21.06.2017, 13:52 Uhr

"Einem Taxifahrer zu vertrauen, ist ein viel größeres Risiko"

Hochreiter arbeitet aktuell an verschiedenen Projekten mit internationalen Technologieführer, wie Audi, Intel oder Zalando. Foto: JKU

JKU-Professor Sepp Hochreiter forscht künftig gemeinsam mit Audi am intelligenten Auto der Zukunft. Dazu wird an der Kepler Uni ein eigenes Zentrum für künstliche Intelligenz gegründet.

LINZ (jog). Professor Sepp Hochreiter forscht an der JKU an künstlicher Intelligenz. In seinem Forschungsfeld ist er weltweit als Koryphäe anerkannt. Die von ihm entwickelte LSTM-Technologie ist heute in jedem Smartphone zur Spracherkennung verbaut. Die Johannes Kepler Universität baut jetzt gemeinsam mit Audi ein eigenes Zentrum für künstliche Intelligenz in Linz auf. Dazu heben die Hochschule und die Marke mit den Vier Ringen das „Audi.JKU deep learning center“ aus der Taufe. Durch die Kooperation mit dem Lehrstuhl für Bioinformatik von Sepp Hochreiter will Audi den Einsatz Künstlicher Intelligenz im Automobil vorantreiben. Einen Austausch mit Audi zum Thema autonomes Fahren gibt es bereits seit mehreren Jahren, 2016 haben die beiden Partner ein erstes gemeinsames Projekt erfolgreich abgeschlossen.

Künstliche Intelligenz wird von weltweit agierenden Innovationsmanagern als größtes Technologie-Thema der nächsten Jahre genannt. Warum erst jetzt?
Sepp Hochreiter: Es sind zwei Sachen, die das Thema komplett durchs Dach gehen haben lassen. Man kann jetzt die Datenmengen erzeugen, die künstliche Intelligenz braucht, um zu lernen, und außerdem haben wir jetzt die notwendige Computer-Power, vor allem Grafikkarten, mit denen man die Berechnungen durchführen kann.

Wie werden lernende Maschinen unsere Gesellschaft in den nächsten Jahren verändern?
Es wird alles durchdringen. Wir arbeiten gerade mit Zalando daran, dass Systeme etwa Fashionblogs oder Partyfotos analysieren und rausfiltern, was Trend ist und was nicht. Dafür muss die KI (künstliche Intelligenz) die Welt verstehen, muss wissen, was eine angesagte Party ist, und was ein Pensionistentreffen. Natürlich forschen wir auch jetzt schon am Thema selbstfahrende Autos.

Wäre das eine Technologie, der Sie jetzt schon vertrauen würden?
Wenn Sie schon mal mit einem normalen Taxi gefahren sind, gehen Sie ein viel größeres Risiko ein. Ein Taxifahrer hat im Vergleich eine längere Reaktionszeit, kann Verkehrszeichen schlechter erkennen, hat über den Tag verteilt starke Leistungsschwankungen, vielleicht hat er nix gegessen.

Woran werden Sie denn im Zentrum für künstliche Intelligenz forschen?
Es wird darum gehen, dass die KI (Künstliche Intelligenz) lernt, wo sie hinschauen muss. Auf einer Kreuzung den Mistkübel in der Ecke zu anlysieren, ist nicht sinnvoll. Das Auto muss sich merken, was gefährlich ist, und die Situationen nicht Bild für Bild analysieren. Ein gutes Beispiel ist der Fahrradfahrer, der schon einige Zeit, bevor er abbiegt die Hand rausstreckt, sie kurz vorher aber wieder reingibt. Mit der LSTM-Technologie lässt sich sowas lösen. Das größte Problem ist derzeit, dass diese Systeme natürlich sehr viel Energie verbrauchen. Man kann sicher nicht tonnenschwere Batterien im Auto mitschleppen.

Wie lange wird es dauern, bis diese Technologien auf der Straße im Einsatz sind?
Das Tempo in diesem Bereich ist enorm. Der Weg von der Forschung zu einem fertigen Produkt ist heute sehr kurz. Es sind schon jetzt viele intelligente Assistenten wie Einparkhilfen oder Verkehrsschild-Erkennung im Fahrzeug verbaut.

Wenn die Entwicklung so rasant weitergeht, werden wir dann bald von Maschinen überrannt?
Die Vision hat natürlich ein schlechtes Image, auch durch Filme wie Matrix. Einen Menschen zu versklaven ist aber das dümmste, was Maschinen machen könnten. Es wäre so, als würden wir Bakterien versklaven. Aber natürlich muss man sich fragen, ob diese Technologie nicht die nächsten Evolutionsstufe auf der Erde ist.

Ihre LSTM-Technologie ist heute nahezu in jedem Handy verbaut. Macht Sie das stolz?
Natürlich freut mich die Anerkennung. Andererseits frustriert es, dass nicht mehr rausgekommen ist, ich hab keinen Cent daran verdient. Die Idee dazu hatte ich schon 1991. Bei Google haben sie mir gesagt: Sepp, sobald du eine Idee hast, setzen wir 100 Leute hin und überfahren dich. Da wird dir dein eigenes Feld weggeerntet.

Wo könnte man Künstliche Intelligenz in Zukunft noch einsetzen?

Ein spannendes Projekt, an dem wir gerade arbeiten, ist sicherlich "AI to Mars". SpaceX- und Tesla-Gründer Elon Musk möchte ja bald Menschen zum Mars fliegen. Unsere Konzeptidee sieht vor, dass man zuerst künstliche Intelligenz hinschickt, die soll nach Wasser suchen, Hütten errichten und Pflanzen anbauen. Wenn alles vorbereitet ist, hat der Mensch auch wirklich eine echte Überlebenschance. Dazu soll es bald Gespräche mit Musk geben.

Ihr Berufsleben ist von technischem Fortschritt bestimmt, nutzen Sie die Technologien, an denen Sie arbeiten auch privat?

Am Computer schon, ich besitze aber kein Smartphone. Meine Assistentin schreibt meistens SMS für mich. Es würde mich zu sehr von Arbeit und Familie fernhalten. Lange kann ich mich nicht mehr verschließen: Bei Konferenzen ist es mittlerweile so, dass immer schon alle Sitzplätze weg sind, weil alle via Smartphone einchecken. Solange der Mensch aber mehr Aufwand hat, sich an die Technik anzupassen als umgekehrt, werd ich noch abwarten.
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