KZ-Überlebender Jozef Lewkowicz besuchte die KZ-Gedenkstätte Melk

Jozef Lewkowicz mit Reinhard Koller von der Birago-Pionierkaserne, dem ehemaligen Standort des Melker KZ-Außenlagers.
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  • Jozef Lewkowicz mit Reinhard Koller von der Birago-Pionierkaserne, dem ehemaligen Standort des Melker KZ-Außenlagers.
  • Foto: Christian Rabl - Zeithistorisches Zentrum Melk
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MELK. Vergangenen Montag besuchte der KZ-Überlebende Jozef Lewkowicz erstmals seit fast 75 Jahren die Melker Birago Kaserne. Fast sieben Monate lang war der aus Polen stammende heute 93-Jährige, der von der SS als "polnischer Jude" kategorisiert wurde, im KZ-Außenlager Melk eingesperrt.

Am 16. August 1944 wurde der 1926 im polnischen Działoszyce geborene Jozef Lewkowicz vom KZ Mauthausen nach Melk überstellt. Er kam gemeinsam mit rund 1.300 weiteren, von der SS als "jüdisch" kategorisierten, Häftlingen hierher, um im Rahmen der Rüstungsvorhaben der Steyr-Daimler-Puch AG in den Roggendorfer Stollen unter dem Wachberg Zwangsarbeit zu verrichten. Lewkowicz war zuvor bereits im Konzentrationslager Płaszów (Polen) inhaftiert gewesen, wo er unter anderem auch von dem berüchtigten österreichischen SS-Mann Amon Göth (bekannt aus dem Film "Schindlers Liste") massiv misshandelt worden war. Nach dem Kriegsende war Lewkowicz an Göths Verhaftung beteiligt, im Jahr 1946 wurde dieser in Krakau vor Gericht gestellt und später hingerichtet. 

Auch in Melk kam Lewkowicz, der damals die Häftlingsnummer 85.314 trug, wiederholt mit dem hiesigen Lagerführer Julius Ludolph in Kontakt. Anlässlich seiner Rückkehr nach Melk erinnerte er sich an eine entscheidende Begegnung zurück: "Immer wenn wir auf dem Appellplatz antreten mussten und Ludolph die Reihen abschritt, standen wir stramm und hofften wir, dass er an uns vorbeigehen würde, ohne uns zu misshandeln. Denn seine Peitsche hatte er immer dabei. Als er einmal direkt vor mir stehen blieb, habe ich gerufen 'Herr Obersturmführer, ich putze ihre Schuhe so blank, dass sie scheinen wie die Sonne.' Ludolph ging weiter und ließ mich später durch einen SS-Mann zu sich rufen. Ab dann musste ich in seinem Privatquartier die Schuhe putzen." Der Vorteil dieser Arbeit war, so Lewkowicz weiter, dass er aus dem Müll in Ludolphs Wohnung einige Essensreste mitnehmen und diese unter den Mithäftlingen verteilen konnte. "Das hat mir und einigen meiner Kameraden das Leben gerettet." Obwohl er der Tätigkeit als "Putz" des Lagerführers viel zu verdanken hatte, erinnert er sich auch um die enorme Brutalität Ludolphs: "Er hat die Häftlinge oft schwer misshandelt oder ganz einfach erschossen, einfach so," wurde Lewkowicz auch selbst Zeuge von brutalen Übergriffen. Lewkowicz, der schließlich anfangs April 1945 von Melk aus mit 500 weiteren Häftlingen zum Bombenräumkommando nach Amstetten überstellt wurde, kehrte nun erstmals seit dieser Zeit wieder auf das ehemalige KZ-Gelände in Melk zurück. Begleitet wurde der inzwischen 93-Jährige von einem israelischen Filmteam rund um Rabbi Naftali Schiff, der sich seit vielen Jahren in der Holocaust-Vermittlungsarbeit engagiert und die NGO "Jewish futures" leitet. Vor Ort wurden die Gruppe rund um Jozef Lewkowicz von Alexander Hauer und Judith Mandlburger seitens des Vereins MERKwürdig willkommen geheißen, der im Auftrag der Gedenkstätte Mauthausen die Betreuung des Melk Memorial übernimmt. Seitens der Biragokaserne Melk waren außerdem Bataillonskommandant Reinhard Koller und Felix Höbarth vertreten und begleiteten Lewkowicz während seines Rundgangs. Die Vorbereitung und die inhaltliche Betreuung des Besuchs übernahm der wissenschaftliche Leiter des Zeithistorischen Zentrums Melk, Christian Rabl.

Im Gespräch mit Reinhard Koller betonte Lewkowicz: "Es ist für mich eine große Freude, heute hier zu sein und ihnen an diesem heute friedvollen Ort davon zu erzählen, was früher hier geschehen ist. Lange Zeit vor ihrer Geburt." Von Melk aus reiste Lewkowicz zunächst zur KZ-Gedenkstätte Mauthausen weiter und besuchte schließlich auch noch die KZ-Gedenkstätte Ebensee, wo er am 6. Mai 1945 die Befreiung durch US-amerikanische Truppen erlebte und später auch dem inzwischen festgenommenen Melker Lagerführer Julius Ludolph wiederbegegnete. Weniger als ein Jahr danach, im März und April 1946 wurde Ludolph im ehemaligen KZ Dachau von den USA gemeinsam mit 60 anderen Männern, die im KZ-Komplex Mauthausen tätig gewesen waren, im Rahmen des ersten Dachauer Mauthausenprozesses vor Gericht gestellt, zum Tod verurteilt und im Mai 1947 in Landsberg am Lech gehängt. Einer der Augenzeugen vor Gericht in Dachau war Jozef Lewkowicz, der festhält: "Mir war es immer wichtig, die Täter aus den Konzentrationslagern vor Gericht zu bringen. Dabei ging es mir aber nie um Rache, sondern um Gerechtigkeit."

Autor:

Melanie Grubner aus Melk

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