Interview
"Kinder brauchen den Kontakt mit anderen"

Spiele helfen den Psychotherapeuten in die Welt der Kinder vorzudringen.
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  • Spiele helfen den Psychotherapeuten in die Welt der Kinder vorzudringen.
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Rudolf Fessl vom Kinderhilfswerk berichtet über die Auswirkungen der Corona-Krise auf Kinder, den rasant steigenden Bedarf an Psychotherapie-Angeboten und worauf Eltern achten sollten.

LINZ. Rudolf Fessl ist Psychotherapeut und fachlicher Leiter des Kinderhilfswerks Österreich. Er arbeitet in der Beratungsstelle in Linz.

Wie hat sich der psychotherapeutische Bedarf bei Kindern und Jugendlichen seit Beginn der Pandemie verändert?
Rudolf Fessl: Bei uns haben sich die Anfragen um 300 Prozent gesteigert. Früher waren es am Tag drei bis vier, jetzt sind es bis zu zehn. Andere Organisationen wie der Psychotherapieverband oder Proges berichten ähnliches.

Hat sich an der Art der Probleme auch etwas geändert?
Seit Corona-Beginn sind speziell Depressionen und depressive Symptomatiken um das fünf- bis zehnfache gestiegen.

"Das sind ganz wichtige Entwicklungsstufen"

Was ist der Grund dafür?
Durch die Schulschließungen hat sich das Sozialverhalten geändert. Kinder brauchen den Kontakt mit Gleichaltrigen. Das schulische Lernen macht nur einen kleinen Teil der Schule aus. Der Großteil ist die soziale Interaktion, durch die Kinder soziales Verhalten lernen. Das gilt auch für das Vereinsleben. Das sind ganz wichtige Entwicklungsstufen, für die es ein gewisses Zeitfenster gibt. Das sollte nicht zu lange durch Lockdown und ähnliches unterbrochen werden, weil sich das in der Entwicklung niederschlägt. Deshalb ist es auch problematisch, wenn Eltern ihre Kinder zu Hause unterrichten wollen.

Welche Rolle spielen die Eltern dabei?
Sehr viele Eltern sind durch das Home-Schooling oder die Angst um den Arbeitsplatz einfach angespannter. Kinder bekommen das mit. Dadurch ändert sich auch das Erziehungsverhalten, die Eltern haben nicht mehr die Nerven, sind kürzer angebunden. Sie kommunizieren auch anders, weil sie überfordert oder ängstlich sind und das wirkt sich aus.

Angesichts des steigenden Bedarfs fehlt es an Budget und Personal für die psychotherapeutische Begleitung von Kindern.
  • Angesichts des steigenden Bedarfs fehlt es an Budget und Personal für die psychotherapeutische Begleitung von Kindern.
  • Foto: Kinderhilfswerk
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Sind auch Kindergartenkinder von dieser Häufung von depressiven Symptomatiken betroffen?
Bei Kindergartenkindern ist eine Diagnose schwieriger. Aber auch bei ihnen macht sich diese Ängstlichkeit der Eltern in der Stimmung bemerkbar. Sie werden auf einmal ruhiger, zurückgezogener, lachen nicht mehr so viel oder werden im Gegenteil richtig aggressiv. Da muss man als Elternteil sehr gut aufpassen und hinschauen. Angst ist neben Depression das häufigste Symptom, das die Kinder derzeit zeigen.

Der Kontakt mit Gleichaltrigen ist also im Kindergartenalter auch schon wichtig?
Ganz wichtig.

"Armutsgefährdete Kinder sind besonders betroffen"

Welche Kinder sind besonders betroffen?
Kinder, die schon vorher Belastungen gehabt haben, sind jetzt noch mehr betroffen. Auch Kinder, die armutsgefährdet sind, leiden noch mehr darunter, etwa wenn eine Familie mit drei Kindern ein Lernpaket machen muss, es aber nur einen PC gibt.

Unterstützen Sie die Forderung der Volkshilfe nach einer Kindergrundsicherung?
Ja, denn die Schere zwischen Arm und Reich geht auseinander und die letzten, die das tragen sollten, sind die Kinder.

Betreuen Sie auch Long-Covid-Fälle?
Das ist bei Kindern Gott sei Dank sehr selten, es heißt 1,5 bis 1,8 Prozent. Bei uns in der Beratungsstelle haben wir keinen einzigen Fall.

Wie äußert sich das dann bei Kindern?
Wenn es über die vier bis acht Wochen geht, speziell Symptomatik wie Kopfschmerzen, wie Schlaflosigkeit. Aber die neurologischen Themen, wie Erschöpfung auf lange Zeit oder kognitive Probleme, sind bei Kindern nicht der Fall.

Eines der beliebtesten "Therapieinstrumente" ist eine Achatschnecke.
  • Eines der beliebtesten "Therapieinstrumente" ist eine Achatschnecke.
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Was kann man tun?
Das Um und Auf ist, dass Eltern gut beobachten, ob das Kind sich verändert und dann nicht zu spät handeln. Wenn gewisse Symptome eine gewisse Zeit auftreten, sollte man zu professioneller Hilfe gehen. Wenn das Kind ruhiger oder aggressiver wird, sich zurückzieht oder keine Lust mehr hat, andere Kinder zu treffen. Wenn es schlecht schläft, Alpträume hat, nicht mehr so fröhlich und belastbar ist. Dann muss man schnell handeln.

Wie schaut eine Behandlung aus?
Die Therapeuten versuchen in die Welt des Kindes einzutauchen. Durch Erzählen kann man viel heraushören und dadurch schon ganz gut Diagnostik stellen. Ein Großteil von dem, was wir machen, ist Psychotherapie. Wir stärken die Kinder so weit, dass sie wieder lächeln und Freude am Leben haben.

"Sehr große Chancen, gesund zu werden"

Wie groß sind die Chancen, wieder gesund zu werden?
Sehr groß. Eine Evaluierung mit der ÖGK und der Universität Salzburg hat vor zwei Jahren eine signifikante Verbesserung ergeben. Als Therapeuten sehen wir ohnehin jeden Tag, dass es etwas bringt, aber das ist nun auch untersucht worden.

Wie finden diese Kinder den Weg zu Ihren Angeboten?
Wir bekommen Zuweisungen aus dem Wagner-Jauregg, von Schulen, Bezirkshauptmannschaften, über Mundpropaganda.

Man kann sich einfach bei Ihnen melden?
Genau.

Spiele helfen den Psychotherapeuten in die Welt der Kinder vorzudringen.
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Gibt es genug derartige Angebote in OÖ?
Wir würden uns Psychotherapie auf Krankenschein wünschen. Das findet immer mehr Gehör bei der ÖGK. Momentan gibt es aber nur ein bestimmtes Kontingent, das absolut nicht für alle reicht. Es braucht auch mehr Therapeuten.

Sollte es mehr Schulpsychologen geben?
Ich finde das sehr sinnvoll und ganz wichtig, dass es die Möglichkeit gibt, dass Kinder hingehen können. Es muss aber auch die Ressourcen haben, präsent zu sein.

Wie kann man mit Kindern über Corona sprechen?
Es gibt mittlerweile schon sehr gute kindgerechte Corona-Videos. Für Kinder ist nur wichtig, dass es keine diffuse sondern eine handelbare Angst wird. Damit das Kind das Gefühl hat, dass wir das bewältigen können.

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Das Kinderhilfswerk ist auf Spenden angewiesen. Wer helfen will, findet alle Infos unter kinderhilfswerk.at



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