Eine wunderliche Parallelwelt im Linzer Hafen

Eine Veranstaltung am ehemaligen Quelle-Dach.
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  • Eine Veranstaltung am ehemaligen Quelle-Dach.
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Christoph Wiesmayr ist auf einem Bauernhof mitten im Linzer Hafen aufgewachsen. Diese Mischung aus urbanen und ruralen hat Wiesmayr so beschäftigt, dass er es zum Thema seiner Diplomarbeit gemacht hat. Gemeinsam mit Bernhard Gilli stellte er eine Agenda auf, die sich für das Überleben der „rurbanen Nischen“ einsetzt. Daraus gründeten sie gemeinsam die Initiative Schwemmland mit dem Anliegen, besondere Phänomene auf Restflächen, in Freiräumen und „rurbanen Nischen“ im fast schon gänzlich versiegelten Linzer Hafenviertel den Bewohnern der Stadt zu kommunizieren und diese Gebiete als wichtige Lebensräume zu sichern.

StadtRundschau: Mit welchem Gedanken wurde Schwemmland gegründet?
Christoph Wiesmayr: Das Projekt "Schwemmland" ist als kontinuierlicher Prozess zu sehen und ging aus der gemeinsamen Diplomarbeit mit Bernhard Gilli an der TU-Graz, 2010 im und über den Linzer Osten, das Hafen- und Industriegebiet hervor.

Was bezeichnet das "Schwemmland"?

Schwemmland ist als transformatorischer Begriff zu verstehen. Einerseits bezeichnet er das historische "Lustenau", den damaligen Vorort von Linz und das ursprüngliche Überschwemmungsgebiet der Donau mit ihren Donauarmen, Buchten und Inseln. Andererseits ist Schwemmland ein Begriff für die im Zuge der Industrialisierung einsetzende Entwicklung in diesem Gebiet. Nach dem Hochwasser 1954 und dem damit verstärkt einsetzenden Bau von Hochwasserschutzdämmen wurde die Donau bis in die 1970er Jahre im Zuge des Kraftwerkbaus aufgestaut, in ein Korsett gelegt und zum Schutz der Stadt eingedämmt. Ihre frühere Funktion als Landschaftsgestalterin hat sie dadurch verloren. Heute ist hier überwiegend der Mensch landschaftsgestaltend tätig. Über den Handel und die Donauschiffahrt entstehen neue Industrielandschaften, wie Hochwasserdämme, Schlackeberge, Containertürme, Polderlandschaften. Das alles subsumieren wir als "Schwemmland" auch heute. Die Stadt ist hier längst an ihre physischen Grenzen gestoßen.

Welches Ziel verfolgt der Verein?
Der Verein Schwemmland ist gemeinnützig organisiert und hat zum Ziel urbane Freiflächen, Restflächen, „rurbane Nischen“ im Linzer Osten vor dem globalen Ausverkauf und dem damit einher gehenden kommerziellen Druck auf die Freifläche für die Stadtbevölkerung als Möglichkeitsräume und identitätsstiftende Lebensräume zu bewahren, zu vermitteln bzw. zu eröffnen. Nach diversen Veranstaltungen, Wanderungen und Interventionen im Gebiet mit dem Architekturforum Oberösterreich und diversen Künstlergruppen wurde der Verein im Zuge der Errichtung des Gemeinschaftsgartens "Hafengarten" im Mai 2012 gegründet.

Welche Lebensräume gibt es etwa im Hafen zu entdecken?
Der Großteil des Linzer Ostens entwickelte sich vom Süden her nach dem Bau der Hermann Göringwerke 1938 - heutige VOEST-Alpine - und der Fertigstellung der Hafenanlagen zu einem fast homogenen Betriebsbaugebiet, das auch so im Flächenwidmungsplan der Stadt Linz verankert ist. Die meisten Menschen kennen das Gebiet als triste Gewerbelandschaft. Schaut man aber genauer hin, entdeckt man hier neben fahlen Gewerbehallen und hinter Plakatwänden oft eine andere Welt. Eine wunderliche Parallelwelt, die es so eigentlich gar nicht geben dürfte. Relikte aus der früheren Aulandschaft, wie etwa der Hollabererhof der Linzer Berufsdonaufischerfamilie, der hier noch existiert. Neben dem Verkauf von Donaufisch, dem traditionellen „Steckerlfisch“ auf Tresterkohle geräuchert mit frischem Gemüse und Most aus dem Garten dient seit kurzen ein Nebengebäude aus wiederverwendeten Baustoffen – darunter Teile vom Linz09-Projekt, dem Gelben Haus – als Hofladen. Auf einigen Industriebrachen entdeckt man hier vielfältige Pionierpflanzen und Wildtiere, wie Biber und Eisvogelpärchen, die hier ein Zuhause finden. Ein 30ha großer Segelflugplatz mit Sukzessionswald (dem letzen Stück Auwald) koexistieren mit dem landläufig als Gewerbegebiet verkannten Stadtteil. Auch diverse Künstlergruppen wie Times-up haben sich hier im Hafen pionierhaft angesiedelt.

Welches Potenzial hat das Hafengebiet für die Stadtentwicklung?
Das Linzer Schwemmland birgt das Potential lokaler identitätsstiftender Lebensräume. Durch das Vorhandensein des Linzer Donauhafens mit seinen ruhigen Wasserflächen und durch die primäre Bebauung und Nutzung dieses Gebiets in großen industriellen bzw. gewerblichen Strukturen entstehen gerade hier laufend neue kleine Zwischenräume, Rückseiten und Brachen – wir nennen diese Räume rurbane Nischen – die temporär oder dauerhaft von den tonangebenden Beteiligten Industrie und Gewerbe nicht genutzt oder gebraucht werden. Diese Nischen bergen ein Potential der lebendigen Vielfalt, das auch jetzt schon laufend von verschiedensten Protagonisten – Pflanzen, Tiere und manchmal auch Menschen – genutzt wird. Es liegt hier eine vergessene Wunderwelt direkt vor den Toren der Linzer Innenstadt. Die geographische Lage zwischen Donau und der Stadt sorgt für kurze Wege aus vielen Stadtgebieten. Es genügt die Eisenbahn und Autobahn zu queren um ins Schwemmland zu gelangen und trotzdem scheint es als würde man eine andere, weit entfernte Welt betreten.

Was wäre nötig, um diese Welt zu erhalten?
Die große Chance für eine lebendige Stadt besteht darin, sich diese Lebensräume nicht vollständig zu verbauen. Es geht dabei heute gar nicht darum keine weiteren Flächen mehr für Gewerbe oder Industrie zu verbrauchen – es gibt ja kaum mehr freie Flächen – es geht darum die vorhandenen Flächen vielfältig gemeinsam zu nutzen. Zum Beispiel gibt es im Linzer Schwemmland hektarweise Gründächer auf Industriegebäuden – Ergebnis einer fortschrittlichen Stadtplanung in den 80er Jahren des letzten Jahrtausends – auf denen sowohl sogenannte urbane als auch alternative bzw. landwirtschaftliche Nutzungen denkbar wären.

Welche Gefahren drohen für das Hafenviertel?
Eine der großen Gefahren unserer Zeit für jede Art von freiem und lebendigem Lebensraum ist das Trachten nach einerseits absoluter Sicherheit (vor was auch immer) andererseits nach absoluter Sauberkeit und Ordentlichkeit. Über beide Ziele stülpt sich dann gerne der Wunsch nach Kommerzialisierung. Falsch verstanden, führen diese Zielsetzungen zu leblosen, faden, nicht inspirierenden Orten, die - weil leer und unbelebt - beim zufälligen Besucher erst recht ein unsicheres Gefühl hinterlassen oder aber fallweise zu den schon bekannten Kommerztempel führen. An Shoppingflächen mangelt es Österreich nicht mehr! Wir haben bereits jetzt eine der höchsten Flächen pro Kopf im Ländervergleich. Es mangelt an freien, gestaltbaren Lebensräumen.

Wie könnte man solche freien Lebensräume verwirklichen?
Um hier im Schwemmland solche Lebensräume zu verwirklichen ohne dabei die ansässigen Akteure von Industrie oder Gewerbe verdrängen zu wollen, braucht es Verständnis und den Willen auf die jeweils anderen Bedürfnisse Rücksicht zu nehmen. Es braucht den Willen Flächen oder Bereiche, die - auch nur temporär - nicht benötigt werden, zugänglich zu machen. Es braucht auch den Willen die Folgen zu berücksichtigen und zu akzeptieren, die entstehen wenn die Frequenz von Spaziergängern, Freizeitgärtnern, Künstlern, Familien mit Kindern und anderer Protagonisten nicht nur am Donaudamm sondern auch mitten im Schwemmland zunimmt. Bei diesem Vorhaben stoßen zwangsläufig Interessen aufeinander, die scheinbar gegensätzlich sind. Einer Aufwertung des Gebiets kann aber auch ein Arbeitgeber vieler hunderter Beschäftigter nicht abgeneigt sein - und viele sind es auch nicht, wie zahlreiche Gespräche beweisen. Es braucht daher in erster Linie viel Vermittlung und Gespräch.

Seitens der Politik gibt es immer wieder Pläne, den Hafen vermehrt zu nutzen, etwa mit einem Badeschiff, Steganlagen, einer Gastronomie- und Eventszene und Wohnungen. Wie steht ihr zu solchen Plänen?
Wir stehen diesen Ideen mit gemischten Gefühlen gegenüber. Es ist schön und wünschenswert und ja auch unser Ziel, in diesem Gebiet dazu beizutragen ein vielfältigeres Leben zu ermöglichen als es bisher vielleicht der Fall war. Es sind mehr die nicht an- oder ausgesprochenen Ideen in dieser Liste, die bei uns das Gefühl hinterlassen, dass die Zielsetzungen bei manchen Ideengebern erst recht wieder rein kommerzielle sein werden. Das „Bubble-Days“ Event, das seit einiger Zeit hier im Sommer stattfindet ist zu einem großen Publikumsmagneten geworden. Ich denke, dass der Handelshafen das bisher trotz tausender BesucherInnen gut verkraftet hat. Jedenfalls sollte dabei nicht vergessen werden, dass sich hier auch viele andere kleinere Künstlergruppen wegen der etwas abgeschiedenen Lage, noch günstigen Mieten und dem für kreatives Schaffen attraktiven, nicht so „aufgeräumten“ Arbeitsumfeld angesiedelt haben. Neben großen Events und großmaßstäblichen Masterplanabsichten vergisst man schnell auf die „Kleinen“ und die durch sie entstandenen sensiblen Räume. Erste Verdrängungs- und Gentrifizierungsängste machen sich breit, dass die bisher günstigen Mieten steigen oder prekäre Mietverhältnisse jederzeit gekündigt werden könnten. Wir als Verein Schwemmland sind ein vielleicht davon schon betroffenes Beispiel. Wir mussten im Herbst unser Büro im Portiersgebäude des ehemaligen Quelle-Versandgebäudes aus den 1960er Jahren auflassen, da der neue Eigentümer einen Shop darin errichten möchte und der Mietvertrag ausgelaufen ist.

Als Vorbilder werden immer wieder die Hafencity Hamburg oder die London Docklands genannt ...
Bei einer von Schwemmland geführten Wanderung für die Creative Region OÖ. im Herbst 2013 im Linzer Hafen mit dem renommierten britische Kreativwirtschafts- und Stadtforscher Charles Landry bezeichnete Landry das mancherorts noch anzutreffende raue, ungehobelte, nicht gesäuberte Hafenflair ,das hier wie etwa am Hafensporn bei Box-Office und Times-Up noch anzutreffen ist, als urbanes Qualitätsmerkmal, das in vielen anderen Städten bereits verloren gegangen ist.
Man darf nicht vergessen, dass viele Vorbilder in Gegenden realisiert worden sind, die von Gewerbe und Industrie aufgrund neuer Bedürfnisse bereits verlassen wurden. Man sollte weiters beachten, dass diese Quartiere zu hochpreisigen, durchgestylten Gebieten entwickelt worden sind mit allen damit einhergehenden Verdrängungsmechanismen. Der Linzer Osten ist aus industrieller bzw. gewerblicher Sicht noch lange nicht aufgegeben. Es wird also nötig sein Methoden des Zusammenlebens zu entwickeln, damit eine – sehr wünschenswerte, weil lebendige – Entwicklung der Durchmischung und Vielfachnutzung stattfinden kann. An manchen Stellen könnte zum Beispiel der Flächenwidmungsplan überarbeitet werden um Synergienutzungen ermöglichen zu können. Manche Bereiche sollten als kreative Brachen oder für Hobby und Freizeitnutzung beibelassen werden.

Der Verein Schwemmland betreibt auch den sehr beliebten Hafengarten, wo gemeinschaftlich gegärtnert wird. Was ist für heuer geplant?
Wir befinden uns seit Jänner schon in der Vorbereitung für die neue Gartensaison mit kontinuierlichen Treffen. Mit drei neuen Gesichtern in der Gruppe sind wir heuer leider schon am Gruppenlimit angelangt, weil die meisten Gemeinschaftsgärtner aus dem Vorjahr auch heuer wieder dabei sind. Wir freuen uns aber über Besuche im Garten. Auch verschiedene Programmpunkte sind bereits in Planung, etwa Kräuterwanderungen am Segelflugplatz und am Donaudamm mit Kräuterpädagoginnen ab April, der 2. Linzer Bodentag am 13. Juni, an dem wir unsere Tore für Besucher öffnen, eine Honigverkostung mit der Linzer Biene im August und ein Projekt für das Urbanize-Festival. Auch Architektur- und Stadtraumführungen sind nach Vereinbarung möglich.

Der Verein Schwemmland veröffentlicht das Magazin "TREIB.GUT". Was gibt es da zu lesen?
m Frühjahr erscheint bereits die 4. Ausgabe. Das Magazin ist als offene Stadtentwicklungsplattform gedacht. Gleichermaßen ein Sprachrohr vom Linzer Hafen- und Industriegebiet – „von Unten“ aus, ins Stadtzentrum hinein und über dessen Grenzen hinaus gedacht. Die thematische Klammer bietet dieser ungewöhnliche Zwischenraum, die Zwischenstadt zwischen Innenstadt und der Donau im Osten von Linz selbst und die damit verbundene Idee von „Recht auf Stadt". Das Treib.Gut Magazin erscheint zweimal jährlich und ist erhältlich im AFO Linz, bei dorf.tv am Hauptplatz , Radio FRO und in der Peter-Behrens-Kantine in der Tabakfabrik.

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