Menschen im Gespräch
"Die Gewalt fängt ja nicht mit Prügel an"

Eva Schuh leitet seit zwei Jahren das Gewaltschutzzentrum OÖ.
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  • Eva Schuh leitet seit zwei Jahren das Gewaltschutzzentrum OÖ.
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Ein Gespräch mit der Linzerin Eva Schuh anlässlich der Aktion "16 Tage gegen Gewalt an Frauen".

LINZ. Die 51-jährige Linzerin Eva Schuh leitet seit bald zwei Jahren das Gewaltschutzzentrum OÖ. Davor war sie bereits zehn Jahre in der Beratung tätig.

Sie sind oft mit tragischen Fällen konfrontiert. Nimmt man diese Schicksale abends mit nach Hause?
Eva Schuh: Früher hat es mich mehr betroffen, da war ich in der Beratung und direkt mit Klientinnen in Kontakt. In der Geschäftsführung bin ich nur mittelbar damit konfrontiert. Wichtig ist, dass wir ein super Team haben und der Austausch mit den Kolleginnen extrem gut ist. Wir haben auch Unterstützung durch Supervision. Aber natürlich hat es Hochrisiko- oder sehr extreme Fälle gegeben, die man mit nach Hause nimmt. Man entwickelt Mechanismen, wie man damit umgeht. Bei Vergewaltigungen bin ich zum Beispiel heimgekommen und habe die Wäsche gewaschen, ganz egal ob sie schmutzig war oder nicht.


Was bietet das Gewaltschutzzentrum?
Wir sind zuständig für familiäre Gewalt, Gewalt im sozialen Nahraum und für Stalkingopfer. Die Hälfte der Klientinnen kommt über ein Betretungsverbot zu uns. Wenn ein Gewaltvorfall passiert und die Polizei Angst hat, dass es zu weiteren Gewaltvorfällen kommt, dann muss sie den Gewalttäter aus der Wohnung wegweisen und die Information an uns übermitteln. Und wir nehmen dann aktiv mit den Opfern Kontakt auf. Die andere Hälfte meldet sich so oder wird an uns vermittelt. Zuerst geht es einmal um die Frage, ob die Frau zu Hause sicher ist, ob es eine Aufnahme in einem Frauenhaus braucht. Dann geht es um rechtliche Beratung und Prozessbegleitung im Strafverfahren. Es geht aber auch um psychosoziale Beratung, das heißt Stärkung der Frauen, denn körperliche Gewalt ist zu 99 Prozent nicht alleine. Das geht auch mit psychischer Gewalt einher, wo die Frauen abgewertet werden, sie kein soziales Umfeld mehr haben und finanzielle Abhängigkeiten bestehen. Es geht darum, den Frauen bewusst zu machen, was sie für einen Wert haben.


"Gewaltschutzgesetz macht mir Sorgen"

Wie sind die rechtlichen Rahmenbedingungen?
Wir haben europaweit einen relativ guten Schutz. Sorgen macht mir aber das dritte Gewaltschutzgesetz, das am 1. Jänner 2020 in Kraft tritt. Es gibt auch sehr positive Dinge, wie das Annäherungsverbot oder dass psychische Beeinträchtigung bei Körperverletzung mehr berücksichtigt wird oder Genitalverstümmelung als schwere Körperverletzung aufgenommen wurde. Bei der Strafhöhe machen wir aber einen Rückschritt. Es werden Mindeststrafen festgesetzt, die dazu führen können, dass die Betroffenen nicht mehr anzeigen. Weil es sonst heißt, sie bringen – auf gut Deutsch – den Kindesvater ins Gefängnis. Auch die Anzeigepflicht bei der Vergewaltigung sehen wir sehr kritisch. Frauen brauchen vielfach Zeit, um zu einer Anzeige bereit zu sein. Wenn das nicht der Fall ist, werden die Aussagen nicht passen und relativ viele Verfahren eingestellt werden. Da werden Betroffene einer Situation ausgesetzt, die sie selber nicht wollen.

Also gut gemeint, aber mit gegenteiliger Wirkung?
Alle Experten haben sich dagegen ausgesprochen und trotzdem wurden diese Dinge beschlossen, weil sie plakativ sind.

Wie steht es um die Finanzierung Ihrer Arbeit?
Im Vergleich zu anderen Einrichtungen sind wir noch gut ausgestattet. Allerdings haben wir immer mehr Hochrisikofälle, wo die Gefahr besteht, dass die Klientin umgebracht oder schwer verletzt wird. Das bündelt natürlich die Ressourcen und da kommen wir mittlerweile an unsere Grenzen. Sonst brauchen die Opferschutzeinrichtungen viel mehr Geld, vor allem für Präventionsarbeit. Im Vergleich zu den Folgekosten von Gewalt ist das ein Tropfen auf den heißen Stein.

Heuer haben Morde durch Männer mit Fluchthintergrund für viel Diskussionen gesorgt. Haben wir da ein spezielles Problem?
Das stimmt vielleicht für den Anfang des Jahres, aber das sagt nichts über die Allgemeinheit aus und nicht über die Jahre hinweg. Von den 41 Tätern aus dem Jahr 2018 sind ganze drei aus Staaten, wo ein Fluchthintergrund in Bezug auf 2015 anzunehmen ist. 


"Da gibt es ein Problem"

Aber es wandern Männer zu, die ein sehr patriarchales Familienverständnis mitbringen.
Da gibt es natürlich ein Problem. Das darf man nicht leugnen, sondern damit muss man sich beschäftigen. Aber das Problem haben wir genauso bei Männern mit österreichischen Wurzeln. Auch da gibt es noch immer sehr patriarchale Strukturen, ein Besitz- und Machtdenken. Das ist nicht 2015 über Österreich hereingebrochen, wie es immer kolportiert wird.

Wie sollte man in der Flüchtlingsbetreuung auf die Männer zugehen?
Das Wichtigste ist, sich mit den Leuten zu beschäftigen. Wie will ich mich in die Gesellschaft integrieren, wenn ich in irgendeiner Unterkunft mit 500 anderen bin, nicht arbeiten kann, mir nicht leisten kann, irgendwohin zu gehen? Perspektivenlosigkeit fördert Gewalttätigkeit. Für mich ist wichtig, dass man die Gesellschaft öffnet und ihnen einen Weg in die Gesellschaft eröffnet. Es ist ganz wichtig, dass sie arbeiten können. Dann erst passiert Integration. Natürlich muss man auch mit ihnen reden, in Deutschkursen etwa. Aber eine Werteschulung von einmal acht Stunden bringt nichts. Das muss ein laufender Prozess sein.


"Man muss sich wieder mehr auf die Füße stellen"

Erleben wir bei Frauenrechten gerade eine Gegenbewegung?
Das nehmen wir auch wahr. Wenn man auf die Errungenschaften der Frauen Wert legt, wird man mittlerweile als kleinlich bezeichnet. Lehrer erzählen, dass junge Frauen und Mädchen wieder eher in das traditionelle Rollenbild zurückwollen. Man muss sich wieder mehr auf die Füße stellen, damit das Erkämpfte erhalten bleibt.

Womit erklären Sie sich diesen Wunsch von Mädchen?
Ich glaube, das ist ihnen nicht bewusst. Sie haben selbstständige Mütter und sehen den Stress, den die gehabt haben. Aber sie sehen nicht, dass es die Abhängigkeit dadurch nicht gibt. Diese Abhängigkeit haben selbstständige Frauen wiederum zuvor oft bei ihren Müttern erlebt.

Bei Gewalt muss man Grenzen setzen, je früher, desto besser, rät Eva Schuh.
  • Bei Gewalt muss man Grenzen setzen, je früher, desto besser, rät Eva Schuh.
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Wie soll sich eine Frau verhalten, wenn ihr Partner gewalttätig wird?
Wichtig ist, Grenzen zu setzen, wenn sie dazu fähig ist. Je früher man Grenzen setzt, desto besser. Es fängt ja nicht mit Prügel und blauen Flecken an, sondern mit einem ersten Schubsen. Das steigert sich. Hier muss man auf das eigene Empfinden hören. Ist das okay für mich? Wenn nicht, dann muss man die Grenze setzen. Wichtig ist auch, nicht die Verantwortung bei sich zu suchen. Zu einem Streit gehören zwei Leute, aber zuschlagen tut nur einer.

Fängt das schon mit gewalttätiger Sprache an?

Ja, das fängt oft mit Abwertungen oder Demütigungen an.


"Es gibt oft sozialen Druck"

Wie ist es zu erklären, dass Frauen bei gewalttätigen Männern bleiben oder immer wieder zu ihnen zurückkehren?
Es gibt oft sozialen Druck. Auch bei uns haben schon der Pfarrer oder der Bürgermeister angerufen. Eine Klientin, bei der es um einen Mordversuch gegangen ist, wurde vom ganzen Dorf geächtet. Oft gibt es gemeinsame Kinder und finanzielle Abhängigkeiten. Oder den Frauen wurde das Selbstvertrauen genommen und sie glauben, nichts ohne den Mann zu schaffen. Manche haben auch Angst, dass ihnen noch etwas Schlimmeres passiert, wenn sie wirklich gehen. Und dann gibt es das menschliche Bedürfnis nach einer heilen Familie. Oft entschuldigen sich die Täter danach, meinen das in dem Augenblick auch ernst und versprechen alles Mögliche. Da denkt man sich: Na ja, vielleicht klappt es doch.

Kann man sagen: Wer einmal zuschlägt, schlägt öfter zu?
Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch.

Sollte die Frau darauf bestehen, dass es nicht bei Entschuldigungen bleibt, sondern therapeutische Maßnahmen und Angebote angenommen werden?
Ja, denn es geht um eine Verhaltensänderung. Er muss andere Lösungsstrategien in einer Krisensituation für sich lernen. Das geht nicht von heute auf morgen und nur mit Unterstützung.

Was soll man tun, wenn man z.B. aus der Nachbarwohnung immer wieder lautstarke Konflikte mitbekommt?
Meistens hört man an der Stimme, ob es ein Angstschrei ist oder ein Streit. Das ist ein Unterschied. Wenn man nur das Gefühl hat, dass es ein Angstschrei sein könnte, sollte man sehr wohl die Polizei holen.

Raten Sie Frauen, Selbstverteidigungskurse zu machen?
Solche Kurse sind sicher nicht schlecht, aber lösen das Übel nicht. Die Wahrscheinlichkeit, von Gewalt in einer Beziehung betroffen zu sein, ist viel größer als auf der Straße. In einer Gewaltbeziehung ist es aber fraglich, ob sich die Frau das überhaupt traut. Aber es trägt vielleicht zum eigenen Selbstbewusstsein bei. Wenn ich das Gefühl habe, mich wehren zu können, strahle ich vielleicht schon etwas anderes aus. Aber es ist nicht die Lösung für alles.


"Macht- und Besitzdenken muss aufhören"

Was muss sich in unserer Gesellschaft prinzipiell ändern, damit häusliche Gewalt weniger wird?
Ganz oben steht die Gleichstellung von Mann und Frau. Es gibt noch immer Geschlechterstereotypen, die massiv schwere Gewalt und Morde an Frauen fördern. Das Macht- und Besitzdenken muss aufhören und man muss diese Gewalt auch wirklich als geschlechtsspezifische Gewalt benennen. Das wird in Österreich noch immer unter den Tisch gekehrt. Nämlich, dass es um Gewalt von Männern an Frauen geht. Es ist auch wichtig, dass die Männer in die Arbeit hineingeholt werden. Und es bedarf viel finanzieller Mittel und Projekte für Präventionsarbeit.

Was wünschen Sie sich von der neuen Bundesregierung?
Erstens viel mehr Präventionsmaßnahmen, die schon in der Kindheit anfangen, Gleichstellung zwischen Mann und Frau in allen Belangen und dass die Anzeigepflicht und Straferhöhungen doch nicht kommen. Es ist geplant, dass 2021 Gewaltpräventionszentren eingerichtet werden, die mit Tätern arbeiten sollen. Das ist prinzipiell ein sehr guter Ansatz, nur ist da ist eine Sparversion beschlossen worden, die sowohl nach Meinung der Opferschutz- als auch der Tätereinrichtungen nichts bringen wird. Wichtig ist auch noch, mehr in Forschung und Evaluierung zu investieren. Es gibt beispielsweise keine standardisierte Evaluierung zu den Morden, zumindest nicht, wo alle Player eingebunden sind.

Eva Schuh leitet seit zwei Jahren das Gewaltschutzzentrum OÖ.
Bei Gewalt muss man Grenzen setzen, je früher, desto besser, rät Eva Schuh.
Autor:

Christian Diabl aus Linz

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