20.08.2016, 00:00 Uhr

Angst vor dem VinziDorf in Hetzendorf

Anrainer Manfred Mohl befürchtet Unruhe in der Karl Kraus Gasse, dem Verbindungsweg vom VinziDorf (hinten re.), vorbei an der NMS (li.) zum nächsten Supermarkt

Anrainer befürchten Lärm und Unsicherheit im bisher ruhigen Grätzel rund um das Gartengrundstück des geplanten VinziDorfes in der Boërgasse.

MEIDLING. In der Boergasse 1 ist das neue VinziDorf geplant, das 24 Obdachlosen ein neues Zuhause bieten soll. Anrainer um Manfred Mohl haben Angst davor.

Grund: In unmittelbarer Nachbarschaft befinden sich drei Kindergärten, zwei Schulen, ein Sportzentrum, ein Pensionistenheim – und Wohnanlagen in schönster Ruhe- und Grünlage. "Wegen dieser überschaubaren, schönen Grünlage und Ruhe sind wir hierhergezogen", so Anrainer Manfred Mohl, der seit 20 Jahren in unmittelbarer Nachbarschaft des künftigen VinziDorfes wohnt.

"Wir haben einfach Angst, dass das VinziDorf Wien und seine Bewohner diese Ruhe und Sicherheit stören", so habe er und seine Mitstreiter ihre Bedenken schon zu Beginn der Debatte, ob das VinziDorf gerade hier erreichtet werden soll, geäußert: "Damals hat man uns noch versprochen, es zu verhindern."

Und Manfred Mohl zeigt auch gleich, warum das Gartengrundstück mit dem ehemaligen Wirtschaftsgebäude des Lazaristenklosters am äußersten Ende der Boërgasse sich, seiner Meinung nach, so gar nicht als neue Heimat für alkoholkranke Obdachlose eignet: Vom Eingang in der Boërgasse führt ein schmaler, schattiger Weg mit mehreren Sitzbankerln - die Karl Kraus Gasse - zur Hervicusgasse. Hier befinden sich die einzigen beiden Supermärkte der Gegend befinden.

"Um einzukaufen, etwa Alkohol, den die VinziDorf Bewohner ja auch trinken dürfen, ist dies der kürzeste Weg. Und die Bankerln laden natürlich auch zum Verweilen ein. Auf der rechten Wegseite ist gleich die Neue Mittelschule und die Bankerln werden auch gerne von Pensionisten aus dem nahen Seniorenheim genutzt. Wir haben einfach Angst vor dem Lärm, aber auch vor Belästigungen der Schulkinder, die hier täglich vorbeigehen müssen."

Vergeblicher Kampf

Das Ehepaar Monika und Christian Farnleitner, unmittelbare Anrainer aus der Boërgasse, kämpft bereits seit Ende März 2008 gegen die Errichtung eines VinziDorfes an dieser Stelle.

„Pfarrer Pucher hat uns alle lange im Dunkeln gelassen, was hier konkret geplant ist. Zuerst hieß es, die schrecklichen Wohnbedingungen der im ehemaligen Stallgebäude der Lazaristen eingemieteten Bewohner zu verbessern. Erst durch einen Zufall haben wir von den eigentlichen Absichten, dort ein Containerdorf für alkoholkranke Obdachlose zu errichten, erfahren“, so Monika Farnleitner. 
Pfarrer Pucher hätte auch nie das direkte Gespräch mit den Anrainern gesucht.

450 Unterschriften wurden von der Anrainerinitiative binnen weniger Tage gesammelt. Gegen die Baupläne wurde in drei Instanzen gekämpft. Die dafür nötigen Anwaltskosten wurden zwischen den Anrainern geteilt.

Schlechte Vorbildwirkung

Im April 2013 stand fest: Es darf trotz aller Einwände gebaut werden. „Jetzt können wir nur abwarten, aber unser Vertrauen darin, dass Gesetze für alle gleich gelten und in alles, was da jetzt versprochen wird, ist tief erschüttert“, so die Anrainerin.

„Alkohlkranke Obdachlose und psychisch Kranke, die sich nach wie vor Alkohol besorgen dürfen, sind einfach nicht mit unserem Umfeld kompatibel. Welche Vorbildwirkung soll das für die zahlreichen Kinder und Jugendlichen haben, die hier zur Schule gehen, zum Sport oder in den Kindergarten. Für die vielen Familien mit kleinen Kindern, die im Park spielen, oder den Rodelhügel direkt hinter dem Vinzi-Areal benutzen?“ so die Sorgen der Anrainer. Ein Vorhaben wie dieses sei sozial einfach nicht mit dem Umfeld vereinbar.

Betreuung vor Ort

„In allen Projekten haben wir die gleichen Erfahrungen gemacht: Zuerst viele Ängste, danach vollste Zustimmung. Die Obdachlosen werden im VinziDorf betreut und verhalten sich dadurch auch anders“, so die Koordinatorin der VinziWerke Österreich, Nora Musenbichler.

Die hier untergebrachten Obdachlosen würden auch Tag und Nacht durch Haupt- und Ehrenamtliche betreut. "Wir können dafür garantieren, dass es für die Nachbarn zu keinerlei Belästigungen kommen wird." Es habe im Vorfeld auch zahlreiche aufklärende Informationsabende gegeben, dazu waren neben Pfarrer Wolfgang Pucher, die Leiterin des VinziDorf Graz, Sabine Steinacher sowie die Koordinatorin der österreichischen VinziWerke Nora Musenbichler vor Ort und standen Rede und Antwort.

Auch das zuständige Architektenbüro gaupenraub +/- war bei zahlreichen Terminen für Fragen offen. Die Baubehörde war dabei von Anbeginn an umgehend über das Vorhaben informiert. Mit Oktober 2015 kam nach langer Zeit die Baugenehmigung für das Projekt und die Vorbereitungen konnten starten.

Wohnmodule kommen

Sehr lange wurde von den Anrainern versucht, das Bauvorhaben zu verhindern. Es entstehe hier auch kein Containerdorf, sondern geschlossene Wohnmodule mit integrierten Sanitäranlagen, so Musenbichler.

Eine Renovierung des Bestandsgebäudes und Instandsetzung des gesamten Geländes findet statt. Im Gebäude wird es neben den acht Wohneinheiten auch Büros, Aufenthaltsräume und ein Lager geben.

Im VinziDorf werde es einer Randgruppe der Gesellschaft ermöglicht, ein menschenwürdiges Leben nach den eigenen Vorstellungen zu führen. Diese soziale Vorbildwirkung sei für die Vinzenzgemeinschaft Eggenberg-VinziWerke zentral, so Musenbichler.

Ort der Begegnung

Das Grazer VinziDorf, das seit 1993 Jahren besteht, habe Vorbildwirkung: "Es ist kein Ort der Angst, sondern der Begegnung. Jeder, der möchte, bekommt Einblick in die Heimat für Heimatlose. Über 2.000 Besucher waren Kinder und Jugendliche." Die VinziWerke planen, im Herbst 2016 eine weitere große Informationsveranstaltung über das VinziDorf Wien abzuhalten.
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