Corona-Krise
Linzer Mütter kritisieren Schulschließungen in offenem Brief

Mutter Susanne Hain beim Homeschooling.
  • Mutter Susanne Hain beim Homeschooling.
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  • hochgeladen von Christian Diabl

LINZ. Susanne Hain und Ulrike Morrenth sind richtig sauer. Die beiden Linzerinnen sind Mütter von fünf Schulkinder im Alter von sechs bis elf Jahren sowie einem Kindergarten-Kind. Die Schulschließungen im Zuge des zweiten Lockdowns kritisieren sie scharf. Am heutigen internationalen Tag der Kinderrechte adressieren sie diese Kritik in einem offenen Brief an Landeshauptmann Thomas Stelzer und seine Stellvertreterin Christine Haberlander (beide ÖVP). 

"Dass unsere Bundesregierung trotz einer breiten Front von Experten aus den unterschiedlichsten Bereichen den Unterricht nun für drei Wochen aussetzen lässt, macht uns fassungslos", sagen die beiden Mütter.

Das wolle man nicht auf sich sitzen lassen.


Vertrauen in Krisenmanagement verloren

Es gehe aber nicht nur um weitere drei Wochen Homeschooling, sondern um das "große Ganze". Beide haben das Vertrauen in das Krisenmanagement der Bundesregierung verloren.

"Wir müssen nun jederzeit damit rechnen, dass Schulen, ohne Fakten und Verhältnismäßigkeit abzuwägen, geschlossen beziehungsweise der Unterricht ausgesetzt wird", schreiben sie. 

Viele Kinder würden auf der Strecke bleiben, die soziale Ungleichheit weiter befeuert. In ihrem offenen Brief formulieren die beiden Mütter zehn Gründe für ein Aufrechterhalten des Unterrichts und drei konkrete Forderungen. Warum richtet sich der Brief aber an die Landesregierung und nicht an Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP), der die umstrittene Entscheidung getroffen hat? Weil Stelzer diese mitgetragen hat und es leichter wäre, mit ihm ins Gespräch zu kommen, begründen sie das auf Nachfrage der StadtRundschau. 

+++

Der offene Brief im Wortlaut:

Linz, am 20. November 2020

Offener Brief zum Unterrichtstopp an Pflichtschulen während des zweiten Corona-Lockdowns

Sehr geehrter Herr Landeshauptmann, sehr geehrte Frau Landeshauptmann-Stellvertreterin,
als Mütter von fünf schulpflichtigen Kindern im Alter von 6 bis 11 Jahren und einem Kindergarten-Kind bringen wir Ihnen unsere Fassungslosigkeit über den neuerlichen Unterrichtsstopp an Pflichtschulen im Zuge des zweiten Corona-Lockdowns zum Ausdruck. Darüber hinaus rufen wir anlässlich des Internationalen Tag der Kinderrechte in Erinnerung, dass gemäß Artikel 26 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen vom 10. Dezember 1948 das Recht auf Bildung ein Menschenrecht ist. Dieses Recht ist zugleich in Artikel 28 der Kinderrechtskonvention verankert. Sie wurde - wie Sie sicherlich wissen - 1992 von Österreich ratifiziert. Eines der vier Grundprinzipien der Kinderrechtskonvention ist der Vorrang des Kindeswohls. Das bedeutet: Bei Entscheidungen, die Kinder betreffen, muss deren Wohl ein vorrangiges Kriterium sein. Mit dem Unterrichtsstopp werden sowohl das Kindeswohl als auch das Recht unserer Kinder auf Bildung grundlegend missachtet. Warum Sie das als politisch Verantwortliche nie zur Diskussion gebracht haben und sogar den Eindruck vermitteln, als wäre Bildung ein entbehrlicher bzw. leicht an die Eltern delegierbarer „Schnickschnack“, finden wir alarmierend.

Bis heute haben Sie der Öffentlichkeit inhaltlich nicht erklären und begründen können, warum der Unterricht - entgegen den auf epidemiologischen Cluster-Analysen und virologischen Daten basierenden Empfehlungen der Corona-Kommission, pädiatrischen und psychologischen Fachgutachten sowie Public-Health- und ökonomischen Expertisen - ausgesetzt wird. Als milderes Mittel wäre ein Schulbetrieb unter infektiologisch sinnvollen Auflagen wie der Einhaltung von Hygienemaßnahmen, Nutzung alternativer Räume, technischer Aufrüstung, Personalaufstockung und einem regionalem Approach in Betracht gezogen werden sollen, wie es auch Vertreter*innen der Corona-Kommission vorgeschlagen haben.

Wir möchten Ihnen nun zehn Gründe darlegen, die für das Aufrechterhalten des Unterrichts sprechen:

  1. Die Schule kann mit entsprechender Vorbereitung (die bisher verabsäumt wurde) ein geschützter Ort sein, in dem die Ausbreitung des Virus kontrolliert werden kann. Noch dazu wo mittlerweile hinlänglich bekannt ist, dass Kinder unter 14 Jahre in Österreich beim Infektionsgeschehen eine geringere Rolle spielen als Erwachsene. 
  2. Die jetzt viel genannte angebotene Betreuung unterschätzt wieder einmal die Schule als Ort des sozialen Lernens und des gemeinsamen Miteinanders und Wachsens. Kinder brauchen das für ihre kontinuierliche, gesunde Entwicklung. Hinzu kommt, dass allein die Frage, wer Bedarf hat, irritiert: Natürlich haben alle Kinder Bedarf an Bildung.
  3. Wir beobachten, wie unterschiedlich die Betreuung an den Schulen gehandhabt wird. Von Lehrer*innen, die Eltern zwischen den Zeilen ermutigen ihre Kinder zur Schule zu bringen, über Lernen in Kleingruppen bis hin zu Schulen, an denen alle möglichen „abschreckenden Maßnahmen“ gesetzt werden, um Eltern ein schlechtes Gewissen zu machen, damit diese „wirklich nur zur Not“ ihre Kinder in die Betreuung bringen. Das zeigt: Dieses System ist nicht im Sinne des Erfinders und funktioniert nicht.
  4. Besonders jene Kinder und Jugendlichen, die bereits vor der Corona-Krise aufgrund ihres sozialökonomischen Umfeldes benachteiligt waren, brauchen Kontinuität im gemeinschaftlichen Lernen und im persönlichen Kontakt mit ihren Lehrer*innen. Diese sind oftmals wichtige Bezugspersonen und fördern ihre Resilienz, wenn das familiäre Umfeld „auslässt“. 
  5. In Zeiten der Unsicherheit ist die Schule ein Ort der Stabilität, bietet verlässliche Tagesstruktur und das Aufgehoben sein in der Peergruppe. 
  6. Schule - und damit der geregelte Unterricht - ist systemrelevant, für Kinder, Lehrer und ihre erwerbstätigen Eltern (egal ob systemrelevant oder im Homeoffice). 
  7. Homeoffice und Homeschooling, das hat die Erfahrung aus dem ersten Lockdown gezeigt, sind in der Regel nicht miteinander vereinbar. Das Bemühen, Vorgaben und Erwartungen des Arbeitgebers zu erfüllen und gleichzeitig die Kinder beim Lernen zu unterstützen, ist ein organisatorischer wie emotionaler Kraftakt, der meist zulasten von berufstätigen Müttern geht. 
  8. Eltern haben viele Rollen, sie sind aber sicher keine Lehrkräfte. Nicht umsonst dauert ein Lehramtsstudium zumindest acht Semester. Hinzu kommt die über die Maße belastete Eltern-Kind-Beziehung, wenn Mütter und Väter gezwungen werden, diese Rolle wochenlang zu übernehmen. Das führt zu einer Häufung von Konflikten, Stresssymptomen und Gefühlslagen, die zwischen Aggression und Depression liegen und krankmachend sind. 
  9. Vielen Familien fehlt es an den Räumlichkeiten für ihre Kinder, damit diese in Ruhe lernen können und immer noch an der technischen Ausstattung (z.B. Laptop, Internetzugang), um am jetzt so propagierten „Distance-Learning“ teilzunehmen. Abgesehen davon brauchen besonders Volksschüler*innen den intensiven persönlichen Kontakt mit ihren Klassenlehrer*innen und viel Unterstützung beim „Lernen lernen“. 
  10. Es gibt ausreichend wissenschaftliche pädagogische und sozialökonomischen Erkenntnisse über die verheerenden Folgen von Schulschließungen auf die Zukunft von jungen Menschen. Im Gegenzug gibt es jedoch noch keine gesicherten Erkenntnisse darüber, dass der Nutzen von Schulschließungen größer ist als der Schaden, wenn man Kindern den Unterricht vorenthält. 


Aus diesen Gründen fordern wir:

  1. Vertrauen in die Regierung ist in einer Krise, wie wir sie jetzt erleben, das Wichtigste. Dieses wurde von den politisch Verantwortlichen, auch von Ihnen, verspielt. Können wir Bürger*innen noch an die Rechtssicherheit glauben, dass der Unterricht am 7.12. wieder, wie versprochen, für alle Schüler*innen fortgesetzt wird oder werden wir auch dann wieder vor vollendete und wissenschaftlich nicht evidenzbasierte, unverhältnismäßige Tatsachen gestellt? Die Entscheidung, ob Schulen schließen, darf niemals - wie es jetzt passiert ist - eine politische sein. Daher fordern wir: Die Schulen müssen für den Unterricht offenbleiben! 

  2. Solidarität gilt für alle Bevölkerungsgruppen! Daher fordern wir ein Hilfspaket für besonders von der Krise betroffene Kinder und Jugendliche, um diese nicht auf der Strecke zu lassen. „Koste es was es wolle!“ Warum sollen nur Wirtschaftsunternehmen finanzielle Unterstützung erhalten? Wir fordern außerdem die Schaffung eines Ministeriums bzw. Amtes für Kinderrechte. Sie machen ein Viertel unserer Bevölkerung aus und sind die Gesellschaft von morgen. 
  3. Die soziale Bedürftigkeit und die Ungleichheit, die dieser Krise folgen werden, bereiten uns schon heute Sorgen. Daher fordern wir Sie auf Plattformen zu schaffen, die einen gesamtgesellschaftlichen Diskurs über das ethische Dilemma des Generationsvertrages ermöglichen und inwieweit im Angesicht der Corona-Krise die Zukunftschancen von jungen Menschen geschmälert werden dürfen. 


Wir verbleiben mit der Bitte um konkrete Antworten auf unsere Anliegen in einem persönlichen Gespräch. Zwei betroffene und besorgte Mütter und engagierte Bürgerinnen. 

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