22.06.2017, 16:40 Uhr

Neue Nase und Zunge dank Top-OP-Technik

Patient Josef Rammer (Mi.) führt dank Andrea Oßberger (Plastische Chirurgie) und Andreas Strobl (HNO) wieder ein normales Berufs- und Privatleben. (Foto: Ordensklinikum Linz/Herbe)

Faszinierend, was die moderne Medizin zustande bringt: Zwei Patienten bekamen in Linz eine Zungenprothese aus Gewebe des Oberschenkels sowie eine neue Nase aus einem auf die Stirn verpflanzten Rippenknorpel.

Der Krebs hat Josef Rammer die Nase geraubt. Ein sehr aggressiver Tumor machte durch sein rasantes Wachstum eine vollständige Amputation der Nase nötig. Das zuständige HNO-Team am Ordensklinikum Barmherzige Schwestern arbeitete dabei mit Spezialisten aus der Plastischen Chirurgie zusammen. "Das Gesicht ist das Merkmal des Menschen schlechthin. Auf jedem Ausweis ist ein Bild des Gesichts zu sehen. Außerdem werden in diesem Bereich wichtige Funktionen wie Atmen, Schlucken oder Sprechen erfüllt", erklärt Oberarzt Andreas Strobl (HNO), warum bei Tumoren im Kopf-Hals-Bereich die interdisziplinäre Zusammenarbeit besonders wichtig ist.

Nase aus Rippenknorpel

Die Entfernung des Tumors und die Rekonstruktion der betroffenen Areale finden oft parallel statt. Bei Josef Rammer diente eine Technik, die vor fast 2.500 Jahren bereits in Indien beschrieben wurde, als Ausgangsidee. "Wir haben aus einem entnommenen Rippenknorpel auf der Stirn ein Gerüst für die künftige Nase geformt. Diese Tragestruktur wurde unter die Stirnhaut und das darunter liegende Gewebe, den sogenannten Stirnlappen, eingebracht, wo sie im Lauf von sechs Wochen anwuchs. Anschließend wurde dieser Aufbau vom umliegenden Haut- und Gewebematerial auf der Stirn getrennt, nach unten geschwenkt und auf die verbliebenen Fragmente der amputierten Nase gesetzt. Nach weiteren sechs Wochen war die neue Nase dann angewachsen und konnte schrittweise optisch verbessert werden. Auf die Stirn wurde Haut vom Oberschenkel transplantiert", erklärt Oberärztin Andrea Oßberger (Plastische Chirurgie).

Insgesamt waren zehn Eingriffe nötig. Wer nichts von seiner Krankengeschichte weiß, dem fällt die "neue" Nase kaum auf, so Rammer. Nur er selbst musste sich erst an den Anblick gewöhnen. Heute kann der 57-jährige Heeresangestellte wieder ein normales Leben führen. "Ich arbeite ganz normal und kann sogar meinen Hobbys nachgehen", sagt der leidenschaftliche Bergwanderer und Skitourengeher.

Aus Oberschenkel wird Zunge

Ein großes Stück Lebensqualität haben die Ärzte auch der 47-jährigen Karin Rücklinger geschenkt. Die Krankenschwester litt an starken Schmerzen im Mundraum, die zum Ohr ausstrahlten. Im Ordensklinikum wurde schließlich fortgeschrittener Zungengrundkrebs festgestellt. Auch hier erfolgten die Tumorentfernung und Rekonstruktion während einer Operation, die knapp acht Stunden dauerte. Während das HNO-Team von Wolfgang Schneidinger das vom Krebs befallene Areal entfernte, modellierte ein zweites Team um den Plastischen Chirurgen Martin Kaltseis aus Muskelgewebe des Oberschenkels ein exaktes Abbild des amputierten Teils. "Etwa die halbe Zunge musste der Länge nach amputiert werden. Um ihre zentralen Funktionen zu erhalten, ist ein Ersatz des fehlenden Gewebes nötig", erklärt Schneidinger. Eine besondere Herausforderung ist neben der Enge der Mundhöhle auch die mikrochirurgische Arbeit, damit Durchblutung und Nerven des zusammengenähten Gewebes wieder funktionieren. "Bis zu zwei Drittel der Zunge können ersetzt werden, wenn genügend Restmuskulatur vorhanden ist. Der neu eingesetzte Teil hat keine Eigenbeweglichkeit, die Restzunge sorgt für Bewegung beim Sprechen, Trinken und Essen", erklärt Kaltseis.

Karin Rücklinger kann bereits wieder beinahe normal sprechen. Auch das Essen und Trinken ist möglich, wenn auch der Geschmackssinn noch nicht komplett wiederhergestellt ist – eine Folge der nötigen Bestrahlung. Die 47-Jährige zeigt sich jedoch zuversichtlich: "Am meisten freue ich mich schon auf einen Hirschbraten."

Zur Sache: Kopf-Hals-Tumore
Bösartige Tumore im Kopf-Hals-Bereich zählen zu den zehn häufigsten Krebserkrankungen des Menschen. Am häufigsten ist der Kehlkopfkrebs, Tumore können aber auch in der Mundhöhle, im Rachen, in den Speicheldrüsen, der Nase, den Nasennebenhöhlen oder am äußeren Hals inklusive der Schilddrüsen vorkommen. Die drei Säulen der Behandlung sind die chirurgische Entfernung, die Strahlentherapie und die Chemotherapie. Für die Entfernung kleinerer Krebsgeschwüre reicht oft eine minimal invasive Operationstechnik aus. Ist der Tumor größer arbeitet man mit Gewebeersatzplastiken, um nach der Entfernung die betroffenen Areale funktionell und ästhetisch wiederherzustellen.
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