03.01.2017, 20:00 Uhr

Bischof Scheuer: "Aufrappeln, z'sammruckn, zuahean"

Bischof Manfred Scheuer: Dass ich in Oberösterreich halbwegs zuhause bin, das ist nicht meine eigene Schufterei, meine Leistung. Sondern es ist auch das Wohlwollen der Menschen, die da sind – und das ich auch nicht immer verdiene. (Foto: BezirksRundschau/Till)

Manfred Scheuer ist seit knapp einem Jahr Bischof der Diözese Linz. Im BezirksRundschau-Interview erzählt er, welche Botschaft er für 2017 vermitteln will, wie die nach dem Wahlkampf gespaltene Gesellschaft wieder zusammenwachsen kann und ob es in Oberösterreich Pfarrzusammenlegungen geben wird.

Wie geht es Ihnen in Linz nach knapp einem Jahr?
Ich habe noch nicht Weihnachten in Linz gefeiert, auch nicht Silvester und auch nicht den Jahresbeginn. Insofern bin ich noch immer in der ersten Phase. Ich bin ja auch nicht einfach heimgekehrt. Ich war etwa gestern in Suben, im Gefängnis. Und das ist eine andere Welt. Es ist Ort meiner beruflichen Tätigkeit und das betrifft mich manchmal drei-, viermal am Tag, dass ich in ganz unterschiedliche Lebenswelten komme, die nicht vertraut sind, die eigene System und Abläufe haben, oft auch eine eigene Sprache, die der nächste Gesprächspartner nicht versteht. Insofern fühle ich mich nach wie vor als Wanderer, Vagabund, manchmal auch Wanderprediger. Natürlich habe ich einen Wohnsitz und Amtssitz, aber bin auch viel unterwegs. Ich war im vergangenen Jahr in allen Regionen, in vielen Ordensgemeinschaften und in vielen Pfarren. Das sind durchaus Entfernungen. Die Menschen, die im Innviertel, Salzkammergut oder oberen Mühlviertel leben, die sagen mir oft: Es ist gut, dass die Linzer auch mal erfahren, dass das weit ist. Wir müssen immer so weit fahren. Grundsätzlich habe ich ein Wohlwollen, eine Aufnahme verspürt. Wobei das Land nicht so ein einheitliches Gebilde mit einer harmonischen Gesellschaft ist. Das erwartet eh keiner. Aber manchmal sind die Leute überrascht, weil sie das zwar wissen aber meinen, es sei doch ganz friedlich.

Das "Wir" soll größer als der Egoismus sein

Sie haben gesagt, Sie sind als Wanderprediger unterwegs – was ist Ihre Botschaft, die Sie unter die Menschen bringen möchten?
Ein Thema, das das letzte Jahr ganz stark geprägt hat, das war das Jahr der Barmherzigkeit. Ich weiß, dass das Wort „barmherzig“ natürlich etwas verstaubt wirkt. Bei Nietzsche heißt es: „Ich mag sie nicht, die Barmherzigen.“ Und auch in der Aufklärung bei Kant kommt das Ganze ziemlich mies und schlecht weg. Aber wenn das ausfällt, dann wird es ziemlich kalt. Dann gibt es letztlich kein Verzeihen mehr, auch keine Versöhnung mehr, auch im guten Sinn keine Gnade mehr. Und dann sind wir in einer gnadenlosen Gesellschaft, in der jeder alles mit Ellenbogentechnik durchsetzen muss. Es geht daher um ein zentrales Thema im Zusammenleben: Nämlich ob es so etwas gibt wie eine persönliche Begegnung, Beheimatung in Beziehungen. Das ist etwas, was die Leute, wenn ich mir manchmal auch den öffentlichen Umgangsstil ansehe, betrifft: Wie sieht es aus mit der Wertschätzung, mit dem Wohlwollen, mit dem Grundrespekt vor anderen Menschen aber auch vor anderen Positionen, Meinungen, der Offenheit für Anderes, Fremdes. Da ist das Thema Barmherzigkeit etwas, das gegebene Muster etwas aufwickeln kann. Für Weihnachten möchte ich für das neue Jahr mitgeben: Gott mischt sich ein, er erklärt sich für zuständig. Das heißt für uns: Wir sind verantwortlich miteinander. Es gibt manchmal den Eindruck, dass sich die Gesellschaft aufteilt in die Akteure und Zuschauer – in jene die spielen und die Kritiker, die Pfeifer und Buh-Rufer. Da werden die einen vorgeführt und die anderen begeilen sich daran. Das ist auf Dauer für ein soziales Miteinander schwierig. Wertschätzung, Wohlwollen, dass ich zum Beispiel eher bereit bin, einen Menschen anzuerkennen als ihn zu verurteilen. Das ist eine Grundhaltung, die ich mir selber wünsche und vielen in unserem Land. Was ich auch mit Weihnachten verbinde, ist ein Mut, das Aufrappeln. Das bedeutet: Initiative ergreifen, nicht einfach passiv reagieren, nicht warten, bis die anderen einen Fehler machen. Natürlich: Wenn ich selbst eine Initiative setze, dann werde ich angreif- und verwundbar. Das ist mit einem Risiko verbunden. Aber Stillstand wäre Resignation.
„Z’sammruckn“ habe ich auch noch als Wort – ich glaube, dass es für unsere Welt, in der es doch sehr viel Individualisierung gibt, wichtig ist, aufeinander zuzugehen. Die Caritas hat plakatiert: „Das Wir ist größer als das Ich.“ Natürlich gibt es die berechtigten Wünsche nach Selbstverwirklichung und auch die gesunde Haltung, sich selbst zu mögen und anzunehmen. Es ist aber auch wichtig, dass wir das „Wir“ nicht aus den Augen verlieren. Das „Wir“ soll größer als der Egoismus sein, sonst kommen zu viele Leute unter die Räder. Also aufrappeln, z’sammruckn, zuahean! Wenn ich manche Wahlkampfrhetorik anhöre: Das ist teils einfach Verdrehung gewesen, da werden Halbsätze herausgegriffen, isoliert und fast ins Gegenteil verkehrt. Die Fähigkeit, einander zuzuhören, ist unerlässlich für jede Kommunikation – auch für politische Kommunikation. Das wünsche ich mir und auch unserem Land.

"Mit der Kritik, dass die anderen zu blöd sind, bauen wir Kirche noch nicht auf"

„Das Wir ist größer als das Ich“ der Caritas ist natürlich in erster Linie eine gesellschaftliche Botschaft – aber auch die Kirche muss darum kämpfen, dieses „Wir“ zu erhalten.
Ich glaube nicht, dass es so geht, dass ich ein Angebot habe oder ein Produkt so attraktiv ist, dass die Leute das kaufen. Kirche oder auch Gemeinschaft insgesamt ist nicht auf der Ebene von Kosten und Nutzen zu erhalten. Es geht darum: Wie Menschen gewinnen. Jesus hat gesagt: „Ich brauche euch.“ Das würde für Jugendliche zum Beispiel heißen, dass man ihnen vermittelt: Wir brauchen euch, ihr könnt etwas und ihr gehört dazu. Denn eine der Schattenseiten der Individualisierung ist, wenn arbeitslose Jugendliche erfahren: Eigentlich seid ihr nicht brauchbar oder ihr gehört nirgends dazu, oder jeder soll alleine schauen, wie er zurechtkommt. Es macht deshalb sehr oft glücklicher, sich für andere einzusetzen, was etwa teilweise in Vereinen gelingt. Zukunft haben wir nur dann, wenn eine Generation die jetzt erwachsen ist, der jüngeren Generation vermittelt: Ihr sollt es gut haben, ihr sollt wachsen. Was sich in den letzten Jahren auch durchgesetzt hat, ist eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber Generationen. Da sind wir in der Kirche ja nicht außen vor, wir sind ja Teil dieser Gesellschaft. Wir hatten die Generationenkonflikte in der Kirche genauso und teilweise auch die Flügelkämpfe, in denen wir sehr viel Energie verbraucht haben und mit denen sehr viel Kraft gebunden worden ist. Was der Papst jetzt eigentlich immer wiederholt: Mit dem Kreisen um die eigenen Probleme ist noch niemandem geholfen. Auch durch das Beschimpfen der Schwächen der Gegner, ist noch niemand besser geworden. Mit der Kritik, dass die anderen zu blöd sind, bauen wir Kirche noch nicht auf. Es wird nicht schnell gehen, aber ich merke es im sozialen Bereich bei Jugendlichen, dass etwas wächst. Ich merke es im spirituellen Bereich, wo es um die Entdeckung des Evangeliums geht. Es ist nicht so, dass jetzt die Jugend gleich wieder beim Evangelium ist. Aber es gibt schon die Wiederentdeckung der Person Jesu – und die ist für uns ja zentral, auch von Weihnachten her.

"Ästhetik, das Schöne, Musik, Kunst oder Natur gehören zu einem ganzheitlichen Verständnis des Religiösen"

Es gibt diesen Trend zum Spirituellen hin, der aber immer mehr Menschen, auch Jugendliche, über die katholische Kirche hinaus etwa in Freikirchen oder in Sekten führt ...
Es geht ja nicht darum, dass die katholische Kirche rekrutiert, für ein Unternehmen Nachwuchs auftreibt. Natürlich glaube ich, dass eine lebendige Gemeinschaft einen Kern braucht, der sich selber verantwortlich und zugehörig fühlt. Aber Kirche ist kein Selbstzweck und letztlich soll es in der Kirche darum gehen, dass die Leute mit Gott in Begegnung kommen und untereinander besser auskommen, friedlich zusammenleben. Wir sind im Grunde genommen nicht mehr als Werkzeug. Wenn Kirche anfängt, sich selbst zu inszenieren, dann ist sie klerikalistisch und das wäre eine ganz große Versuchung. Die Freikirchen würde ich in keiner Weise schlechtreden. Sie haben öfter eine größere Spontaneität, manchmal auch eine Lebendigkeit – die Frage ist oft eine des langen Atems, der Dauer oder auch: Wie gehen sie mit Unterschieden und Differenzen um, wie viel unterschiedliche Ausrichtungen haben Platz. In den größeren Kirchen wie der evangelischen oder katholischen aber auch in anderen großen Glaubensgemeinschaften ist mit der Institutionalisierung etwas an Lebendigkeit und Spontaneität weggenommen. Auf der anderen Seite ist das ja auch ein Rahmen für den Austausch von großen Unterschieden. Ich sage es zugespitzt: Es würde uns vermutlich kurzfristig besser gehen, wenn wir bestimmte Flügel in der Kirche nicht mehr hätten. Aber Probleme dadurch zu lösen, dass ich Leute beseitige, das schafft nur größere Probleme. Insofern ist eine gewisse Pluralitätsfähigkeit auf längere Sicht ein stärkeres Zeichen von Lebendigkeit, als eine Eindeutigkeit in einer Institution, die zwar mehr hervorbringt, der aber dann letztlich der Atem ausgeht. Das betrifft letztlich alle Institutionen, die in den letzten Jahren der Postmoderne fragwürdig geworden sind, das betrifft die großen Erzählungen, den gemeinsamen verbindlichen Rahmen der Gesellschaft. Die großen Lernerfahrungen der Geschichte sind meistens leider durch Katastrophen geschehen. Die Formulierung der Menschenrechte ist nur zu verstehen vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkrieges oder der Shoah. Ich möchte nicht sagen, dass wir bestimmte Grundeinsichten erst durch solche Katastrophen lernen. Aber im autoritären Stil geht es sicher nicht. Sondern nur mit Überzeugungsarbeit, Mitnehmen. Ich glaube, dass der Bereich der Ästhetik, des Schönen, auch der Musik, der Kunst oder der Natur zu einem ganzheitlichen Verständnis des Religiösen dazugehört, dass also Evangelium und Kultur früher in einem ganz engen Konnex waren. Dass es da aber doch einen radikalen Umbruch gegeben hat, das ist ein Drama für beide Seiten. Denn wenn die Kultur den Bezug zum Religiösen, zum Geheimnis verliert und umgekehrt Religion den Bezug zur Kultur. Das heißt für die Religion, dass sie blind oder auch fanatisch wird. Das heißt für die Kultur, dass sie keine Transzendenz mehr kennt, dann wird sie geheimnislos, banal oder auch oberflächlich. Inwiefern es uns gelingt, dass wir in bestimmte Milieus vordringen, das ist eine nüchterne Aufgabe, wo ich nie sagen würde: Alles oder nichts. Relativ vielen Menschen ist der Bezug zumindest zum kirchlichen Christsein abhandengekommen. Das stelle ich mit einer Nüchternheit auch schmerzlich fest. Meine Strategie ist es jetzt nicht, die alle gleich zur Kirche hereinzuholen. Das wäre ja zum Scheitern verurteilt. Sondern die Frage: Wie können wir Menschen in Berührung mit dem Religiösen, dem Geheimnis Gottes bringen. Das scheint mir auch das Geheimnis von Weihnachten zu sein, dass Gott und der Mensch sich berühren. Ich glaube schon, dass es auch bei jungen Leuten Erfahrungen gibt, bei denen sie eine gewisse Offenheit haben. Nicht nur etwa, wenn junge Leute sterben. Sondern auch wenn junge Eltern ein Kind bekommen. Da bricht etwas auf, was sonst zuvor nicht da war, wo sie staunen oder dankbar sind. Es geht ja um so Grundhaltungen wie Staunen, Dankbarkeit, Ehrfurcht.

Kann die Kirche Jugend auch durch das Vermitteln von sozialen Werten wiedergewinnen?
Bei relativ vielen Jugendlichen ist ja der soziale Aspekt wieder stärker da. Es gibt Projekte wie „Zeit schenken“ oder das Freiwillige Soziale Jahr. Das ist noch nicht die ganz große Bewegung, aber da ist mehr da, als man zunächst meint. Ich würde den sozialen, den ästhetischen und den spirituellen Bereich ineinander führen. Beim sozialen Projekt „72 Stunden“ gibt es ja die Musik. Und Musik ist für junge Leute etwas, was sie gerne haben. Und wenn ich das Engagement mit einer Lust, einem Gemeinschaftsgefühl verbinden kann – oder auch, wenn das manchmal mit einem Gebet verbunden ist, das nicht von außen aufgesetzt ist. Ich habe Jugendgottesdienste gefeiert, wo ich den Eindruck hatte: Da waren die Leute begeistert, ohne dass das schräg war. Weil: Religion ist ja auch bei Jungen gleich mit dem Vorzeichen „Das ist schräg“ verbunden. Es gibt schon auch eine gesunde Religiosität. Vom christlichen Glauben her ist es so, dass ich das Soziale, das Ästhetische, das Spirituelle nicht voneinander trennen darf.

Es braucht jetzt die nüchterne Entpörung

Im Zuge der Flüchtlingswelle hat man sehr viel soziales Engagement erlebt, andererseits speziell im Zuge der Präsidentschaftswahl sehr viele, die Ängste artikuliert haben oder die diese Buh-Rufer und Pfeifer waren, von denen Sie gesprochen haben. Was kann die Kirche dazu beitragen, dass man diese Spaltung in der Gesellschaft wieder überwindet?
Ich habe vom früheren SPD-Bundestagspräsidenten Thierse in Deutschland den Ausdruck der „Entpörung“. Im Grunde genommen braucht es jetzt die nüchterne „Entpörung“ und die gute Arbeit an den Gegensätzen und Unterschieden beziehungsweise eine gewisse Unaufgeregtheit. Weil ich schon hoffe, dass nach diesem Wahljahr und den damit verbundenen Entwicklungen eine gewisse Nachdenklichkeit kommt. Und weil ich auch auf eine gewisse Lernfähigkeit hoffe. Ohne die gibt es kein demokratisches Zusammenleben. Was jetzt auch ansteht, ist die Arbeit an Sehnsüchten, Schicksalen und Ängsten. Das heißt konkret die Schicksale wahrzunehmen. Wenn bei uns viele die Wohnungsnot haben, die Arbeitslosigkeit haben, dann ist es nicht ideologisch, zu sagen, das muss man ernst nehmen. Das andere ist es, die Ängste zu instrumentalisieren, damit auch Wahlkampf zu machen. Das würde ich als höchst unangemessen sehen. Es ist in Hinblick auf Asyl und Flucht notwendig, so gut es geht, Menschen eine neue Heimat zu geben. Das ist ein längerer Prozess, betrifft Arbeit, Sprache, Kultur, auch, sich auf unsere Gesellschaft einzulassen. Umgekehrt braucht es von unserer Gesellschaft eine große Lernfähigkeit, die ja sowieso fast überall gefordert ist. Wenn ich schaue: Wer hat denn mit einer Berufsausbildung schon ausgelernt? Das ist im Grunde genommen der Start für eine andauernde Bildung.

"Es wäre fatal, Religionen, etwa den Islam, ins Private zu drängen"

Es gibt ja ständig die Diskussion, wie weit wir Menschen aus anderen Kulturkreisen entgegenkommen sollen und wie weit diese Menschen sich anpassen müssen.
Ich glaube es darf über bestimmte Themen keine Diskussion geben. Etwa dass Gewalt kein Mittel der Konfliktlösung sein darf, dass es ein Gewaltmonopol des Staates gibt, das muss klar sein. Es muss auch die Rolle der Frau klar sein – das ist keine Verhandlungsmasse. Über Menschenrechte sollte man nicht zu taktieren anfangen. Es gibt da No Gos. Das gilt aber auch für unsere Gesellschaft. Ich glaube nicht, dass der demokratische Konsens in allen Bereichen so stark ist. Das betrifft natürlich auch die Frage der Religionsfreiheit – und da gibt es in Europa unterschiedliche Traditionen. Sie eher laizistisch zu verstehen als „Freiheit von Religion“ und eher im positiven Sinne gerade im deutschsprachigen Bereich speziell in Deutschland, wo es ein konstruktives Verhältnis von Religion und Staat gibt. Das ist natürlich schon durch den Islam in einer neuen Konstellation gegeben, der eine andere Geschichte und kulturelle Prägung mit sich bringt. Dennoch glaube ich, wird es auch in Europa darum gehen müssen, ein anderes, neues, konstruktives Verhältnis von Religion und Öffentlichkeit zu suchen. Das lässt sich sicher nicht erzwingen. Aber ich sehe zum Beispiel den Religionsunterricht auch an öffentlichen Schulen als Errungenschaft. Und es wäre fatal, wenn man die Religionen, zum Beispiel auch den Islam rein ins Private drängen und damit auch der öffentlichen Lernfähigkeit oder Kontrolle entziehen würde. Diese Prozesse sind vermutlich erst im Wachsen. Was die Frage rund um die Ängste betrifft, dass Menschen entheimatet werden, dass wir im eigenen Land Fremde werden: Es soll durchaus ein im guten Sinne kulturelles Selbstwertgefühl geben. Zum Beispiel in Oberösterreich, im guten Sinn einen Stolz, Oberösterreicher zu sein und auch ein Geschichtsbewusstsein zu haben. Weil entwurzelte Menschen in Gefahr sind, andere zu entwurzeln. Deshalb ist es wichtig, zu den eigenen Wurzeln zu stehen – auch kritisch. In dem Sinne, dass wir auch die massive Schattenseite des 20. Jahrhunderts in unserem Land mitbedenken, dass es da eine Gedenkkultur gibt. Wenn wir selbst nirgends zuhause sind, können wir niemanden aufnehmen. Wenn wir selbst gespaltene Persönlichkeiten sind, können wir nicht die Spaltung einer Gesellschaft überwinden. Wenn gespaltene Persönlichkeiten leiten, dann tragen sie diese Spaltung immer auch in Gruppen hinein, für die sie Verantwortung tragen. Oder wenn wir selbst im schlechten Sinne nicht integriert sind, dann wird es nicht gelingen, jemand anderen zu integrieren. Insofern ist das schon auch immer eine Arbeit an sich selber und ich glaube, es ist auch das Geschenk, das andere mir geben. Dass ich in Oberösterreich halbwegs zuhause bin, das ist nicht meine eigene Schufterei, meine Leistung. Sondern es ist auch das Wohlwollen der Menschen, die da sind – und das ich auch nicht immer verdiene.

Talsohle beim Priestermangel noch nicht erreicht

Eine der Herausforderungen, der Sie sich auch in Oberösterreich stellen müssen, ist der Priestermangel. Die tätigen Priester müssen mehrere Pfarren betreuen, eilen von Hochzeit zu Begräbnis oder Taufe und kämpfen damit, dass sie sich für den einzelnen Menschen nicht so viel Zeit nehmen können, wie sie gerne hätten.
Es hat in den letzten fünf Jahrzehnten eine parallele Entwicklung gegeben, was das Kleinerwerden der Gemeinden und den kirchlichen Nachwuchs betrifft. Diese Entwicklungen hängen auch durchaus miteinander zusammen, mit der Rolle der Religion und der Kirche in der Gesellschaft, mit Individualisierungsprozessen und anderen Interessen. In der Kirche hatten wir kaum einmal so viele angestellte Kräfte in der Seelsorge, im Religionsunterricht, im Pastoralen, in der Caritas hatten wie jetzt. Ich nehme natürlich einen Priestermangel wahr, aber es gibt in den Gemeinden viele Mitarbeiter. Und wir brauchen mehr Personal, Zeit und Geld für Verwaltung, aber davon kann jeder ein Lied singen. Es wird ein Weg sein, das kirchliche Leben auf möglichst viele zu verteilen. Ich glaube, dass der priesterliche Dienst unverzichtbar ist, ich hoffe auch nach wie vor, dass wieder Zeiten kommen, in denen junge Leute vermehrt diesen Beruf ergreifen, glaube allerdings, dass wir die Talsohle noch nicht erreicht haben. Die Änderung der Zulassungsbedingungen würde eine gewisse Entkrampfung in einer doch sehr angespannten Situation bringen, davon bin ich schon überzeugt. Eine grundsätzliche Änderung, das habe ich heute mit dem evangelischen Superintendenten besprochen, der religiösen Landschaft, würden Sie nicht erreichen.

Das heißt?
Ich bin mir bewusst, dass es bestimmte Berufsgruppen in der Gesellschaft heute nicht so leicht haben. Das betrifft auch Berufe, die früher Respektspersonen waren, etwa Lehrer oder Bankleute, Journalisten waren auch schon mal besser im Kurs. Wenn Du als junger Mensch nur kritisch beäugt wirst und dich ständig rechtfertigen musst, etwas zu tun, dann wirst du es dir überlegen. Natürlich ist es wichtig und berechtigt, die Politiker zu kritisieren. Aber wenn ich damit auch das gesamte politische Feld mies rede, dann werden sich nur noch bestimmte Leute bereit erklären, diese Aufgabe zu übernehmen – und nicht die gescheiteren. Ich habe mich mit Max Weber auch über Berufsethos kundig gemacht, welche Grundhaltung Leute haben sollen, die Berufe wie Lehrer, Politiker oder ähnliches ergreifen, haben sollten. Und da ist schon die Motivation, die noch vor 40, 50 Jahren da war: Ich möchte mit Menschen arbeiten. Das tut man sich heute nicht mehr so leicht an. Ich vermute, dass es da wieder einen Stimmungsumschwung geben wird. Es hat natürlich auch eine Professionalisierung in vielen Bereichen gegeben und wir haben noch nicht überall die angemessene Ausbildung. Ich bin als Seelsorger überfordert, wenn ich mit psychischen Problemen konfrontiert bin. Dazu brauche ich eine eigene Ausbildung. Und ich glaube schon auch, dass die psychischen Probleme in den letzten Jahren und Jahrzehnten um einiges stärker geworden sind, auch die Belastungen. Es heißt oft: Arbeit macht krank. Mehr noch als Arbeit krank macht, macht Arbeitslosigkeit krank, das Nichtgebrauchtwerden. Das hat ja durchaus eine religiöse Dimension: Dass ich Gottes gelungene Schöpfung bin und nicht missraten.

Initiative für Pfarrzusammenlegungen muss aus Pfarren kommen

Wenn die Talsohle beim Priestermangel noch nicht durchschritten ist und gleichzeitig ja auch die Zahlt der Gläubigen deutlich gesunken ist: Denken Sie darüber nach, Pfarren zusammenzulegen?
Pfarren zusammenzulegen, ist nicht die erste Option. Diese Initiative müsste von den Pfarren selbst kommen. Es hat in Braunau eine Abstimmung gegeben: Wollen wir weiterbestehen oder nicht? Und sie haben sich dafür entschieden. Ich muss immer bedenken: Wenn ich zwei Pfarrgemeinden zusammenlege, ist 1 plus 1 nicht 2 – wenn es gut geht 1,2. Denn das sind ja lebendige Prozesse und auch Machtkämpfe. Aber ein Denkprozess in Hinblick auf Kooperation muss in Gang kommen. Das Grundprinzip ist: Die Eigenständigkeit soll erhalten werden, sofern es die eigene Lebensfähigkeit gibt. Aber es gilt, die Zusammenarbeit zu verstärken, etwa bei der bürokratischen Verwaltung. Ich glaube auch, dass die Pastoral- und Jugendarbeit auch nicht mehr so an Pfarrgrenzen gebunden ist.
Aber dass in vielen Pfarren, etwa in Linz, die Zahl der Katholiken um ein Drittel gesunken ist, dem muss man Rechnung tragen. Es gibt gerade in größeren Städten Pfarren, die hatten in einer Generation viele Kinder und sind zwanzig Jahre später ein Altenheim. Da gibt es keine Erstkommunion mehr, keine Kinder, keine Jugendlichen. Der Zuzug geschieht durch andere Religionen. Da muss man schauen, was mit diesen Pfarren passiert. Das betrifft die Gebäude. Vor allem gegenüber den orthodoxen Christen haben wir eine Verantwortung, es sind ja in Oberösterreich einige zehntausend da, die ja nicht einfach eine Kirche bauen können, das können sie sich nicht leisten. Und wir stellen da die eine oder andere Kirche zur Verfügung, sodass es hier auch ein Teilen mit anderen Konfessionen gibt.

Die Kirchen anderen Religionen zur Verfügung zu stellen, daran ist aber nicht gedacht?
Grundsätzlich würde ich annehmen, dass es im christlichen Bereich bleibt. In den Niederlanden gibt es gar nicht wenige Kirchen, die eher säkulare Verwendung haben. Aber da braucht es ein spirituelles und kulturelles Gespür. In Ostdeutschland ist auch dort, wo gar kein kirchliches Leben mehr vorhanden ist, eine kulturelle Identifizierung mit dem Kirchengebäude da. Das heißt: Das ist unser Erbe, wir wollen das nicht verfallen lassen – ohne dass die zum Beten reingehen.

Ordenschristinnen und –christen nicht selten belächelt und verachtet

Sie haben einmal gesagt, dass die Rolle der Ordensgemeinschaften wieder als wichtiger angesehen werden sollte.
Die Ordensgemeinschaften spielten in der Geschichte Oberösterreichs eine große Rolle. Wenn ich die großen Stifte anschau, was die in der Bildung geleistet haben und leisten durch die Stiftsgymnasien etwa. Oder auch kulturell. Und ein Drittel der oberösterreichischen Pfarren ist in Verantwortung der Ordensgemeinschaften, das ist viel – nur in St. Pölten noch so und sonst in Österreich oder deutschsprachigen Raum nirgends. Und zum anderen: Was die Frauenorden in Österreich getragen haben: Sie waren sicher die ersten in der Mädchenbildung, der gesamte Kindergartenbereich, auch die Lehrerbildung ist von mehreren Ordensgemeinschaften her entstanden. Und natürlich die Gesundheitspolitik mit den Ordenskrankenhäusern. Deshalb glaube ich, dass die Ordensgemeinschaften eine große kulturelle und soziale Rolle gespielt haben und für das Gesicht Oberösterreichs einen wichtigen Beitrag geleistet haben, der nicht nur Vergangenheit ist. Natürlich schauen die Ordensgemeinschaften in 15, 20 Jahren ganz anders aus, viel kleiner. Und sie werden vermutlich nicht mehr das öffentliche Bild und soziale Geschehen mitprägen, wie es in der Vergangenheit der Fall war. Aber rein an das zu erinnern, ist mir ein Anliegen. Man hat ja doch die Ordenschristinnen und –christen nicht selten belächelt und verachtet.
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