18.09.2014, 00:00 Uhr

"In Linz habe ich meine Erfüllung gefunden"

Peter Gyuroka ist Maler und Autor. Das Bild hinter ihm heißt "Sommerträume", genau wie sein Buch.

Krieg, Flucht, Leid und dennoch – eine Kindheit, "so schön wie ein Sommertraum".

"Es sind vor allem die Sommer, an die ich mich erinnere. An Schmetterlinge, die nur in Schwärmen flogen und Frösche im Garten." Nichts an Peter Gyuroka lässt all das Leid erahnen, das er erlebt hat. Unerschütterlicher Lebensmut ist es, was den knapp 80-Jährigen prägt: "Ich hege keinen Groll gegen die Vergangenheit. Es ist ja alles wunderbar ausgegangen." Seine Geschichte hat der bekannte Maler in einem Buch aufgeschrieben. "Ich habe immer gerne erzählt. Und auf einmal war ich alt und der Letzte, der unsere ganze Familiengeschichte kennt, der den Krieg erlebt hat. Die Welt, in der ich gelebt habe, können sich meine Kinder heute gar nicht mehr vorstellen." Aber nicht nur, damit seine Kinder ihre Wurzeln kennen, wollte Gyuroka seine Lebensgeschichte erzählen: "Auch viele Erwachsene kennen heute die wahre Geschichte der Donauschwaben nicht."

Im Mahlstrom der Geschichte

Gyurokas Geschichte ist eine von vielen aus der damaligen Zeit, die Geschichte eines ganz normalen Menschen, der in den Mahlstrom der Geschichte geriet. Aufgewachsen ist Gyuroka im Provinzstädtchen Weißkirchen, heute Bela Crkva, in der Vojvodina, direkt an der rumänischen Grenze. Er wurde in die unruhige Welt geboren, als das große Umpflügen Europas 1914/18 vorbei war, aber das neuerliche – und genauso furchtbare – des Zweiten Weltkriegs schon vorbereitet wurde, 1935. Als Peter neun Jahre alt war, musste die Familie fliehen, die Mutter blieb krank zurück und starb in einem Gefangenenlager. Die Flucht führte die restliche Familie nach Linz, wo sie ums Überleben kämpfte. Peter umso mehr, als er als schwerst Tuberkulose-Kranker nur knapp dem Tod von der Schaufel rutschte.

Heute ist Gyuroka ein bekannter Maler, das Lentos hat unter anderem zwei seiner Werke für seine Sammlung angekauft. Am Leben hielt ihn unter anderem seine tief empfundene Religiosität. "Durch mein langes Kranksein habe ich mich intensiv mit Lebensfragen beschäftigt. Ich habe mich mit Gott befasst, weil ich Hoffnung brauchte." Nach neun Jahren, in der er wegen "galoppierender Schwindsucht" in stationärer Behandlung war, wurde Gyuroka wider Erwarten gesund. "Dafür bin ich so dankbar und daher kommt auch meine Lebenshaltung. Glaube und Liebe – danach sehnt sich der Mensch." Die große Liebe hat Peter Gyuroka in seiner Frau Edith gefunden. Heuer im Frühling feierten sie den 50. Hochzeitstag.

Der Zusammenhalt in der Familie ist groß und so wurde auch das Veröffentlichen der Lebensgeschichte rasch zum Familienprojekt. Peter Gyuroka schrieb seine Erinnerung im Laufe eines Sommers am Pleschinger See nieder – "handschriftlich, trotz meines Tremors". Seine Frau Edith kaufte einen Computer, brachte sich das Schreiben auf der Tastatur bei und tippte die insgesamt 61 Kurzgeschichten ab. Tochter Irene fuhr spontan zur Leipziger Buchmesse und gab verschiedenen Verlagen Leseproben. Eineinhalb Jahre später hielt Peter Gyuroka sein Lebenswerk in den Händen.


Ehrlich und voll Poesie

Das Buch zeichnet sich durch seine Poesie aus. Auf Vorschlag des OÖ Lesekompetenzzentrums soll es künftig auch zur empfohlenen Literatur in Schulen gehören. "Junge Menschen reagieren bei meinen Lesungen immer sehr positiv, weil das Buch die Geschichte einer ganz normalen Person offen und ehrlich erzählt wird und sie dadurch berührt werden", so Gyuroka. Der Autor hat auch dunkle Teile seiner Geschichte nicht verschwiegen. Dass etwa die deutschsprachige Bevölkerung in der Vojvodina anfangs auf Hitler wartete und "befreit" werden wollte – der Peter Gyuroka von heute erzählt offen, dass der kleine Peter das genauso ersehnte wie die Erwachsenen. "Ich habe bei seinen Geschichten oft geweint. Mein Vater beschreibt schlimme Dinge, aber er beschreibt sie nie verbittert, nicht mit Hass, sondern immer mit dem Gedanken der Versöhnung", so Tochter Irene.

Sommerträume

Im Gegenzug zu vielen anderen Vertriebenen fiel es Gyuroka leicht, über seine Vergangenheit zu sprechen. "Es war nicht alles schrecklich, was damals passiert ist. Ich hatte eine wunderbare Mutter und dank ihr eine wunderbare Kindheit." Seiner Mutter hat der Linzer auch seine Memoiren mit dem Titel "Sommerträume" gewidmet. "Mit dem Verlust meiner Mutter gingen auch die Sommerträume verloren. Die Frage, die mich mein Leben lang begleitet hat, war immer: Wird es noch einen zweiten Sommertraum geben?" Gefunden hat ihn Gyuroka in Linz. "Ich bin immer mit der Sehnsucht nach Liebe herumgelaufen. In meiner Kindheit hat sie meine Mutter gestillt. Doch mit neun Jahren habe ich sie verloren. Hier in Linz habe ich dieses Gefühl wiedergefunden."

Unerschütterlicher Lebensmut

Inzwischen nennt Gyuroka Linz sein Zuhause, in das Land seiner Kindheit möchte er nicht zurück: "Ich möchte meine Erinnerung bewahren und die kann bei einem Besuch nur zerstört werden." Gyurokas Glaube und sein Lebensmut haben ihm geholfen, zu überleben und seinen Platz in der Welt zu finden. „Das Schönste und Beste, das wir im Leben erreichen können, ist das Leben selbst. Bewusst zu leben, etwas aus seinem Leben zu machen und dankbar zu sein für die Möglichkeiten, die wir nutzen können. Manchmal ist es nötig, das den Menschen in Erinnerung zu rufen. Heute mehr denn je.“

"Sommerträume" ist im Verlag Edition Geschichte der Heimat erschienen (ISBN 978-3-902427-89-2). Wir verlosen drei Exemplare des Buches. Die Gewinner werden am 24. Oktober 2014 per Zufallsverfahren gezogen. Sie erhalten das Exemplar per Post.

Die Aktion ist bereits beendet!

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