung, kann man nicht mit Sicherheit sagen. Selbst seine Unschuld ist nicht zweifelsfrei beweisbar. Sein Schicksal steht aber exemplarisch für die Wirren der Nachkriegszeit, als Linz von Vertriebenen, Freigelassenen, Flüchtenden und Entwurzelten geprägt wurde.

"Zigeuner" aus Loipersdorf

1916 in einer typischen "Zigeunersiedlung" im burgenländischen Loipersdorf geboren, waren Horvaths Chancen im Leben von Vornherein überschaubar. Der Vater ist früh verstorben, Schule besuchte er keine und mit 15 wurde er das erste Mal wegen “Diebstahls minderer Art” verurteilt, dann auch wegen "Landstreicherei". Spätestens ab Beginn der 1930er-Jahre war er auf sich allein gestellt und verdingte sich mal im Straßenbau, mal in der Landwirtschaft. Der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich bedeutete das Ende seiner persönlich Freiheit. Als "Asozialer" wurde er ins KZ Dachau verschleppt, später nach Buchenwald und schließlich 1941 nach Gusen.

Prozess vor dem Linzer Volksgericht

Als Horvath in Linz auf Langer traf war er nur auf Kurzbesuch in Linz, er wohnte in Mauthausen und arbeitete als Magazinarbeiter in einer Lebensmittelgroßhandlung. Zu seiner Verteidigung führte er an, er wäre wohl nicht in der Region geblieben, wäre er schuldig gewesen. Beschuldigt wurde Horvath von Zeugen, die in den Akten allesamt “mosaisch” oder “jüdisch” genannt wurden. Verteidigt wurde er wiederum von einer Reihe von “Rotspaniern”, die genau wie die jüdischen Zeugen ehemalige Insassen des KZ Gusen waren.

"Zynisches Kalkül"

Am zweiten Verhandlungstag führten die widersprüchlichen Aussagen der Zeugen zu wüsten Beschimpfungen zwischen den beiden Gruppen. „Das zynische Kalkül der SS, einen Großteil der Disziplinierungsarbeit von den KZ-Häftlingen selbst erledigen zu lassen, wirkte so bis weit hinein in die Kriegsverbrecherprozesse der Nachkriegszeit noch nach“, hält Wolfgang Freitag dazu fest. Jedenfalls stand Aussage gegen Aussage. Horvath wurde am 4. Februar 1948 von der Mordanklage freigesprochen, allerdings wegen Quälerei und Misshandlung nach dem Kriegsverbrechergesetz zu 15 Jahren schweren Kerkers verurteilt. Sein Vermögen fiel an den Staat.

Haft in Garsten

Horvath musste die Haft in der Strafanstalt Garsten antreten. Von Anfang an kämpfte er um die Wiederaufnahme des Verfahrens. Er fand immer wieder Zeugen, die zu seinen Gunsten aussagten – letztlich mit Erfolg: Eine Reihe von ehemaligen KZ-Häftlingen bezeugten, Horvath sei Lagermusiker, aber nie Kapo gewesen. Zudem hätte es im Lager einen anderen Insassen gegeben, der als “Zigeunerkarl” bekannt gewesen war. Dieser hätte tatsächlich als Kapo Mithäftlinge misshandelt. Horvaths Hartnäckigkeit zahlte sich aus. Sechs Jahre nach seiner Festnahme begann am 26. Juni 1952 die Zweitauflage des Verfahrens und endete nach kurzer Zeit mit einem Freispruch im Zweifel. Auch weil die Belastungszeugen aus dem ersten Prozess nicht mehr greifbar waren.

Leben im Zöhrdorfer Feld

Nach dem hart erkämpften Freispruch blieb Horvath in Linz und ließ sich im Zöhrdorfer Feld nieder, das damals von Barackensiedlungen und Flüchtlingen geprägt war. Er freundete sich mit seinen Nachbarn an und wurde Teil der Familie. Das Viertel in der Neuen Heimat wurde für ihn tatsächlich neue Heimat, vielleicht die einzige, die er in seinem Leben hatte. Seinen Unterhalt bestritt er aus einer kleinen Opferfürsorgerente und einer Entschädigung für die KZ-Haft. Für die zweite Haft bekam er keine Entschädigung, da der Freispruch im Zweifel erfolgte. Er kümmerte sich um seine Gastfamilie, half im Haushalt, spielte mit dem Sohn und war Mitglied einer Tanzkapelle.

Früher Tod

Ein lieber, netter Mensch, an dem die sechs KZ-Jahre samt den sechs Haftjahren danach nicht spurlos vorübergegangen sind. Am 4. Jänner 1971 war sein kurzes Leben vorbei: Herzinfarkt mit 55 Jahren. “Irgendwann hat das Herz halt nicht mehr das alles verkraftet, was er mitgemacht hat", sagt sein Neffe zu Wolfgang Freitag, der den Fall akribisch recherchiert hat. Das Schicksal Horvaths reflektiert nicht nur viele der Verwerfungen in den Jahrzehnten nach dem Untergang der Habsburgermonarchie, sondern auch die Kontinuität der Verfolgung und Kriminalisierung, der die ­Roma in jenen Tagen ausgesetzt war.

+++

Buchpräsentation in Linz

Der Journalist Wolfgang Freitag hat den Fall Karl Horvath über Jahre recherchiert und als Buch publiziert. Am 21. Februar um 20 Uhr präsentiert er sein Werk in der Linzer Stadtwerkstatt. Der Eintritt ist frei.

Autor:

Christian Diabl aus Linz

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