Margareten: Grauen am Spiegelgrund

Alois Kaufmann überlebte als Kind den Spiegelgrund.
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  • hochgeladen von Sabine Ivankovits

MARGARETEN. Noch gibt es sie, die Zeitzeugen, die das Grauen der Nazis am eigenen Leib erfahren mussten. Der Margaretner Alois Kaufmann ist einer davon. Er lebte als Kind im Alter von neun bis elf Jahren (1943 bis 1945) am Spiegelgrund. Erst nach Ende des Krieges wurde er vom Vater abgeholt.

Das Grauen, das in der "Erziehungsanstalt" herrschte, ist heute unvorstellbar. Damit dies nicht vergessen wird, redet Alois Kaufmann darüber. Auch Schulen besucht der Pensionist, damit so etwas nie wieder passieren kann. Geboren wurde Kaufmann am 6. Mai 1934 in Graz als unehelicher Sohn. Eine Schande, so gab ihm die Mutter, die bereits einen weiteren Sohn hatte, weg. Er kam zu verschiedene Pflegestellen, landete dann bei der "Toni-Mutter". "Die Toni-Mutter war genauso ein armer Hund wie ich. Wir hatten sehr wenig zu essen. Zur Schule bin ich damals in die Hackengasse im 15. Bezirk gegangen. Ich habe mich mit einem älteren Buben mit langen Haaren angefreundet. Eines Tages waren wir im Prater, als uns auf einmal vier, fünf Buam in brauner Uniform entgegengekommen sind. Sie haben meinem Freund brutal die Haare oben abgeschnitten. Und dann war er weg, ich habe ihn nie wieder gesehen", so Kaufmann.

Das war der Beginn seines großen Leidensweges. "Ich habe wegen der Sache in der Schule nicht mehr gefolgt, war aufmüpfig. So hat mich die Toni-Mutter auch abgegeben, weil sie nicht mehr mit mir zurechtgekommen ist. Und ich bin auf den Spiegelgrund gekommen."

Tränen und Brutalität

Gleich der erste Tag war von Tränen begleitet. Nach seiner Ankunft wurde er von den anderen Buben beschimpft. "Danach kam eine Schwester und meinte zu mir, ich wäre dreckig. Sie hat mich dann minutenlang mit eiskaltem Wasser abgeduscht. Ich habe geweint und gefleht, sie solle aufhören, aber das hat nichts genutzt", so Kaufmann. Später lernte er, wie sich ein deutscher Bub zu entschuldigen hat: "Es tut mir leid, ich bin schuld. Danke, dass ihr mich bestraft." Das musste er auch, als er im Winter durch den Schnee robben musste, weil er einen Himbeersaft verschüttet hatte. Oder als er beim Toilettengang nicht schnell genug war. Da zerrte ihn eine Erzieherin von der Klomuschel, die er dann mit der Hand putzen musste.

Noch viel mehr schlimme Dinge musste Kaufmann über sich ergehen lassen. Sie schildert er in seinem Buch "Totenwagen. Kindheit am Spiegelgrund". Derzeit arbeitet er an einem neuen Buch: "Grausame Wahrheiten". "Das Schreiben hat mir sehr geholfen", so Kaufmann, der über 20 Jahre lang in psychologischer Behandlung war.

Zuckerl vom Horror-Arzt

Auch am Spiegelgrund hatte Kaufmann einen Freund. Der letzte Satz, den er von dem jüdischen Buben hörte, als die Nazis ihn abholten, war: "Wir sehen uns einmal woanders." Und weg war er.

Dem Horror-Arzt Heinrich Gross ist der junge Kaufmann auch einmal begegnet. "Er hat einigen Buben Zuckerln gegeben. Ich wollte auch eines und war enttäuscht. Denn wir hatten kaum zu essen, geschweige denn Süßigkeiten oder gar Spielzeug. Jetzt im Nachhinein bin ich froh, dass ich keines bekommen habe. Denn diese drei Buben wurden ausgewählt und wurden nie wieder gesehen."

Zur Sache:

Am Spiegelgrund war ein Erziehungsheim samt einer „Nervenheilanstalt für Kinder“ auf der Baumgartner Höhe in den Jahren von 1940 bis 1945. Die kindlichen Insassen wurden medizinischen Versuchen unterzogen, gequält und mindestens 789 von ihnen wurden ermordet.

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