21.07.2017, 16:03 Uhr

Kinopremiere im Filmcasino: "Jeder Schokoriegel wird mit einem Frauenarsch verkauft"

Regisseurin Petra Volpe vor dem Filmcasino, in dem ihr neuer Film Österreich-Premiere feierte. (Foto: Thimfilm/Dieter Nagl)

Zur Österreich-Premiere ihres neuen Films "Die göttliche Ordnung" erzählt Regisseurin Petra Volpe im bz-Interview wie weibliche Unterdrückungsformen auch noch heute präsent sind - trotz mehreren hundert Jahren Emanzipationsbestrebung.

Mit internationalen Filmpreisen ausgezeichnet, gilt "Die göttliche Ordnung" schon jetzt als einer der erfolgreichsten Schweizer Filme aller Zeiten. Kurz vor der Österreich-Premiere im Filmcasino in der Margaretenstraße traf die bz die Schweizer Regisseurin Petra Volpe zum Gespräch.

Ihr Film spielt in der Schweiz und behandelt eigentlich ein Thema der 70er. Auch in Österreich gibt es jetzt Anfang 2018, nach 20 Jahren, ein 2. Frauenvolksbegehren. Warum sind die Themen Gleichberechtigung und Demokratie gerade jetzt so aktuell?
Petra Volpe:
Ich glaube, das hat mit der politischen Entwicklung der Welt zu tun. Wir haben den Film vor fünf Jahren angefangen und da konnten wir eigentlich noch nicht erahnen, wie extrem aktuell er werden würde. Wir dachten, die Gleichberechtigung ist nach wie vor leider ein aktuelles Thema. Da ist man definitiv noch nicht angekommen, wo man eigentlich sein möchte. Da geht es um Lohngleichheit, es geht um Altersversorge, es geht um den Care-Gap, es geht um ganz viele Bereiche, wo definitiv noch keine Gleichberechtigung herrscht. Und schon vor fünf Jahren haben diese Themen angefangen, auf der politischen Agenda wieder hochzurutschen. Aber durch die Wahl von Trump und diesen extremen Rechtsrutsch auch in Europa in vielen Staaten, die wieder erzkonservative Frauenbilder beschwören, das hat die Frauenbewegung wieder extrem befeuert - und auch die Demokratiebewegung! In dem Film geht es um Zivilcourage, um Demokratie, um Gleichberechtigung und all diese Themen sind extrem wichtig geworden .

Sie haben in Vorbereitung auf den Film sehr intensiv recherchiert, haben zahlreiche Interviews zum Thema geführt, haben sich mit Elisabeth Joris sogar extra eine Historikerin ins Team geholt. Wie haben Sie diesen gesamten Prozess persönlich empfunden?
Also erstens war ich erschüttert, wie wenig ich darüber wusste. Das wird einfach nicht unterrichtet in der Schule. Es gibt in der Schweiz eine hundertjährige Frauenbewegung, die war extrem wichtig, das waren gut organisierte Frauen, die waren international vernetzt und haben 100 Jahre lang versucht das Frauenstimmrecht zu bekommen – darüber hab‘ ich nichts gehört in der Schule! Natürlich weiß man, ja, die Frauen haben das Stimmrecht zu spät bekommen, aber irgendwie hat man dann den Mantel des Schweigens darüber gelegt. Es war eben auch extrem beschämend für die Schweiz, dass sie das Frauenwahlrecht erst 1971 eingeführt haben. Und das hat mich sehr wütend gemacht, dass es nicht unterrichtet wird, dass es nicht Gegenstand unserer Geschichte ist. Auf eine Art existiert das nicht. Was auch schockierend war ist, wie aktuell viele der Themen noch heute sind. Natürlich hab‘ ich das gewusst, aber so richtig habe ich das dann erst bei der Recherche empfunden, weil man da die Forderungen der Frauen von 1959 – oder sogar noch weiter zurück – in den Anfängen liest und dann merkt, wieviel davon immer noch nicht umgesetzt ist. Das ist erschütternd.

Wie hat man das im Film umgesetzt? Wovon handelt der Film?
Der Film stellt eine Frau ins Zentrum, die merkt, das ist hochgradig nicht in Ordnung, dass ich in einer Demokratie lebe und als Bürgerin nicht mitbestimmen kann. Der Film erzählt darüber, wie sie begreift, dass das Private politisch ist. Und das finde ich, ist ein universelles Thema. Diese Entscheidung sich politisch zu engagieren, das kann auch heute jeder Mensch machen. Das hat die Figur für mich auch modern gemacht.

Wieso haben Sie sich entschieden, dieses Thema ausgerechnet in einer Komödie zu verpacken?
Wenn man im Ausland erzählt, dass die Frauen in der Schweiz das Stimmrecht erst 1971 bekommen haben, dann lachen erst mal alle. Es gibt gewisse Dinge, die sind so schlimm, dass man sie nur mit Lachen erträgt. Ich glaube, der beste Stoff für komödiantische Geschichten sind eigentlich Dramen. Und es ist ein großes Drama. Weil der Kampf dieser Frauen war existenziell. Wenn man so ein Thema von leichter Hand erzählt, glaube ich, dass man die Leute dazu verführen kann, sich dafür zu interessieren. Film ist auch Verführung. Mit Humor kann man die Leute dazu bringen sich mit etwas zu beschäftigen, wovor sie vielleicht auch eine gewisse Scheu haben – wie Politik und Gleichberechtigung.

Es gibt zwei ganz interessante Aspekte in dem Film. Das Eine ist, dass die Hauptwidersacherin der Frauenbewegung im Film eine Frau ist. Das Andere, ist eine Frau, die aufzeigt und meint „ich fühle mich aber nicht unfrei“.
Die Frau merkt im Film dann, dass sie doch unfrei ist. Das ist quasi ihre erste Reaktion, der Film erzählt dann darüber, dass sie tatsächlich unfrei ist und sich was vormacht. Und zum Ersten: Es gab tatsächlich in der Schweiz eine sehr starke Anti-Stimmrechtsbewegung, die war sehr stark von Frauen angeführt. Das war sehr überraschend für mich bei der Recherche. Ich hab‘ dann eine ganze Dissertation über diese Frauen gelesen. Das waren oftmals bürgerliche Frauen, sehr wohlsituierte Frauen, die materiell sehr gut gestellt waren, die oft mit reichen Männern verheiratet waren, die auch sehr gebildet waren. Und die haben eine eigene Art Frauenbild verteidigt, haben gesagt, die Frauen haben eine gottgegebene Rolle in der Gesellschaft, das ist also wirklich eine göttliche Ordnung, die sagt, dass es so ist wie es ist. Und wenn man den Frauen sagen würde, dass diese Rolle nicht reicht, dass sie jetzt auch noch Politik machen sollen, dann nähme man den Frauen eigentlich etwas weg - anstatt ihnen ein Recht zu geben. Dabei handelt es sich wirklich um eine ganz verdrehte Argumentationskette, die anführt, dass die Emanzipation eigentlich gegen die Frau ist und ihre Position in der Gesellschaft eher schwächen und abwerten würde. Dann haben sie natürlich mit Gott argumentiert, schon fast apokalyptische Bilder wurden da heraufbeschworen, was passiert, wenn die Frauen wählen gehen.

Im internationalen Kontext gilt die Schweiz als Vorzeigedemokratie, was Gleichberechtigung angeht, reiht sie sich auch heute immer noch weiter hinten ein. Der Filmtitel lautet „Die göttliche Ordnung“, spielt also auf die gottgegebene, gottgewollte Ordnung an.
Das ist ein Originalzitat aus der Anti-Stimmrechts Propaganda. Also eines der Argumente war: Frauen in der Politik ist gegen die göttliche Ordnung.

Gott ist heutzutage offensichtlich nicht mehr die treibende Kraft dahinter, wie sehen denn Unterdrückungsmechanismen im Jahr 2017 aus?
Die sind vor allem materiell, wirtschaftlich. Es kam gerade eine neue Studie raus, dass Frauen in der Schweiz 18 Prozent weniger verdienen als Männer. Also ich glaube, auf dieser wirtschaftlichen Ebene gibt es eine ganz klare Benachteiligung der Frau. Frauen arbeiten, bekommen weniger Geld dafür, übernehmen aber auch viel Arbeit in der Familie, es gibt also eine Care-Gap. Frauen kümmern sich mehr um die Familie, um die Kinder, um den Haushalt, um die Eltern. Selbst wenn sie gleich viel arbeiten, leisten sie eigentlich immer mehr. Das wird einfach so als selbstverständlich hingenommen, das wird nicht in Frage gestellt. Und wenn man es in Frage stellt, dann geht gleich ein Sturm los. Das ist die wirtschaftliche Ebene. Dann gibt es subtilere Mechanismen, die sind tief verwurzelt in so verinnerlichten sexistischen Ideen darüber, was ein Mann und eine Frau zu sein habe. Das ist ein kapitalistisch-patriarchales System, das dafür sorgt, dass Männer und Frauen an einem Ort gehalten werden. Das sind Gefängnisse. Viele Leute haben immer noch erzkonservative Vorstellungen darüber, was ein Mann ist, was eine Frau ist – unsere Gesellschaft ist durchdrungen davon. Ein Ausdruck davon ist zum Beispiel die Werbung: Jeder Schokoriegel wird mit einem Frauenarsch verkauft. Sowas ist unmöglich. Es ist nach wie vor so, dass die Frau als Objekt behandelt wird und nicht als Subjekt. Das ist etwas ganz tief Verwurzeltes - und wenn sich daran etwas verändern soll, muss das in der Schule anfangen, in der Familie, und muss in einer Bewusstseinsveränderung der Menschen münden.

Sprechen wir etwas über Wien. Wieso hat man sich für die Österreich-Premiere Ihres Films gerade für das Filmcasino in Margareten entschieden?
Es ist einfach ein besonders schönes Kino. Ich war noch nicht oft in Wien und ich bin zum ersten Mal heute in diesem Kino. Leider bin ich auch nur heute hier, morgen geht’s für mich wieder nach Zürich.

Wie steht es um ihr nächstes Projekt? Wird das in eine ähnliche Richtung gehen?
Ich arbeite an vielen verschiedenen Sachen. Eins heißt „Frieden“, das ist eine sechsteilige Serie über die Schweiz nach dem 2. Weltkrieg. Dabei geht um ein sehr unschönes Kapitel der Schweiz – nochmal ein unschönes Kapitel (lacht). Das zweite Projekt ist ein Film über ein amerikanisches Männergefängnis, eine Geschichte zwischen zwei Häftlingen...

In einem Interview berufen sie sich auf eine ältere Dame, unterwegs auf einer Demonstration für Frauenrechte, die ein Schild mit der Aufschrift hält: „I can’t believe, I still have to protest this shit“. Wie lange werden solche Damen noch rummarschieren?
Leider noch lange. Leider, leider. Man muss sich nur die Zahlen angucken, wie langsam die Dinge sich beim Thema Gleichberechtigung verändern. Das ist unendlich langsam. Die französischen Feministinnen haben schon während der französischen Revolution 1789 Forderungen gestellt, die heute noch nicht erreicht sind. Das zeigt einfach, wie sehr die Machstrukturen darum kämpfen, dass die Macht da bleibt, wo sie ist. Das wird noch lange dauern, die Dame wird das Schild irgendwann an die jüngere Generation weitergeben müssen.
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