Offener Brief an die Freiheitliche Partei Tamsweg zum Gemeindekurier Folge 19

Sehr geehrte Mitglieder der Freiheitlichen Partei Tamsweg!

Mein Name ist Andreas Dengg, ich komme aus Tamsweg und erhielt in den letzten Tagen per Post Ihren „Gemeindekurier“ Folge 19/2015.

Zuerst möchte ich klar zum Ausdruck bringen, dass ich selbst keiner Partei angehöre und ich mich auch selbst zu keiner angehörig fühle. (Ich wähle!) Dieser Ihnen vorliegende Brief soll weder unvernünftig, waghalsig noch beleidigend sein, allerdings möchte ich zur momentanen politischen Lage etwas beitragen und aufzeigen, wie Ihr „Gemeindekurier“ dazu ins Bild passt. (oder auch nicht)

Meine Absichten, um diese vorerst aufzuzeigen, sind nicht gegen Ihre Parteimitglieder gerichtet. Sie sind in Rücksicht auf die (ernste!) Lage in Europa und im Nahen Osten entstanden, die, auch auf kleinster Ebene wie im Lungau, im Moment nicht an Gültigkeit einbüßen. Deshalb kam auch mein Brief an Sie zustande.

Gerade in einer Zeit wie dieser kann ich in einer Aussendung wie dem „Gemeindekurier“ von Ihnen keine Ernsthaftigkeit der darin stehenden Aussagen abringen. Auch, wenn ich davon ausgehen könnte, dass in Ihrer Partei kritisch hinterfragende Personen mit eigenen Verstand und selbst gebildeter Weltauffassung wirksam sind.
Ich habe mir viel Zeit genommen um Ihre Aussendung zu lesen und zu überdenken. Aus diesem Grund möchte ich mir auch das Recht nehmen, hier in meinem offenen Brief an Sie auf vier Beiträge nacheinander genauer einzugehen und den jeweiligen Verfasser darauf anzusprechen.

„Asylheim in Tamsweg - Klare Absage der Freiheitlichen“ – verfasst von Roland Zehner

Herr Ortsparteiobmann, Ihre Worte, die am Titelblatt Ihrer Aussendung zitiert werden, es gäbe kein Ende der Flüchtlingswelle, gründen auf einer Sorge, die viele Europäer, nicht nur Lungauer, im Moment haben. Versetzt man sich in die Zeit kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, gab es auch viele Menschen in Europa, die vor Verfolgung und der Unterdrückung aus ihrer Heimat geflohen sind. Konnten die Menschen, die zu dieser politisch gespannten Zeit gelebt und auch dort ihre Flucht angetreten haben, ein Ende des Flüchtlingsstromes damals erkennen? Natürlich nicht. Wir wissen heute, was alles geschehen ist, wann und wie es ein Ende fand. Ein Ende der Flüchtlingswelle zu erkennen ist generell aus der Natur der Umstände heraus nicht möglich, aber kein Grund, voreilig zu polarisieren.

In die heutige Zeit zurückversetzt, ist alles noch einmal viel komplizierter und anders. (Über die Hintergründe möchte ich Sie für eigenständige Recherchen motivieren) Und dennoch, würde die Europäische Union alle vier Millionen Flüchtlinge aus Syrien aufnehmen und alle einen Islamischen Glauben besitzen, würde die Islamische Glaubensgemeinde in Europa von 4% auf 5% wachsen. Diesen vier Millionen Flüchtlingen stehen eine Bevölkerung der EU von 508,2 Millionen Personen gegenüber. „Überrannt werden“, wie Sie es nennen, ist enorm übertrieben, auch Bedenken zur „Islamisierung“ Europas sind übrigens deshalb unbegründet.

Ich möchte Sie, Herr Zehner, neben solchen Fakten aufmerksam machen, dass auch Lokalpolitik in einer Zeit wie dieser, in der wir nicht nur als Zeitzeugen in Rolle treten, nur gemacht werden kann, wenn in Ihren Aussendungen wie dem „Gemeindekurier“ sich inhaltlich ernst zu nehmende Meinungen vorfinden lassen, wenn sie auch Begründungen und Fakten zu Grunde liegen. In ihrer Aussendung ist dies nicht der Fall.

„Österreichische Politiker haben eine klare Verantwortung dem eigenen Volk gegenüber“ ist eine gültige Aussage, die Sie im Text wiedergeben. Österreich ist aber auch Teil Europas und sogar der Welt (einmal so betrachtet) und trägt nach außen hin genauso viel Verantwortung Fremden gegenüber, wenn sie dringende Hilfe aus ihrer Verzweiflung durch Krieg, Verfolgung, etc. aus suchen und sich den anstrengenden und gefährlichen Weg hierher zugemutet haben. Würde und Respekt den ich einem anderen Mitmenschen zu zollen habe und eben auch eine Verantwortung der österreichischen Politik und deren Bürger Hilfe zu leisten, hat nichts mit Geburtsurkunden und Reisepassbeschriftungen zu tun! Und genau darum ist Ihre auch hier erwähnte Standardfloskel „Schutz und Hilfe, wirtschaftliche und soziale Stabilität als wichtigster Grundsatz des Staates“ genau so mit einer echten Bedeutung für Asylsuchende gültig!

„Aushungerung der Polizei und des Heeres“ ist ein gut zu benützendes Argument. Das diese Thematik sich weiter erstreckt als über die Europäische Flüchtlingskrise im Moment, ist Ihnen und auch mir bekannt, sieht man sich allerdings bei den ebenso neutralen Schweizern im Militärbereich um, wundert man sich, dass ein nicht regelmäßig reformiertes Militär (anders wie in der Schweiz) überhaupt so lange finanziert wurde. Beispiele, wie die Strucker-Kaserne im Lungau die Wirtschaft belebt, finde nur ich wenige. Polizisten im ganzen Land sind aktuell stark gefordert, die Argumentation, wieso einige Polizeiposten im Lungau über die Jahre geschlossen worden sind, würde den ohnehin ausgedehnten Rahmen dieses Schreibens an Sie sprengen.

Nachrichten, die neben Deutschland, die EU und auch insbesondere Österreich, sogar den Lungau in weiterer Folge betreffen, lassen Bedenken aufkommen. Darum frage ich mich, Herr Ortsparteiobmann Zehner, was wäre Ihre erwähnte adäquate Reaktion, mit der wir Herr der Lage werden? Dieses „parteiübergreifende Handeln“ wie es in Ihrem Beitrag heißt, bleibt nicht weiter definiert eine weitere leere Aussage, die oft im gesamten „Gemeindekurier“ zu finden ist. Darum würde ich vorschlagen, das zu tun, was sie aber ohnehin im Beitrag schon selber erwähnen: Gegenüber Missständen handeln. In dieser akuten Zeit der Europäischen Flüchtlingskrise wäre es ein guter Anfang, Menschlichkeit zu zeigen und Flüchtlingen ein Dach über den Kopf zu geben. Auch dies ist eine Verpflichtung dem österreichischen Volk gegenüber, Herr Ortsparteiobmann, denn genug von unseren Mitbürgern liefern hier wertvolle Freiwilligenarbeit und sehen, dass es auch nur Menschen sind wie wir!

„Klare Aussage der FPÖ-Tamsweg zum aktuellen Asylthema“ – geschrieben von Roland Zehner

Herr Zehner, auch den ersten Beitrag auf Seite 2 haben Sie verfasst. Sie erwähnen „zahlreiche Vorfälle“, die Sie als Grund nennen, wieso Ihre Partei die Asylaufnahme im Lungau verweigert. Platz, mindestens einen von diesen „Vorfällen“ zu nennen, haben Sie eingespart und schaffen somit keine „klare“ Aussage, wie es im Titel heißt. Dass Vorfälle, von welcher Natur sie laut Ihnen auch immer sein mögen, IMMER eine Erklärung benötigen – darum bitte ich. Denn mit der Formulierung dieses Beitrages sehe ich keine handfeste Begründung oder Argumentation. Dass es auch starke positive „Vorfälle“ gibt (ich nenne Deutschstunden und Betreuung der Menschen durch das Rote Kreuz im Berufsschulheim Tamsweg, Spendenaktionen von notwendigen Gütern organisiert durch Caritas, Freiwilliger und Pfarre Tamsweg und auch die dementsprechende positive Resonanz der Flüchtlinge!) wird eben in den Medien zu schwach widergegeben und verbreitet. Mit im Beitrag unerwähnten
„Vorfällen“, Herr Zehner, die teils harmlos teils mit gekonntem Polizeieinsatz abgelaufen sind, kann niemand Grund genug haben, hilfsbedürftigen Menschen die Hilfe zu verweigern.

Ein Zeichen, dass Sie die einzige Fraktion in Tamsweg sind, die dagegen ist? Andere Fraktionen haben eventuell bereits den Ernst der Lage erkannt, in der jeder Österreicher gefordert ist, vor allem die Personen in der Politik, sei es auch auf Bezirksebene. Die Tatsache, den Ernst der Lage zu erkennen, liegt am Verständnis, das durch Weltoffenheit gefördert werden könnte. Weltoffenheit heißt auch nicht „Verlust der Heimat und der Kultur“ – Weltoffenheit weckt Interesse eben an anderen Kulturen und hilft maßgeblich, die eigene besser zu verstehen, sie wertzuschätzen und im Rahmen einer offenen Art mit seiner Heimat zu verbinden. Kultur geht, anders wie sie behaupten, somit nicht verloren, sie wird positiv unter Anerkennung von anderen verstärkt.

Um den zeitlichen Aspekt zu wahren, möchte ich zum Schluss Ihres Beitrages springen. Ihrem „Zitat“ am Ende „Unsere Heimat! Unsere Regeln! Unsere Leute! Unser Geld!“ kann ich nicht mehr als eine Stammtischparole abgewinnen. Wen meinen sie genau mit „unser“? Wie genau definieren Sie wer nun „unser“ Geld hat, mit welchen Regeln von „uns“ es dann ausgegeben wird, etc.? Sprechen Sie mehr mit den Leuten, die sie mit „unser“ in Ihrer Aussage ansprechen und sie werden herausfinden, wie wenig diese Abgrenzung von Ihnen auf „Tamsweger“, „Lungauer“ oder „Österreicher“ zutrifft. Natürlich ist es toll, einer Heimat zugehörig sein, aber wie würden Sie, Herr Zehner, Österreich sehen, wenn Sie selbst nicht hier geboren worden wären? Wären Sie momentan aus Syrien (um aktuelle Geschehnisse zu berücksichtigen), hätten sie zudem auch Ihre Heimat in der letzten Zeit verloren. Es ist keine Errungenschaft, in einem modernen, wohlhabenden Land geboren worden zu sein – Noch weniger, um dann nur mit einer Stammtischparole Ihre „Errungenschaft“ zu verteidigen!

„Asyl“ – geschrieben von Michel Gruber

Herr Gruber, ich kann Ihnen leider auch keine Antwort auf Ihre Frage, ob Österreicher ernster genommen werden als Asylanten, geben. Vermutlich liegt es an der Sinnhaftigkeit der Frage selbst, die nur der Betonung selbst dienlich ist. Wie begründen Sie Ihre Meinung, dass ein österreichischer Staatsbürger „fast weniger wert ist“ wie eine „auswertige Person“? Ich kann Ihren Gedankengang hier nicht folgen und bin verleitet, diese wage Frage selbst zu beantworten, kann jedoch dann auch nur eine wage Antwort geben. Am besten ist, sich selbst mit eigenem Verstand und Wissen ein Bild zu machen, um selbst eine Antwort zu finden. Aber in Ihrem Beitrag lassen Sie den Leser generell ohne Begründungen im Stich. Wenn Sie Grund zu den ganzen Bedenken haben, wie Sie es hier zum Ausdruck bringen, dann bitte ich Sie an den Stellen im Text um ein Argument und nicht um eine Floskel wie „Die Antwort auf diese Frage werden uns die Verantwortungsträger in der Politik nicht beantworten können bzw. wollen es nicht.“! Meiner Ansicht nach würde in einem Format wie eben dem „Gemeindekurier“ dies einen sehr angebrachten Ort finden.

Beachten Sie bitte auch, dass Passagen wie „…denn wie sollte man die Österreicher vor Menschen beschützen wo man gar nicht weiß, dass diese im eigenen Land sind“ so gut wie keinen Sinn ergeben. Hier entziehe ich mich bewusst der Begründung.

„Asylchaos in St. Michael im Lungau“ – Bericht um Ernst Lassacher

Im Bericht um Ernst Lassacher handelt es um die Bemühungen, das Angebot seitens der Betreiberfamilie des Ski Vital, Flüchtlinge unterzubringen, zurückzuziehen. Herr Lassacher übersieht die Tatsache, dass das besagte Angebot der Betreiberfamilie mitnichten verheimlicht werden könnte, wenn in Oberweißburg eben auch nur 327 Menschen leben. Wenn es sich auch, wie es im Bericht heißt, um ein Angebot seitens der Betreiberfamilie gehandelt hat, kann man es schwer als „undemokratisch“ bezeichnen, wenn sich das Haus in Privatbesitz befindet und dieses Angebot an die Gemeinde St. Michael von den Besitzern aus gemacht wurde. Genauso wenig demokratisch ist nun die Situation, dass es kein Angebot für Flüchtlinge geben wird, denn eine (idealerweise gewünschte) offene Diskussion ist mit dem „Pflichtbewusstsein“ von Herrn Lassacher
überflüssig geworden, scheinbar genauso wie die Möglichkeit, Menschen in Not zu helfen.

Die wahnhafte Vorstellung, die männlichen Asylwerber, die im Alter zwischen 20 und 30 Jahren sind und Frauen aus diesem Grund besonders nachts stark gefährdet seien, ist absurd. Hintergründe, wieso gerade viele junge Erwachsene uns aus Syrien und anderen Ländern aus dem nahen Osten erreichen sind bald geklärt; In Syrien herrscht zumal Bürgerkrieg, neben den Terrororganisationen wie dem IS ist auch hier eine immense Gefahr präsent. Es rekrutieren viele Fronten, besonders junge Männer sind im Blickfeld der Organisationen. Viele junge Männer fliehen, denn für sie, Herr Lassacher, ist es absurd, gegen die eigenen Landsmänner zu kämpfen. Familien finanzieren die Flucht nach Europa, denn auch genau diese Gruppe von jungen Männern überlebt die Flucht am ehesten. Niemand in den Familien dort weiß, was geschieht, wenn sie Ihre Töchter und Frauen Schleppern anvertrauen. Die Ungewissheit, ob es der Sohn nach Europa überhaupt schafft, spendet nicht viel mehr Trost. Was haben Sie getan, als Sie 25 Jahre alt waren, Herr Lassacher? Sind sie auch mit einem Schlauchboot über das Mittelmeer gebracht worden?

Viele von diesen jungen Erwachsenen haben zudem auch mehr Bildung, als momentan erfasst werden kann. Es gibt zahlreiche Studenten, Elektriker, Mechaniker, Angestellte, etc. die arbeitswillig einen Neubeginn anstreben. Die Angstmache vor Fremden, Asylsuchenden hier im Speziellen, ist völlig aus der Luft gegriffen. Es direkt mit Kriminalität und Gefahr für Frauen zu verbinden ist enorm unverantwortlich und unhaltbar.

Schade finde ich es persönlich, dass Sie sich auch noch bei der Betreiberfamilie des Ski Vital bedanken, nicht mehr helfen zu wollen.

Am Ende dieses offenen Briefes möchte ich mich bei allen bedanken, die ihn auch bis hier gelesen haben. Es wird im Moment mit der Flüchtlingskrise ein bitteres Stück Weltgeschichte geschrieben. Wir, als Mitmenschen inmitten dieser Ereignisse, als „Mitverfasser“ dieser Geschichte sind allein aus den Grund, Menschen zu sein, dazu aufgerufen, Solidarität und Hilfsbereitschaft zu zeigen. Geehrte Freiheitliche Partei Tamsweg, ich möchte an Sie appellieren, Verhältnisse von einem größeren Rahmen aus zu betrachten und ein Verständnis der Zusammenhänge zu bilden, damit Ihr „Gemeindekurier“ auf Bezirksebene keine Ansammlung von Standardfloskeln bleibt, sondern ein Profil Ihrer Partei – auch wenn es überhaupt nicht meine Ansichten widerspiegelt.

Hochachtungsvoll
Andreas Dengg

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Autor:

Andreas D. aus Lungau

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