"Für eine lebendige Pädagogik kämpfen"

Brigitte Rametsteiner ist Pädagogin aus Leidenschaft.
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Ein Schlüsselerlebnis für Brigitte Rametsteiner war der erste Kontakt mit der sogenannten "Reggio"-Pädagogik. Dabei handelt es sich um eine reformpädagogische Erziehungsphilosophie, die nach dem Zweiten Weltkrieg im italienischen Reggio ihren Anfang genommen hat. "Man sagt: Was Mekka für die Moslems und Rom für die Christen ist, ist Reggio für die Pädagogen", so Rametsteiner. Auch die gebürtige Kärntnerin, die heute in Linz lebt, war sofort infiziert: "In Reggio Emilia hat man ein neues Bild vom Kind, man spricht von einem „reichen“ Kind, einem Kind mit 100 Sprachen, von denen ihm 99 von den Erwachsenen genommen werden, wobei die 100 Sprachen als eine Metapher für die vielfältigen Ausdrucksformen des Kindes verstanden werden. Ich empfinde es als meinen Auftrag, den Kindern möglichst viele dieser Sprachen zu erhalten."

Widerstand und Begeisterung

Langsam und in kleinen Schritten begann Rametsteiner, die Erziehungsmethode auch in ihrer damaligen Kindergarten-Gruppe in Linz umzusetzen, was gar nicht so einfach war. „Die Reggio-Pädagogik war weitgehend unbekannt und ich stieß im Kollegenkreis natürlich auf Widerstand. Man sah nur die ,zusätzliche Arbeit’, zum Beispiel die Dokumentationen, die mit dieser reformpädagogischen Erziehungsphilosophie verbunden war. Transparenz ist jedoch notwendig, um die Arbeit, die Prozesse sichtbar zu machen und dadurch die Eltern miteinzubeziehen. Und die positive Resonanz von Seiten der Kinder und deren Eltern machte mir Mut, weiterhin gegen die Windmühlen der Vorurteile zu kämpfen."

Für die Kinder schuf Rametsteiner im Kindergarten Zonen und Bereiche, die die Kinder zu autonomen Denken und Handeln anregen. Es gab ein Forscherlabor, eine Experimentierwerkstätte mit unterschiedlichsten Materialien, die die Kinder selbstständig entdecken und nutzen konnten. Weiters gab es ein Museum zum jeweiligen Projekt, an dem gearbeitet wurde, ein Malatelier, eine Forscherbibliothek und mehr. "Die Reggio-Pädagogik ist eine Pädagogik des Werdens. Den Kindern wird nichts Fertiges übergestülpt. Wir wachsen gemeinsam an einem Projekt", erläutert Rametsteiner.

Berührungsängste abbauen

Als die Pädagogin nach 40 Jahren im Beruf in Pension ging, war ihr klar, "dass ich für eine lebendige Pädagogik weiterkämpfen will". Dabei konzentriert sich Ramentsteiner auf die naturwissenschaftliche Frühförderung. So unterrichtet sie etwa das Modul "Experimentierwerkstätten und Forscherecken" im Rahmen von Zertifikatslehrgängen für Pädagogen. Dazu ist die engagierte Pensionistin am Open Lab an der JKU beteiligt und heuer erstmals auch an der Kinderuni als Dozentin tätig. Dort hielt sie Workshops wie "Wasserzaubereien" oder "Hexenküche" für Fünf- bis Siebenjährige. "Mein Interesse für Wissenschaft war schon immer vorhanden. Verstärkt wurde es natürlich durch meinen Mann, der Chemiker ist. Mir ist besonders wichtig, Berührungsängste in Bezug auf Chemie, Physik und Mathematik bei den Kindergartenpädagogen abzubauen. Mit Wissenschaft kann man Kinder zum Staunen bringen."

Dass sich Ansätze wie die Reggio-Pädagogik langsam durchsetzen, freut Rametsteiner besonders. "Ich finde es schön, dass die Gesellschaft, die Politik und die Wirtschaft endlich draufgekommen sind, dass Kinder auch vor der Schule ein Leben haben", so die Pädagogin, die jedoch darauf plädiert, die Ausbildung zur Kindergartenpädagogin auf Universitätsniveau zu heben: "Elementarpädagogen haben eine wichtige Aufgabe und tragen eine große Verantwortung – ein Kind lernt in den ersten sechs Jahren seines Lebens am meisten."

Chancen nutzen

Noch heute bekommt Rametsteiner manchmal Post von ehemaligen Kindergarten-Kindern, die sich für die schöne Zeit bedanken. "In solchen Momenten spürt man, dass sich die Arbeit einfach gelohnt hat. Man kann viel Einfluss auf das Leben der Kinder ausüben. Daher finde ich es schade, wenn jemand diese Chance nicht nutzt. Ich habe immer versucht Kindern zu vermitteln, dass man keine Fehler machen kann. Man kann sich nur irren, aber ein Irrtum ist immer eine Chance, etwas Neues zu lernen. Ich habe aber selbst auch viel von den Kindern gelernt – den Blick auf die kleinen Dinge, wie Unbedeutendes plötzlich an Bedeutung gewinnen kann und vor allem das Zeit haben.

Reggio-Pädagogik:
Das kompetente Kind und sein Recht auf Begleitung, Unterstützung und Bildung stehen dabei im Mittelpunkt, unabhängig von seinen körperlichen, sozialen und gesellschaftlichen Voraussetzungen. In der Reggio-Pädagogik ist es zentral, die Bildungspotenziale von Kindern zu aktivieren, zu stärken und nachhaltig zu sichern. Dies geschieht durch folgende charakteristische Elemente der Reggio-Pädagogik:
Projektarbeit, kreatives Gestalten, gemeinsames Entdecken und Reflektieren, Beobachten und Dokumentation, Raumgestaltung, Transparenz, Orientierung an Begabungen und Fähigkeiten, Gender, Partizipation und Beteiligung, Individualisierung und Differenzierung.
Mehr Infos: www.reggiopaedagogik.eu

Autor:

Nina Meißl aus Linz

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