25.11.2017, 11:22 Uhr

NEUES ZUM ALTEN EVANGELISCHEN FRIEDHOF IN PELLENDORF

Die Straßenbezeichnung „Im Luthertum“ in der sog. "Amonsiedlung" im Osten Pellendorfs weist auf die evangelische Vergangenheit von Pellendorf, aber auch von Gaweinstal, hin. Die Pellendorfer Chronik berichtet von einem protestantischen Friedhof, der sich in dieser Gegend befunden haben soll. Die Äcker im Umkreis sollen dem protestantischen Prediger von Pellendorf als Unterhalt gedient haben. Soweit der bekannte Teil der Geschichte.
Im Frühjahr 2011 wurden bei einer Begehung der Ackerparzelle 803/2 der Katastralgemeinde Pellendorf in der Flur „Junggebirge-Wiesenseite“ im Südost-Teil derselben ausgeackerte menschliche Gebeine entdeckt.
Durch die Herbstackerung 2011 wurden weitere Knochenteile freigelegt. Insgesamt dürfte es sich um die Überreste von wenigstens zehn Personen beiderlei Geschlechts handeln. Knochenfragmente und einzelne Zähne waren über den gesamten Südost-Teil der Ackerparzelle verstreut. Ein Zusammenhang der Funde mit dem in der Chronik erwähnten evangelischen Friedhof der Reformationszeit ist anzunehmen. Von 1522 bis 1603 waren ein Großteil des heutigen Gaweinstal, nämlich Markt-Gaunersdorf, Wieden-Gaunersdorf und auch Pellendorf von der römisch-katholischen Kirche abgefallen und lutherisch geworden. Aigen-Gaunersdorf verblieb der römisch-katholischen Kirche getreu und schloss sich dem ebenfalls katholisch gebliebenen Pirawarth an. „Im Jahre des Heiles 1603 unter der Regierung des Kaiser Rudolf II. kehrten die Gaunerstorfer in den Schoß der katholischen Kirche zurück“, so die Gaweinstaler Chronik.
Die Teilskelette wurden der Anthropologischen Abteilung des Naturhistorischen Museums Wien, Frau Dr. Maria Teschler-Nicola, zur Bearbeitung übergeben. Mittlerweile liegen die Ergebnisse der anthropologischen Analyse vor. Obwohl die genaue Anzahl der Personen wegen der oftmaligen Störungen durch die landwirtschaftliche Nutzung nicht exakt festgestellt werden konnte, dürften die sterblichen Überreste von zumindest zehn Individuen vorliegen. Die jüngste der bestatteten Personen ist ein etwa fünfjähriges Kind. Keine der Personen ist einen gewaltsamen Tod gestorben. Die traumatischen Veränderungen an den Skeletten der erwachsenen Personen lassen auf körperlich belastende Tätigkeiten zu Lebzeiten rückschließen, so wie diese für die Zeit vor der Technisierung der Landwirtschaft angenommen werde können. Auch Spuren von Mangelernährung lassen sich erkennen. Auffallend war auch, dass (mit Ausnahme von Eisennägeln und Gewandschließen) keine weiteren Gegenstände wie z.B. Kreuze oder Rosenkränze gefunden wurden, was auf die evangelische Tradition der Grablegung schließen lässt. Die Toten scheinen auch nicht in Särgen bestattet worden zu sein, da weder Holzreste noch Verfärbungen nach verrottetem Holz dokumentiert werden konnten. Möglicherweise besteht hier ein Zusammenhang zum Seuchenjahr 1529. Hierüber berichtet die Gaweinstaler Chronik: “Im Türkenjahr durchstrich unser liebes Österreich eine erschreckliche Krankheit, die sogenannte Schweißsucht, die allerorten viele tausend Tote hinterließ.“ Es handelte sich hierbei vermutlich um die Cholera.
Die Auffindungssituation der Skelette unterstützt in Verbindung mit den Daten der Ortschroniken Gaweinstal bzw. Pellendorf die Annahme, dass die hier bestatteten Personen im Zusammenhang mit dem abgekommenen protestantischen Friedhof in Pellendorf zu sehen sind. Da bis dato keine archäologische Grabung resp. Prospektion stattgefunden hat, wird die hier beschriebene Fläche wohl nur einen Teil des einstigen Friedhofs darstellen. Die Kontinuität der Siedlungsgeschichte weist im Übrigen darauf hin, dass Nachkommen der damals Verstorbenen und hier in Pellendorf Bestatteten auch heute noch im Gebiet der Großgemeinde leben. Schon aus diesem Grund sollen die sterblichen Überreste entsprechend pietätvoll behandelt werden. Richard Schober, Bürgermeister der Großgemeinde Gaweinstal, hat sich diesbezüglich für eine Wiederbestattung der Gebeine auf dem Gaweinstaler Ortsfriedhof ausgesprochen.
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