Nicht vergessen, aber damit leben können!

Sexueller Missbrauch

„Ich werde meine Kindheit nie vergessen“, erzählt Manuela P. (Name geändert) im Interview mit BB-Redaktionsleiter Christoph Enengl. Jahrelang hat sie in ihrer Kindheit sexuellen Missbrauch erdulden müssen. „Aber“, so die heute selbstbewusste
St. Johannerin, „ich habe damit leben gelernt“.

Wie lange hat es gedauert, damit du offen über deine Vergangenheit sprechen kannst?
MANUELA P.:
„Sehr, sehr lange. Alles in allem waren es sicher 16 Jahre. Zu diesem Zeitpunkt habe ich auch den Täter konfrontiert und ihm gesagt, das ich noch immer sehr darunter leide.“

Wie hat er reagiert?
MANUELA P.:
„Zuerst hat er alles abgestritten. Als er es nach einem halben Jahr endlich zugab, wurden die Taten verharmlost. Was mich besonders verletzt hat, war, dass es als ‚Doktorspiele‘ herabgetan wurde. Ich war zu diesem Zeitpunkt ein Kind, er um viele Jahre älter als ich. Die Verharmlosungen von ihm und seinem Umfeld haben mich letzten Endes auch zu einer Anzeige bewogen.“

Wem hast du dich als erstes anvertraut und warum gerade der Person?
MANUELA P.:
„Meinem Mann, aber eher ungewollt. Er spürte, dass irgendetwas nicht stimmte und ließ nicht mehr locker. Als ich es ihm dann erzählte, habe ich ihm eine Schweigepflicht auferlegt, an die er sich immer gehalten hat.“

Wie war das in deiner Schulzeit – hat niemand den Missbrauch bemerkt?
MANUELA P.:
„Nein. In meiner Hauptschulzeit habe ich ein Referat über das Thema ‚sexueller Missbrauch‘ gehalten. Zu diesem Zeitpunkt war das ein Hilfeschrei – aber kein Lehrer hat ihn so aufgefasst. Auch meine Eltern waren eher empört über die Themenwahl. Mir hat mein Referat aber trotzdem geholfen, das Passierte aufzuarbeiten. Wie ich mich mit dem Thema beschäftigt habe, merkte ich, dass es viele Betroffene gibt und ich nicht alleine bin.“

Hast du deinen Eltern irgendwann von deinen jahrelangen Qualen erzählt?
MANUELA P.:
„Ja, erst vor ein paar Jahren. Dazu bewogen haben mich auch wieder das Verhalten und die Verleumdungen des Täters sowie seines Umfeldes. Ich wollte nicht, dass sie es von jemandem erfahren, der die Tatsachen total verdreht. Ihnen davon zu erzählen ist mir sehr schwer gefallen.“

Haben sich deine Eltern Vorwürfe gemacht?
MANUELA P.:
„Ja. Weil sie nie ein Anzeichen in diese Richtung gesehen haben.“

Hätte es sich im Nachhinein gesehen etwas gebracht, wenn du ihnen früher davon erzählt hättest?
MANUELA P.:
„Es hätte Vor- aber auch Nachteile gehabt. Ich zweifelte immer daran, ob mir jemand glauben wird. Der Täter war in unserer Familie fest verankert, obwohl er nicht mit mir verwandt ist.“

Wie lange hast du gebraucht um zu realisieren, was genau passiert ist?
MANUELA P.:
„Gleich beim ersten Missbrauch habe ich gewusst, dass es nicht okay ist. Aber was da in einem Kind vorgeht, kann man schwer beschreiben. Z.B. hatte ich in meiner kindlichen Naivität Angst davor, schwanger zu werden. Die Ängste und die Panik, sich schmutzig fühlen, sterben zu wollen und das schon als Kind, ist eigentlich unvorstellbar. Und dann noch der Druck, aus Scham nicht aussprechen zu können, was da passiert. Ich habe früh lernen müssen, zu schauspielern. Der Missbrauch ist mir nie selbst widerfahren, ich habe immer alles in dritter Person erlebt. Nur so konnte ich als Kind überhaupt überleben. Als Erwachsene konnte und wollte ich dann nicht mehr damit leben und suchte Hilfe.

Hast du dir zu irgendeinem Zeitpunkt selbst Schuld am Missbrauch gegeben?
MANUELA P.:
„Ja, weil ich mich dem ganzen nicht entziehen konnte. Ich habe es nicht geschafft, mich selbst zu schützen, obwohl ich es immer wieder versucht habe. Es ist mir aber nie gelungen. Darüber war ich immer traurig, fühlte mich schuldig.“

Wie berühren dich jetzt Medienberichte von Missbrauchsopfern der römisch-katholischen Kirche?
MANUELA P.:
„Mich berühren alle Oper, nicht nur die der Kirche. Ich möchte an alle weitergeben, dass sie darüber sprechen sollen. Aus der Isolation herauszukommen, ist der schwerste Schritt und gleichzeitig die größte Leistung im gesamten Heilungsprozess. Vergessen wird man den Missbrauch nie können, aber mit professioneller Hilfe kann man es verarbeiten und lernen, damit zu leben.“

Der Pongau – ein Bezirk wo beinahe jeder jeden kennt. Glaubst du, dass sexueller Missbrauch auch bei uns allgegenwärtig ist?
MANUELA P.:
„Eine internationale Statistik besagt, dass jedes vierte Mädchen und jeder siebte Junge missbraucht wird, das kann sich dann jeder selber ausrechnen.“

Die Öffentlichkeit debattiert derzeit heiß über eine Zölibatsaufhebung – glaubst du, das macht Sinn?
MANUELA P.:
„Die meisten Taten passieren im Umkreis der Familie. Viele Täter sind verheiratet und missbrauchen trotzdem. Insofern tut das nichts zur Sache.“

Um Opfern zu helfen, hast du eine Selbsthilfegruppe in St. Johann gegründet. Was hat dich dazu bewogen?
MANUELA P.:
„Ich habe es an mir selbst gemerkt, dass es möglich ist, den Missbrauch zu verarbeiten. Gespräche mit Betroffenen sind eben leichter zu führen, weil jeder das selbe Schicksal erleiden musste. Es ist von Anfang an Verständnis da, es wird dir geglaubt, man fühlt sich einfach aufgehoben.“

Wenn jemanden das gleiche Schicksal ereilt wie dich, war rätst du demjenigen?
MANUELA P.:
„Nicht schweigen, sondern darüber sprechen.
Jemandem Vertrauten davon zu erzählen, z.B. einer Freundin, bringt schon große Erleichterung. Wenn Opfer zu reden beginnen, haben sie den ersten Schritt in Richtung Bewältigung gesetzt. Bitte glauben Sie es, wenn Ihnen das jemand anvertraut. Danach ist professionelle Hilfe wichtig, nur so kann das Erlebte verarbeitet werden.“

Autor:

Bezirksblätter Pongau aus Pongau

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