27.10.2016, 00:00 Uhr

"Zu schön, um krank zu sein"

Das Schloss Steyregg bildete die Kulisse für das Kalender-Shooting. (Foto: Stefan Fuhrmann)

Zwei engagierte Frauen setzen sich für alle chronisch kranken Menschen ein und wollen das Unrecht aufzeigen, das den Betroffenen Tag für Tag widerfährt. Dazu haben sie ein Kalenderprojekt mit Menschen mit unsichtbaren Behinderungen ins Leben gerufen.

Karin Thalhammer und Karin Gussmack leiden selbst seit Jahren an einer chronischen Krankheit. Bei Karin Gussmack ist es Fibromyalgie, die sie so fühlen lässt, „als hätte ich am ganzen Körper starken Muskelkater“. Karin Thalhammers rheumatoide Arthritis zerstört langsam ihre Gelenke, Knochen und Sehnen. "Ich wurde über Nacht  aus dem Leben gerissen", sagt die 50-Jährige.

Unsichtbare Leiden

Beide haben ständig Schmerzen. Auf den ersten Blick sieht man ihnen diese jedoch nicht an. Ein Umstand, der den Frauen schon viele Probleme gebracht hat. „Ich war Friseurin, bis ich nicht mehr arbeiten konnte. Ein gepflegtes Äußeres war mir immer wichtig. Doch wenn man sich um sich selbst kümmert, glaubt einem plötzlich niemand mehr, dass man krank ist“, sagt Gussmack. Gestylte Haare, lackierte Nägel und Make-up können bei chronisch Kranken zu allerlei Problemen führen. „Wir besitzen einen Behindertenausweis. Wenn man aber am Behindertenparkplatz aus dem Auto steigt und nicht krank aussieht, ist es oft unglaublich, welche Beschimpfungen man sich anhören muss“, erzählt Thalhammer aus ihrem Alltag.

Auf dem Abstellgleis

Die Beleidigungen von Passanten sind für Betroffene oft noch das geringste Problem. Sowohl Gussmack als auch Thalhammer haben um Invaliditätspension angesucht – und wurden abgewiesen. Ein Grund dafür: ihr gepflegtes Äußeres. Immer wieder bekamen sie bei Gutachtern zu hören, wer sich selbst die Haare waschen könne, könne auch arbeiten. „Dass ich mich danach eine Stunde hinlegen und ausruhen muss, will niemand hören“, so Gussmack. Nun werden sie zwischen dem AMS und der Pensionskasse hin und her gereicht, fühlen sich auf dem Abstellgleis. „Kein Chef will uns einstellen, doch für die Pensionskasse gelten wir als gesund. Wir haben unser Leben lang ins System eingezahlt. Jetzt schauen wir durch die Finger und sind auf unsere Ehemänner angewiesen. Dabei haben wir noch Glück. Wer nicht verheiratet ist, lebt unter dem Existenzminimum, hungert oder wird obdachlos.“

Kampf um Anerkennung

Karin Gussmack kennt als Leiterin einer Fibromyalgie-Selbsthilfegruppe vieler solcher Geschichten. Sie erzählt von einer Frau, die am Wochenende die Müllcontainer auf der Suche nach Essbarem durchwühlt, von einer 40-Jährigen, die entmündigt und ins Heim gesteckt wurde, oder von einer jungen Frau, die sich trotz Krankheit weiterbilden wollte, und der aufgrund ihres Studienabschlusses die Mindestsicherung nicht mehr gewährt wurde. "Wir wollen diese Ungerechtigkeiten und die täglichen Schwierigkeiten, mit denen die Menschen mit ,unsichtbaren Behinderungen' zu kämpfen haben, aufzeigen", so Thalhammer.

Kreatives Projekt

Dafür haben die beiden Frauen einen ungewöhnlichen Weg gewählt. Sie haben unter dem Motto „Zu schön, um krank zu sein“ einen Kalender mit Fotos von chronisch kranken Menschen veröffentlicht. Ihrem Aufruf zur Teilnahme sind zahlreiche Betroffene gefolgt. „Wir hätten einen Kalender mit 365 Tagen voll bekommen.“ Schlussendlich haben sie zwölf Personen ausgewählt. „Wir wollten ein möglichst breites Spektrum an Krankheitsbildern zeigen und Models aus allen Bundesländern dabeihaben“, erzählen die Initiatorinnen. Patin des Projekts ist Schlagersängerin Geraldine Olivier.
Die meisten „Models“ sind über 50 Jahre alt, die Jüngste ist 33. Geshootet wurde an zwei Tagen im Schloss Steyregg mit Fotograf Stefan Fuhrmann, der kostenlos für den guten Zweck gearbeitet hat. Für alle Teilnehmer war das Shooting besonders anstrengend: „Wir haben die letzten Reserven aus uns herausgeholt, weil wir etwas Gutes tun wollten. Aber es hat sich gelohnt, denn es sind wunderschöne, ästhetische Fotos geworden.“

Große Unterstützung

Die Idee hat unter den chronisch kranken Menschen für große Begeisterung gesorgt. „Viele waren froh, dass sich endlich jemand traut und aufzeigt, in welcher Situation wir stecken. Der Kampf mit der Bürokratie, den Gutachtern und um die finanzielle Absicherung kostet uns zusätzlich zu den Schmerzen der Krankheit viel Nerven und Kraft.“ Aufgrund der zahlreichen Einsendungen von Betroffenen planen Gussmack und Thalhammer nun ein Buchprojekt, in dem Lebensgeschichten von chronisch Kranken vorgestellt werden. Die Band „Purple Bonsai“ hat zu diesem Thema den Song „Weil ihr die Schmerzen nicht kennt“ geschrieben, in dem verschiedene Aussagen von chronisch kranken Menschen verarbeitet wurden. „Der Text geht unter die Haut und ich habe jedes mal Tränen in den Augen, wenn ich das Lied höre“, so Thalhammer.

Der gesamte Erlös des Kalenders, der 13 Euro kosten wird, geht an den Verein "ChronischKrank". Dieser unterstützt Betroffene, die sich etwa dringend benötigte Hilfsmittel wie Rollstühle, Sprach-PCs usw. nicht leisten können. Infos zu Bestellmöglichkeiten unter chronischkrank.at

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