"Bildung beginnt in der Krabbelstube"

Stichwort Kinderbetreuung. Welche Ausbaupläne gibt es hier, vor allem im Bereich der Kleinkinder?
Die Pläne sind ganz klar im Bereich der Unter-Drei-Jährigen. Bei den Unter-Vier-Jährigen und Unter-Fünf-Jährigen sind wir de facto beim Vollausbau. Da haben wir eine Betreuungsquote von 98 Prozent. Da ist das Angebot vor Ort gesichert. Bei den Plätzen für Unter-Drei-Jährige haben wir das Angebot seit 2008 verdoppelt. Voriges Jahr haben wir knapp 50 Krabbelstuben eröffnet.

Und diesen Herbst?
Werden wir wieder knapp 50 Krabbelstuben eröffnen. Die kommen also dazu. Da sind wir kontinuierlich in der Erweiterung und da haben wir auch was zu tun. Das muss man ganz klar sagen. Da haben wir in den letzten Jahren zu wenig gemacht.

Oft kritisiert wird die mangelhafte Betreuung in den Ferien.
Da haben wir viel gemacht. Das Thema nehmen wir auch ernst. Wir sind so aufgestellt, dass die Kindergärten in den Ballungsräumen durchgängig offen haben, das wird auch immer stärker kommen. Im ländlichen Raum haben wir noch vermehrt die Saisonkindergärten. Die kommen in der Statistik nicht vor. Zum Beispiel werden 1300 Kinder in Oberösterreich in den Sommerkindergärten betreut. In 55 Gruppen über ganz Oberösterreich verteilt. Die scheinen zwar in den Statistiken nicht auf, decken aber den Bedarf der Eltern ab.

Welche mittelfristigen Pläne und Ziele haben Sie diesbezüglich?
Es geht ganz klar in gemeindeübergreifende Angebote im ländlichen Raum und Ganzjahresangebote in den Ballungsräumen. Wir haben zurzeit durchschnittlich 23 Schließtage in Oberösterreich im Elementarbildungsbereich.

Bis wann wollen Sie im Bereich der Unter-Drei-Jährigen auf eine 98-Prozent-Quote, wie den Unter-Vier- bzw. Unter-Fünf-Jährigen?
Das ist nicht das Ziel. Es geht darum für die Eltern das Angebot zu schaffen. Einige brauchen nur einen Tag ein Angebot, andere zwei oder drei oder fünf. Wir wollen in den Ausbaucschritten von 50 Gruppen pro Jahr weitermachen. Dann können wir das Angebot flächendeckend im Land anbieten. Die Eltern sollen sich darauf verlassen können, dass es das Angebot gibt, wenn sie es brauchen.

Gibt es regionale Schwerpunkte?
Im Innviertel haben wir ein Projekt gestartet, wie die Betreuung bis ins schulpflichtige Alter aussehen kann und soll. Wir wollen ein Netzwerk über Oberösterreich spannen, dass sich jede Familie sicher sein kann, dass es ein bedarfsgerechtes Angebot gibt. Von der Tagesmutter über außerschulische Nachmittagsbetreuung bis zur Krabbelstube. Das Pilotprojekt wollen wir über ganz Oberösterreich ausdehnen.

Wie viel Geld nimmt das Land für die Kinderbetreuung in die Hand?
In Summe investieren wir für Kinderbetreuung 176 Millionen Euro pro Jahr.

Welche mittel- bis langfristigen Ziele haben Sie bei der Hochbegabtenförderung?
Wir mussten und müssen die Elementarpädagogik neu entdecken. Brennende Fragen die hier Eltern und auch Kindergartenpädagoginnen haben sind, wie man Hochgegabungen erkennt. Hier wollen wir mit unserem Netzwerk kompetente Ansprechpartner schaffen.

Die Kindergärtnerinnen haben ja auch über wenig Wertschätzung und Gehalt dieses Jahr geklagt. Welche Handlungspotenziale sehen Sie hier. Stichwort: akademische Ausbildung für Kindergärtner.
Mittelfristig werden wir uns dahin bewegen. Vor allem für Leiterinnen. Da wird es auch Bedarf dafür geben. Derzeit könnten wir all unsere Kindergärten nicht mit akademisch geschulten Personal beschicken. Das ist ein Entwicklungsprozess. Wir sprechen jetzt in dem Bereich von Pädagogik und nicht mehr von Betreuung. Der Bereich ist ja auch erst seit zwei Jahren im Bildungsressort angesiedelt. Das war auch politisch ein wichtiger Schritt. Bildung beginnt in der Krabbelstube. Potenzial sehe ich bei der Sprachförderung gerade im Krabbelstuben- und Kindergartensegment. Hier können Defizite ausgeglichen werden, was man im Schulalter nicht mehr kann. Wir werden im Herbst die Ergebnisse der Sprachstandsfeststellungen präsentieren.

Personal- bzw. Fachkräftemangel im Bildungsbereich. Ja oder nein?
Regional ist es zum Teil schwierig. Etwa im Bereich der Hortpädagogik. Aber im Moment sind wir ganz gut aufgestellt. Beim massiven Ausbau vor drei Jahren hatten wir Lücken aber mit den zusätzlichen Ausbildungsschienen haben wir das mittlerweile recht gut im Griff. Auch das neue Dienstrecht für Kindergarten- und Krabbelstubenpädagoginnen ist ein wichtiger Schritt gewesen. Dieses soll im Herbst im Landtag beschlossen werden.

Welche Pläne haben Sie im Bereich der Fachhochschulen?
Da setzen wir ganz klar auf den weiteren Ausbau. Wir haben 169 weitere Plätze vom Bund zugeteilt bekommen. Wir hätten uns mehr erwartet.

Wie viel mehr?
Sicher um 50 Plätze mehr. Aber wir werden in Wels mit der Lebensmitteltechnologie starten. Im Studienjahr 2014/2015 in Wels mit der Studienrichtung Bauingenieurswesen. Gerade in diesem Bereich hatten wir bis dato nichts. In Hagenberg etablieren wir den Lehrgang Human Centered Computing. Und wir werden mit einem von der Region Innviertel gewünschten Lehrgang zum Thema Verbundwerkstoffe starten. Der ist zwar nicht vom Bund co-finanziert, sondern wird durch Finanzierung der Betriebe und mittels Studiengebühren durchgeführt. Zudem werden bestehende Studienrichtungen erweitert.

In welchen Bereichen muss Bildung in Oberösterreich noch stärker Fuß fassen?
Wir setzen auf unsere Stärken. Etwa bei der Informations- und Kommunikationstechnologie. Da gibt es ja mit dem Softwarepark Hagenberg ein Leuchtturmprojekt für ganz Österreich.

Der langjährige Leiter Bruno Buchberger ist mit 31. Juli zurückgetreten. Wann gibt es hier einen Nachfolger?
Da sind wir schon in der Endabstimmung und haben sehr, sehr positive Gespräche. Bruno Buchberger hat viel für die Region geleistet, das möchte ich betonen. Dass er sein Amt zurückgelegen wird, war seit vier Jahren bekannt. Das war keine Überraschung. Wichtig ist, dass wir mit der Bestellung einer neuen Führungspersönlichkeit dem wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Aspekt Rechnung tragen.

Das heißt, im August wird bereits die Nachfolgerin/der Nachfolger präsentiert.
Davon gehe ich aus.

Es gab ja nicht nur Befürworter, sondern auch Gegner der Medizin-Fakultät. Was sagen Sie diesen?
Es wurde klar gemacht, dass die Med-Fakultät einen Ausbau der Hochschuleinrichtungen darstellt und nicht zu Lasten anderer Unis geht. Natürlich gibt es Ängste, etwa weil so Kosten transparent werden und Vergleiche möglich werden.

Also, dass eine Linzer Medfakultät günstiger käme, als Innsbruck oder Wien.
Das würde ich nie sagen. Aber es wird transparenter und man kann oft das Eine nicht mit Anderen vergleichen und das wollen wir auch nicht. Wir werden uns bei der Gründung auch von internationalen Experten beobachten lassen. Weil wir wollen eine Ausbildung auf höchstem internationalen Niveau sicherstellen.

Und wie entgegnen Sie der Kritik, dass eventuell dann die Oberösterreicher in Linz als Ärzte für Deutschland ausgebildet werden?
Da gibt es eine ganz klare Vereinbarung mit den Ministern Stöger und Töchterle, dass die ausgebildeten Ärzte dann nicht abwandern. Wir wollen ja nicht nur die ärztliche Versorgung in Oberösterreich sicherstellen, sondern vor allem auch die Forschung gewährleisten. Das Gesundheitsthema, das ja auch wirtschaftlich ein big business ist, geht sonst an Oberösterreich vorbei. Wir hätten in dem Bereich sonst keine Expertise.

Also ergeben sich Ihrer Meinung nach Potenziale beispielsweise bei der Medizintechnik und dergleichen.
Absolut. Da gibt es ja Schnittpunkte zur Mechatronik oder zum Maschinenbau. Das geht ganz anders, wenn ich auch eine Universitätsklinik habe. Der Weg bis hin zur Marktreife von Produkten geht dann ganz anders und schneller. Wir können uns nicht nur auf unsere jetzigen Stärkefelder besinnen, sondern müssen Zukunftsthemen suchen. Und Gesundheit gehört da eindeutig dazu.

Welche Ideen im Bildungsbereich haben Sie noch?
Mein Schwerpunkt ist die Stärkenorientierung. Unterricht zu verändern. Ich will Schulstandorte, die so autonom wie möglich Qualitätssicherung betreiben und nicht auf das Ergebnis internationaler Studien warten. Diese müssen sich dann auch Ziele setzen und kontinuierlich am Erfolg arbeiten. Da setze ich meine ganze Energie hinein. Mit "Schule innovativ" sehen wir auch wirklich schon Erfolge. Hundert innovative Schulen haben wir bereits – Hauptschulen, Neue Mittelschulen oder auch Volksschulen. Wenn wir das flächendeckend in die Köpfe und Herzen der Pädagogen gebracht haben, mache ich mir um die Zukunft des Bildungslandes Oberösterreich keine Sorgen. Im Endeffekt geht es um eine ehrliche Betrachtung der Ist-Situation.

Zum Frauenbereich. Trotz diverser Initiativen sind Mädchen und Frauen in technischen Berufen Mangelware.
Es ist ein kontinuierliches aber natürlich nur sukzessives Wachstum. Wir haben Erfolge, die kann man auch an Zahlen festmachen. Gewisse Lehrberufe verändern sich wirklich, etwa Elektrotechnik oder Metalltechnik. Da hat sich die Zahl der weiblichen Lehrlinge verdoppelt. Aber wir sind noch lange nicht dort, wo wir hinwollen. Wir müssen vermehrt auf die Stärken der Mädchen schauen. Die liegen nicht nur bei Gesang und Turnen. Das machen wir auf allen Ebenen, vom Kindergarten beginnend. Viele Mädchen wählen eine Beruf, weil es sich leichter dann in Zukunft mit der Familie vereinbaren lässt.

Also Friseuse lässt sich leichter mit der Familie vereinbaren als Schlosser?
Da ist der Beruf der Lehrerin ein Klassiker. Da haben sich viele Frauen früher dafür entschieden. Und viele Mädchen ergreifen einen Beruf, weil die Freundin es macht, oder weil sie es von der Mutter oder Großmutter vorgelebt bekommen hat. Diese Rollenklischees müssen wir aufbrechen.

Reicht der Aktionismus von Girl´s day und Co. dann überhaupt aus um etwa das Fachkräfteproblem zu bekämpfen?
Wer mir die Lösung morgen präsentiert, dem sage ich. Ich mach es sofort. Es geht halt leider Gottes nicht so einfach. Wir haben ja auch ein Bildungssystem das sehr weiblich geprägt ist. Es gibt ja kaum Kindergärtner, kaum männliche Vorbilder im Bildungsbereich. Wir setzen da auch bei den Pädagoginnen Schwerpunkte. Beispielsweise, dass auch in den Schulen mit den Experimentierkoffern auch gearbeitet wird und nicht, dass die nur herumstehen.

In der Frauenpolitik setzen Sie auf?
Mutmachprogramme. Viele Frauen trauen sich oft nicht, sich für einen Job zu bewerben. In meinem Ressort habe ich zum Glück mehrere Möglichkeiten anzusetzen. Etwa durch die Kinderbetreuung. So können wir auch in Zukunft ein professionelles Auzeitenmanagement etablieren. Auszeiten betreffen Männer wie Frauen und eine Karenz ist so eine Auszeit. Für ganz viele Väter und Mütter ist es ganz wesentlich, wie sich der Betrieb zum Thema Familie positioniert. Das betrifft etwa den Bereich Home-Office.

Oft strapaziert ist der Begriff lebensbegleitendes Lernen.
Wir wollen zum einen die "bildungsfernen" Personen mit unserem dezentralen Angebot erreichen. Da haben wir kostenfreie Bildungskurse beispielsweise in den Volkshochschulen oder im Wifi. Bildung macht ja Freude. Zweiter Schwerpunkt sind Angebote, die über das Bildungskonto auch gefördert werden. Da wenden wir zehn Millionen Euro pro Jahr auf. Da machen wir deutlich mehr als alle anderen Bundesländer.

Wohin schauen Sie, wenn Sie im Bildungs- oder Frauen-Bereich Änderungen herbeiführen wollen?
Die Best Practices haben wir schon im Land. Nur müssen wir uns noch besser vernetzen. Wir müssen nur das Rad immer zu Ende denken. In unserem neuen strategischen Wirtschafts- und Forschungsprogramm denken wir das auch zu Ende.

Autor:

Oliver Koch aus Linz

following

Du möchtest diesem Profil folgen?

Verpasse nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melde Dich an, um neuen Inhalten von Profilen und Bezirken in Deinem persönlichen Feed zu folgen.

Folgen Sie diesem Profil als Erste/r
Die wichtigsten Nachrichten per Push Mitteilung direkt aufs Handy! Jetzt für Deinen Bezirk anmelden!

Kommentare

online discussion

Du möchtest kommentieren?

Du möchtest zur Diskussion beitragen? Melde Dich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung einbetten

Abbrechen
add_content

Du möchtest selbst beitragen?

Melde Dich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.