"Sind Stadt der Zukunft"

Im Interview mit der StadtRundschau spricht sich Bürgermeister Luger aus, Digitalisierung zu allererst als Chance zu begreifen.
  • Im Interview mit der StadtRundschau spricht sich Bürgermeister Luger aus, Digitalisierung zu allererst als Chance zu begreifen.
  • hochgeladen von Andreas Baumgartner

Herr Bürgermeister, einer Ihrer Leitsprüche lautet: "Linz zur innovativsten Stadt Österreichs machen." Was fehlt derzeit für den ersten Platz?
Klaus Luger: Wir brauchen ein vertieftes Angebot technischer Studienrichtungen an der Universität, eine HTL, die sich explizit mit der Digitalisierung beschäftigt. Ein wenig fehlt uns auch noch die Internationalisierung, um attraktiv genug für Schlüsselkräfte zu sein. Wir sind eine Stadt der Zukunft und haben da sicher noch Luft nach oben, weil wir so nicht wahrgenommen werden. Die Annahme der Herausforderungen der Digitalisierung ist für Linz eine Riesenchance. Wir müssen die Stadt zum Hotspot einer digitalisierten Industriestadt machen.

Wie wird sichergestellt, dass alle Linzer etwas von Innovation und Entwicklung haben?
Es werden nicht alle von der Digitalisierung profitieren. Es wird Menschen geben, die unter Druck kommen. Gewisse Arbeitsplätze werden wegfallen und darauf haben wir gesellschaftspolitische Antworten zu geben. Betroffenen müssen wir Perspektiven bieten, das geht weit über eine Mindestsicherung hinaus. Für andere wird die Digitalisierung neue Möglichkeiten bieten. Insbesondere wird es die Kommunikation verändern. Das Arbeiten wird nicht mehr so räumlich gebunden sein. Das verändert unser Arbeitsverhalten und unsere Mobilität.

Dadurch wird der Verkehr entlastet …
Man steigt in Zukunft in ein selbstfahrendes Fahrzeug ein, ist dabei aktiv und erreichbar. Jeder ist gefordert, künftig ständig erreichbar zu sein, ohne dabei an einen bestimmten Ort gebunden zu sein. Die Sozialpartner haben die Aufgabe, diesen Prozess sozial zu gestalten.

Wie kann die Stadt die Digitalisierung bewältigen?
Ich bin ein Befürworter der Bewegung sich an die Spitze zu stellen: als Erster nicht die Gefahren sondern die Chancen sehen, dann auch den Blick auf Risiken richten. Die größeren europ- Städte diskutieren derzeit über Steuerungssysteme für en Individualverkehr – mit der heutigen Sensortechnik, an jedem Lichtmasten kann ich das heute schon perfekt realisieren. Vom Satelliten aus können wir einzelne Autos erkennen, die Bewegung jedes Individuums ist messbar und erkennbar – aber das geschieht weder in Deutschland noch in Ö. Wir müssen den Diskurs führen, wollen wir optimierte Verkehrssysteme oder haben wir soviel Angst vor der totalen Überwachung, dann müssen wir sagen „Finger weg“. 
Wenn jetzt tatsächliche private Firmen in den USA, Google etwa, von Satelliten auf Flugzeuge umsteigen. Selbstfliegende Flugzeuge können Internet installieren. Das ist im Rollout, es gibt nur ein Problem, derzeit müssen diese Flieger alle sechs Monate gewartet werden. Solartechnik macht das möglich. Damit es keine Funklöcher gibt und es keine zwei Flieger braucht, braucht Google noch 12 Monate. Experten sagen uns, dass das in zwei Jahren Realität sein wird. Wir diskutieren Videoüberwachung vor dem Bahnhof, neben dem Bahnhof. Wir diskutieren nicht darüber was es heißt, wenn eine private Firma flächendeckend privates Internet anbietet. Das hat Auswirkungen auf Linz. Wenn das so billig ist, dann konkurrieren die unsere bisherigen öffentlichen Anbieter zu Tode. Und wir diskutieren über einen Datenhighway im Mühlviertel den wir in die Erde graben. Das ist so was von "oldschool". Da geht es um die Autonomie von Europa und diese Szenarien sind  nicht paranoid. Da geht es um kostengünstige Zugänge. Die Gefahr ist, dass private Firmen den Zugang kontrollieren. Wenn politisch etwas nicht passt, dann können die sagen: „da fliegen wir nicht mehr“.

Welchen Handlungsspielraum hat man da als Stadt eigentlich noch?
Das geht nur mit einer starken europäischen Union. Eine Riesenherausforderung.

Haben sie da eine klare Haltung?
Das gibt es, das wird kommen, die Frage ist wie gehen wir damit um? Ich frage mich, warum können wir das nicht in Europa entwickeln? Warum können wir nicht unser eigenes System ausbauen. Warum kooperieren wir da nicht mit anderen Ländern? Bei Facebook haben wir gesehen was das heißt, völlig in die Abhängigkeit zu geraten. Wir sollten dennoch eine positive Grundstimmung gegenüber der Technik einnehmen, keine blauäugige. Positiv daher, weil wir sie beherrschen müssen und da stellt sich nicht Frage: „Finde ich das gut oder schlecht?“. Die Frage lautet, hat sich die Lebensqualität durch die Technik verbessert. Ich bin gerne unabhängig und will jederzeit meine Informationen haben, also finde ich mein Iphone großartig. Die Kehrseite: Kommunikation ist keine Einbahnstraße. Ich muss davon ausgehen, dass jemand mit mir kommunizieren will. Das ist natürlich nicht immer angenehm.

Welche Gadgets nutzen sie privat?
Neben dem iPhone besitze ich noch ein ipad mini und dann bin ich schon ziemlich „oldschool“. Musikstreaming wie Spotify kenne ich nur von meinen Kindern. Ich höre noch CDs.

In Linz gibt viel Innovation im Kleinen. Was denken sie über Sharing-Economy, gemeinsames Gärtnern in der Stadt?
Wir erleben die vollständige Technologisierung und gleichzeitig wächst der Wunsch nach lokaler Verankerung. Heute gibt es in allen größeren Städten Menschen die sind absolut technikaffin, haben aber gleichzeitig das Bedürfnis ein kleines Stück Erde zu bearbeiten. In einer Stadt wie Linz muss das Platz haben. Für mich persönlich ist das kein Lebensstil, ich bin kein Gärtner und werde auch keiner mehr, aber ich halte das Phänomen für unterstützenswert, da es auch soziale kommunikative Funktionen auch inkludiert. Das geht über Urban Gardening hinaus. Es gibt immer mehr kooperative Systeme in der Stadt. Das geht vom Zusammenleben bis zur Kinderbetreuung, wo die Abendbetreuung in Wohnanlagen gemeinschaftlich organisiert wird.

Umgekehrt birgt die Digitalisierung die Gefahr sozialer Isolation. Wenn ich alles online erledigen kann, muss mit keinem Menschen in der Stadt mehr reden.
Das hat auch Vorteile. Für Menschen die wenig Zeit haben, ist das angenehmer als sich mit organisatorischen Dingen herumzuschlagen. Der Mensch ist ein soziales Wesen, auch wenn man manchmal daran zweifelt. Wenn ein Teil unserer Sozialität von etwas anderem überlagert wird, bricht das irgendwann durch. Daher kommt das Bedürfnis in Städten zu kommunizieren, eine niederschwellig lokal Begegnungsmöglichkeiten zu haben, immer wieder zurück. Es gibt Zeiten wo das Bedürfnis nach Anonymität wächst und wenn man genug davon konsumiert hat, denkt man sich „So will ich auch nicht leben“.

Was bedeutet das für eine Stadt wie Linz?
Das ist auch die Chance für mittelgroße Städte wie Linz mit 200.000 bis 400.000 Einwohnern, die die Mischung noch ein bisschen liefern können. Trotzdem mit dem Vorteil, das in einer Stadt nicht alles sofort überschaubar, analysierbar, erkennbar wie in Dorf trotzdem bieten. In Europa sind es nicht die Metropolen, sondern eher die mittleren Städte die wachsen, jedes Jahr um ein paar tausend Einwohner. Da ist Linz mittendrin mit allen Chancen und Möglichkeiten.

Braucht Innovation die Vielfalt?
Ohne Vielfalt keine Innovation, das ist eine einfache Formel so wie Eins plus Eins zwei ist.

Zu Beginn ihrer Amtszeit war die Arbeitslosigkeit hoch, jetzt geht sie nach unten. Es fällt auf, dass Firmen quer durch alle Branchen kaum noch Arbeitskräfte finden. Ist das ein bisschen ein Fluch?
Das wird immer schwieriger, immer noch schwieriger. Fakt ist, dass wir bei allen technischen Berufen von den Lehrabschlüssen bis zu den Akademikern einen steigenden Bedarf haben. Einen Teil kann man schließen durch die verstärkte Schaffung von Ausbildungsplätzen. Wir brauchen mehr Wertschätzung gegenüber den Lehrabschlüssen. Die Technik ist zu sehr akademisiert worden in den letzten zehn Jahren. Dennoch wird man den Bedarf in Linz damit noch immer nicht decken können. Es wird nötig sein im Kampf der Regionen attraktiv zu sein, damit Menschen – nicht nur, aber vorwiegend Techniker – Linz für ihren Hotspot erklären.

Wie kann das gelingen?
Da ist für mich „Citybranding“ ein Thema. Damit meine ist keine Werbe- oder Imagekampagne. Es geht darum dass die Stadt vom Gefühl her auf internationaler Ebene als etwas Besonderes registriert wird. Das muss auf Realität basieren, sonst ist es ein Blase. Linz soll auch als eine Stadt der Offenheit gesehen werden. Wir sind eine Stadt die zwar auch Probleme hat, aber die Lösen wir nicht mit Verboten und Polizeieinsätzen, das macht uns nicht zu einem attraktiven „Place to be“.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen