"Viele Frauen wissen gar nicht, was ihnen zusteht"

Die Sozialarbeiterinnen im Frauenhaus beraten, unterstützen und planen gemeinsam mit den Frauen deren neues Leben.
  • Die Sozialarbeiterinnen im Frauenhaus beraten, unterstützen und planen gemeinsam mit den Frauen deren neues Leben.
  • Foto: Rackl
  • hochgeladen von Nina Meißl

Das Haus liegt gut geschützt, inmitten einer Wohnsiedlung, irgendwo in Linz. Die Adresse ist geheim. "Das ist für unsere Bewohnerinnen überlebenswichtig", sagt Margarethe Rackl, Geschäftsführerin des Linzer Frauenhauses. Drinnen toben Kinder im Turnsaal, ein paar Frauen sitzen zusammen bei Kaffee und Kuchen. Sie teilen dasselbe Schicksal. Jahrelang wurden sie misshandelt, geschlagen, gedemütigt. Die meisten von ihren Ehemännern oder Partnern, wenige auch von anderen Familienmitgliedern. So wie Maria K. Die Mittfünfzigerin ist vor ihrem gewalttätigen Sohn geflohen. Der alkoholkranke 24-Jährige hat seine Mutter geschlagen und gewürgt. Nun lebt sie, genau wie 16 andere Frauen und ihre Kinder, im Frauenhaus. Sie kamen auf unterschiedlichsten Wegen in die Schutzeinrichtung. "Die meisten werden von Beratungseinrichtungen an uns verwiesen, einige auch von der Polizei gebracht. Andere haben von Bekannten oder aus den Medien von uns erfahren", so Rackl.

Hilfe im Notfall

Maria K. hat aus lauter Angst und Scham selbst nie die Polizei gerufen, ihrer gut situierten Familie hat sie die Vorfälle verschwiegen. Eine Nichte machte sich trotzdem Sorgen und stellte den Kontakt zum Frauenhaus her. "Jede von Gewalt betroffene Frau kann bei uns Hilfe suchen. Wichtig ist, dass die Frauen selber anrufen", sagt Rackl. Im Notfall können sie sofort kommen. Im besten Fall haben sie Dokumente, Gepäck, Medikamente und die Lieblingsspielsachen der Kinder dabei. "Aber manchmal eskaliert es zu Hause und dann stehen die Frauen ohne alles vor der Tür." Dann gibt es für die Sozialarbeiterinnen viel zu tun. Neben der Betreuung und Beratung muss viel Papierkram erledigt werden – ummelden, Verletzungen dokumentieren, sich um die finanzielle Absicherung kümmern.

Frauen stärken

Die Sozialarbeiterinnen erklären, wie wichtig eine Anzeige wäre und begleiten die Frauen zur Polizei, "doch nur rund ein Drittel will überhaupt Anzeige erstatten". Auch Maria K. wünscht sich, die Situation im Guten klären und in ihre Wohnung zurückkehren zu können. "Letztendlich ist es immer die Entscheidung der Frau, und diese akzeptieren wir. Für uns steht im Vordergrund, die Frauen zu stärken. Viele wissen gar nicht, was ihnen zusteht. Wir versorgen sie mit Informationen, damit sie überhaupt – oft zum ersten Mal – eine eigenmächtige Entscheidung treffen können." Die meisten Frauen, die hier Hilfe suchen, wurden jahrelang massiv eingeschüchtert, haben kaum Selbstwertgefühl. Im Frauenhaus können sie zur Ruhe kommen.

Situation verbessert

Vor eineinhalb Jahren ist die Schutzeinrichtung in ein neues Gebäude gezogen, in dem sich für die Frauen viel verbessert hat. Sie leben in Kleinwohnungen mit viel Privatsphäre und versorgen sich selbst, es gibt einen Garten und einen Turnraum. Hier planen die Frauen gemeinsam mit den Sozialarbeiterinnen ihr neues Leben. Zwei Drittel schaffen den Ausstieg aus der Gewaltbeziehung. Rund ein Drittel kehrt jedoch wieder zum Gefährder zurück – oft auch mehrmals. "Meist geben die Frauen ihren Männern weniger aus Liebe eine zweite Chance, sondern eher aus wirtschaftlichen Gründen." Was wirklich hilft, es zu schaffen und den Täter zu verlassen, ist laut der Expertin, auf eigenen Beinen zu stehen: "Es ist traurig, dass viele junge Frauen so wenig Wert auf die Ausbildung legen. Qualifizierung ist ein wichtiger Aspekt, um selbstbestimmt über sein Leben zu entscheiden."

"Gesetzlichen Rahmen ausschöpfen"

Die Regierung plant, die Betreuungsplätze für Gewaltopfer auszubauen. Wo, ist noch offen. In Linz gibt es derzeit 17 Plätze. Ebenfalls will die Regierung die Strafen für Gewalt gegen Frauen und Kinder anheben. Laut der Geschäftsführerin des Linzer Frauenhauses, Margarethe Rackl, würde der gesetzlich Rahmen schon jetzt ausreichen, oft werde er jedoch "vor Gericht nicht ausgeschöpft": "Pro Monat werden in Österreich durchschnittlich zwei Frauen ermordet. Es gibt jedoch Tausende, die hochgefährdet sind, und deren Männer vor Gericht maximal ein ,Bedingt‘ bekommen." Oft sei es "unverständlich, warum ein Mann nicht in Untersuchungshaft genommen wird". Zu einem Paradigmenwechsel kam es in den vergangenen Jahren hingegen bei der Exekutive: Durch das Gewaltschutzgesetz ist es der Polizei möglich, den Täter wegzuweisen, damit die Frau in der Wohnung bleiben kann. "Früher wäre es undenkbar gewesen, dass die Polizei in die Privatsphäre eingreift. Mittlerweile haben die Täter die Konsequenzen zu tragen. Das ist auch gut so, denn während die wenigsten auf ein Nein ihrer Frau hören, reagieren viele auf ein gesellschaftliches Nein", so Rackl.

Daten & Fakten

2017 hat das Team des Linzer Frauenhauses 1.200 ambulante Beratungen durchgeführt.

83 Frauen mit 95 Kindern haben im Vorjahr im Frauenhaus gewohnt. 50 von ihnen waren zum ersten Mal da, 33 haben mindestens zum zweiten Mal hier Zuflucht gesucht. Der Großteil war zwischen 20 und 35 Jahre alt. Die meisten Kinder waren jünger als zehn Jahre. Rund ein Drittel der Bewohnerinnen hat gearbeitet, ein Drittel bekam Geld vom Staat (Arbeitslosengeld, Kinderbetreuungsgeld etc.) und rund ein Drittel hatte überhaupt kein eigenes Einkommen.

Der Täter war in 70 Fällen der Ehemann oder Partner, der Rest kam aus dem engen, familiären Umfeld. In etwa einem Viertel der Fälle war eine Waffe Bestandteil der Misshandlung. Es wurden insgesamt 22 Anzeigen erstattet.

NOTRUF

Das Linzer Frauenhaus ist rund um die Uhr kostenlos, anonym und unbürokratisch erreichbar unter der Telefonnummer 0732/606700
Mehr Infos gibt’s auch online auf frauenhaus-linz.at

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