07.09.2016, 22:51 Uhr

VW-Chef Müller: Vollautomatische Autos in wenigen Jahren Alltag

Volkswagen-Konzernchef Matthias Müller zeichnete auf Einladung der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich in Linz sein Bild von der Zukunft der Mobilität. Er ging auch auf die Dieselabgas-Affäre ein und sagte: "Wir haben mit den Softwaremanipulationen Regeln gebrochen und moralische Grenzen überschritten. Das Gesehene muss restlos aufgeklärt werden. Dass das vielen nicht schnell genug geht, verstehe ich, kann angesichts der Tragweite aber nur um Geduld bitten." (Foto: RLB OÖ/Strobl)

Vorstandschef der Volkswagen AG mit 610.000 Mitarbeitern zu Gast bei der Raiffeisenlandesbank in Oberösterreich: Dem Elektroantrieb gehöre die Zukunft, aber auch 2030 würden noch zwei Drittel aller neu verkauften Autos mit Benzin- oder Dieselmotoren laufen. Zur Wasserstoff-Technologie sagt Müller: „Ich fürchte, dass die Brennstoffzelle auf der Strecke bleibt.“

LINZ (win). "Das Smartphone weckt einen schon um 6 Uhr – eine Viertelstunde früher als sonst, weil es vom Auto die Info bekommen hat, dass es sich am Weg in die Arbeit staut. Die ersten Kilometer bis zur Autobahn übernimmt der Fahrer selbst das Steuer, lässt sich vom Bordcomputer Mails vorlesen und antwortet per Spracheingabe. Auf der Autobahn übernimmt dann der Autopilot, der Fahrer kann in der Windschutzscheibe eingespiegelt die Unterlagen für den ersten Termin lesen oder nochmals die Augen zumachen. Vor dem Büro steigt er aus, das elektrisch angetriebene Auto fährt alleine zum Parkplatz und wird dort per Induktion durch eine Platte unter dem Auto aufgeladen." Was wie Science Fiction klinge, wird laut dem Volkswagen AG-Chef Matthias Müller (63) bald Alltag sein – "auch wenn ich als Porsche-Chef da noch anderer Meinung war, aber ich bin lernfähig." Autonom fahrende Autos würden nicht nur alten oder beeinträchtigten Menschen individuelle Mobilität ermöglichen sondern auch die Sicherheit steigern, denn: "90 Prozent aller Unfälle passieren durch den Faktor Mensch. Wir wollen zum Dekadenwechsel eigene autonome Systeme auf den Markt bringen. 2030 könnten autonome Fahrzeuge schon 40 Prozent unseres Umsatzes ausmachen, selbstfahrende Taxis werden normal sein."
Dieses Bild der Zukunft der Mobilität zeichnete Müller als Gast der Raiffeisenlandesbank Oberöstereich. Und er diskutierte mit voestalpine-Chef Wolfgang Eder, dem deutschen Handelskammer-Präsidenten Dieter Hundt und Raiffeisenlandesbank-Generaldirektor Heinrich Schaller auch über die Zukunft der österreichischen Zulieferindustrie.

VW-Chef Müller: Elektroantrieb gehört die Zukunft – Diesel bleibt aber noch lange unverzichtbar

Was den Antrieb künftiger Autos betrifft, ist sich Müller sicher: "Die Zukunft ist elektrisch." Der Volkswagen-Konzern werde bis 2025 30 neue rein elektrisch betriebene Autos auf den Markt bringen. Zwei bis drei Millionen Elektroautos werde VW dann pro Jahr verkaufen – rund ein Viertel seiner Gesamtproduktion. Heißt umgekehrt: 2030 würden laut Müller noch zwei Drittel aller neuen Autos von Verbrennungsmotoren angetrieben: "Der Diesel ist trotz aller Unkenrufe nicht tot, er bleibt unverzichtbar." Aber: Schon im Jänner 2017 werde VW einen Elektro-Golf mit "echten 300 Kilometern Reichweite" anbieten. Eine neue E-Version des Kleinwagens up komme auf 200 Kilometer. 2018 bringt Audi laut Müller ein Elektro-SUV mit 500 Kilometern Reichweite und der parallel dazu geplante Porsche-Elektrowagen komme sogar auf 600 Kilometer bei nur zehn bis 15 Minuten Ladezeit.

"VW-Chef Müller: Fürchte, dass Wasserstoff auf der Strecke bleibt"

Weil sich die Batterietechnologie schnell weiterentwickle, künftig höhere Reichweiten und kürzere Ladezeiten biete, hat Müller Zweifel an der Zukunft von Autos mit Wasserstoffantrieb. "Der Durchbruch ist nicht gelungen, die Technologie ist sehr teuer, ich fürchte, dass die Brennstoffzelle auf der Strecke bleibt – vor allem, weil sich das batteriebetriebene Auto künftig selbst per Induktion auflädt, ich mit dem Wasserstoff-Auto aber an die Tankstelle fahren muss."

Neue Konkurrenten – VW-Chef Müller: "Tesla hat die Nase vorn"

Deutlich rosiger sieht Müller die Zukunft der europäischen Autoindustrie – auch wenn er festhält: "Das Geschäft wird sich in den nächsten Jahren schneller verändern als in den letzten 100 Jahren." Genau deshalb sei er dabei, den VW Konzern vom Fahrzeughersteller zu einem Anbieter nachhaltiger Mobilität auszurichten. Dabei sehe sich die Autobranche neuen Konkurrenten wie Google, Apple oder dem chinesischen Konzern Baidu gegenüber: "Ich habe großen Respekt vor den Mitspielern aus dem Silicon Valley. Exzellente Autos zu bauen, reicht nicht mehr. Aber bloß leistungsstarke Software zu entwickeln, auch nicht. Um den Wandel mitzugestalten, müssen wir uns ändern." Neue Denkweisen, schnellere Entscheidungen und die Offenheit für Partnerschaften seien auch in einem Konzern wie VW nötig. "Und wir müssen Dinge künftig einfach ausprobieren, anstatt nur die Risiken zu sehen." Ob neue Konkurrenten wie google beim Auto der Zukunft einen Vorsprung hätten, sei schwierig zu beurteilen: "Ich habe von denen noch kein Auto fahren gesehen. Tesla hat derzeit die Nase vorn, ist sehr forsch unterwegs."

Gut für die voestalpine: Auch das Auto der Zukunft ist zum Großteil aus Stahl

Damit die neuen Konkurrenten die europäische Autoindustrie nicht überholen, bedürfe es künftig einer noch engeren Zusammenarbeit von Herstellern und Zulieferern, waren sich Müller, voestalpine-Chef Eder, Raiffeisenlandesbank-Generaldirektor Schaller und Handelskammer-Präsident Hundt bei ihrer Diskussion einig: "Wir liefern nicht nur Teile, sondern versuchen, mit eigenen Ideen mit den Autoherstellern in die Zukunft zu gehen. Wir reagieren nicht auf Wünsche, sondern versuchen, sie vorwegzunehmen", so Eder. Er sieht auch im Auto der Zukunft viel Stahl verbaut: "Bis 2030 wächst höchstfester Stahl am stärksten von allen Werkstoffen im Auto. Für jeden Bauteil gibt es einen idealen Werkstoff. Klappen und Dächer werden aus Alu gemacht, aber bei Sicherheitsteilen setzt man auf Stahl. Und bei dem sind bisher nicht viel mehr als 50 Prozent der technologischen Möglichkeiten ausgeschöpft.""Eine große Zukunft" sieht auch VW-Chef Müller für die Stahlindustrie im Autobau – "wir hatten schon Phasen mit mehr Alu im Auto". Raiffeisenlandesbank-Chef Heinrich Schaller ist beides recht – ist man doch sowohl an der voestalpine als auch am Aluhersteller AMAG in Ranshofen beteiligt: "Und wir werden diese beiden Beteiligungen auch in langer, langer Zukunft nicht aufgeben, das wäre dumm."

Schaller: "Wirtschaft muss sich freier bewegen können"

Schaller betont jedoch: „Damit wir die Erfolge langfristig halten können, müssen die überbordenden bürokratischen Regelungen, mit denen die Wirtschaft aktuell belegt ist, beseitigt werden. Wir müssen der Wirtschaft die Möglichkeit geben, sich wieder freier bewegen zu können. Das ist die Voraussetzung dafür, dass es in der Dynamik, die bei uns in den letzten 30 Jahren vorhanden war, auch langfristig weiter gehen kann.“ Dass Österreich "der Sprung fehlt", den Deutschland mit den Reformen der Agenda 2010 gemacht habe, hielt der deutsche Handelskammer-Präsident Hundt in der Diskussion fest. Die Maßnahmen wie Flexibilisierung, Zeitarbeit und leichtere Vergabe von Werkverträgen hätten dazu geführt, dass Deutschland nun wirtschaftlich erfolgreicher sei, während es vor zehn Jahren noch hieß: Österreich ist das bessere Deutschland. Heute mahnt voestalpine-Chef Eder dagegen ein, dass man auf der "Steuerseite zur Besinnung kommen müsse", um künftig international konkurrenzfähig zu sein: „Wir müssen uns im Klaren darüber sein, dass wir im globalen Wettbewerb stehen. Vor allem, was die Kostenseite betrifft“, so Eder. Europa sei in der traditionellen Industrie noch immer weltweit führend, diese Stärke dürfe nicht aufgegeben werden. „Aber wir beobachten, wie die Kostenschere im internationalen Vergleich immer weiter auseinandergeht. Das betrifft die Aufbereitung von Rohstoffen und zieht sich über die gesamte Wertschöpfungskette.“
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