Umweltmediziner Prof. Dr. H-P. Hutter im Interview
Interview mit bekannten Public Health Experten Prof. Dr. H-P. Hutter: "Jetzt wird hektisch Feuer gelöscht"

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Regierung zog sehr spät die Notbremse: LOCKDOWN in ganz Österreich. Regionauteninterview mit Oberarzt Prof. Hans-Peter Hutter von der MedUni Wien zur aktuellen Lage.

Zuvor noch einen kurzen Ausflug in die Vergangenheit, wir erinnern uns: noch vor einigen Wochen, hat die Bundesregierung erste Maßnahmen zur Bekämpfung der immer stetig steigenden Infektionszahlen der Öffentlichkeit preis gegeben: ein 5 Stufen Plan sollte die Krise meistern, Stufe 4 und 5 (ich berichtete) nur dann wenn es gar nicht mehr anders geht.

Dramatische Situation in den Spitälern
Die Ereignisse überschlugen sich aber in der letzten Zeit teilweise dramatisch.
Die Infektionszahlen in Österreich stiegen und stiegen, in Salzburg und Oberösterreich sogar so dramatisch dass die Leichen teilweise in den Gängen der Krankenhäuser abgestellt werden mussten (!).
Die Zahl der Infektionen sieht folgendermaßen aus: (Stand: Dienstag 23.11.2021: 113.933. Quelle: ARGE).
In den letzten beiden Tagen ist die Infektionszahl sogar ganz leicht gesunken um aber wieder gestern (Mittwoch) erneut stark anzusteigen.
Momentan sind vor allem Kinder im Alter von 6 bis 14 Jahren jene Gruppe, die am meisten Infektionen aufweist, Überlegungen eines totalen "Schullockdowns" machen auch gerade die Runde, die Übersicht ist aber - muss man ehrlicher Weise gestehen - kaum mehr gegeben.

Oberösterreich und Salzburg preschten letzte Woche vor
Oberösterreichs Landeshauptmann Thomas Stelzer (ÖVP) preschte letzte Woche hervor und vollzog einen noch nie bisher dagewesenen Schritt: er erklärte für sein Bundesland ab Montag dem 22.11. einen eigenen kompletten Lockdown.
Stelzer in einer Pressekonferenz: "Wir haben sehr, sehr wenig Spielraum. Die Krankenhäuser sind heillos überlastet, die Infektionszeilen steigen und steigen. Wir müssen die Menschen schützen indem wir einen Lockdown verhängen." sagte der erst wiedergewählte Thomas Stelzer.
Salzburgs Landeshauptmann Wilfried Haslauer (ÖVP) argumentierte ähnlich, auch sein Bundesland vollziehe einen Lockdown: "Egal ob der Bund mitziehe oder nicht", hieß es im Originalton des Salzburger Regierungschefs.

Nun Lockdown für ganz Österreich
In der Nacht von Donnerstag auf Freitag war es dann soweit, selten aber doch fand die Landeshauptleutekonferenz gemeinsam mit Bundeskanzler Alexander Schallenberg (ÖVP) am Donnerstag Abend am Tiroler Achensee statt (gemeinsam mit Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein der schon immer für eine einheitliche Lockdown Lösung war), man einigte sich nach langen intensiven Verhandlungen bis 2 Uhr morgen auf einen LOCKDWON für ganz Österreich der am Freitag um ca. 10.10 Uhr der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

Paukenschlag: Österreich erstes Land mit Impflicht in der EU ab 2022

Paukenschlag: der Bundeskanzler verkündete für Österreich eine Impfpflicht, damit ist unser Land das in der EU mit einer Impfpflicht, diese soll ab Februar 2022 von statten gehen. Details werden hier sicherlich noch genannt werden.

Für Verfassungsexperten, wie z.B. dem Verfassungsrechtsexperte der UNI Salzburg Benjamin Kneihs, aber ist diese Lösung rechtlich möglich, hieß es in der ZiB2 bei Armin Wolf am 23.11. in ORF2.

Der Ablauf des nun 4. Lockdowns ist mittlerweile hinlänglich bekannt - es gibt nur mehr sehr wenige Gründe das Haus bzw. die Wohnung verlassen zu dürfen, unter anderem nur für den Weg zur Arbeit, zum einkaufen von Lebensmitteln, zur Bewegung in der frischen Luft. Ebenso sind Wege zur Apotheke, zum Arzt und dringende Gänge zur Behörde erlaubt.

Die Lage ist kritisch, Grund genug für Philipp Steinriegler den renommierten Umweltmediziner Prof. Hans-Peter Hutter von der MedUNI Wien im exklusiven Bezirksblatt Regionauten Interview zur aktuellen Lage zu befragen.

OA. Assoz. Prof. DI Dr. Hans Peter Hutter ist stv. Leiter des Departments für Umwelthygiene und Umweltmedizin am Zentrum für Public Health der MedUni Wien und einer breiten Öffentlichkeit aus diversen TV- und Radiomedien bekannt.

Im Interview erklärt der Umweltmediziner folgendes:

**** Das Interview mit Dr. Hans-Peter Hutter ****

Steinriegler(St): Grüß Gott Herr Prof. Hutter, danke für Ihre Zeit in diesen Zeiten.

Hans-Peter Hutter (HPH): Gerne, Herr Steinriegler.

St.:
Herr Professor, der nächste Lockdown ist seit Montag in Kraft, ist dieser Lockdown nicht zu spät?

HPH.:
Leider agieren hier alle Beteiligten - egal ob Bevölkerung oder Politik - lieber reaktiv als proaktiv und vorsorglich. Hätten wir Vorsorge ernsthaft betrieben, wäre dieser Lockdown ohne weiteres vermeidbar gewesen. Es ist leider ein Armutszeugnis für uns.

St.:
Wo stehen wir jetzt gerade in der Krise Herr Professor?

HPH.:
Erstens: Wir haben sehr hohe Fallzahlen, und die Spitäler füllen sich. Zweitens: Hätten wir keine Impfung, würden wir noch viel schlechter dastehen, es gäbe viel mehr Spitalsaufnahmen und Todesfälle. Unser Gesundheitssystem wäre praktisch am Zusammenbrechen.

St.: Welche Meinung haben Sie zur Impfpflicht, hätte man diese nicht schon längst durchführen müssen oder ist es eine zu drastische Maßnahme, da eine Impfentscheidung jedem Bürger selbst vorbehalten werden sollte?

HPH.:
Ich war nie Freund einer generellen Covid19 Impfpflicht und zwar aufgrund der möglichen neg. Folgen für das gesamte Impfwesen. Speziell da ich an die Vernunft der Menschen geglaubt habe, und dass sie nach den schmerzhaften Einschnitten, die uns allen durch die Pandemie abverlangt wurden, dieser wichtigen medizinischen Errungenschaft weitgehend positiv gegenüberstehen. Darin habe ich mich doch getäuscht, wie sich das jetzt auch in öffentlichen Kundgebungen und sozialen Medien und in der leider zu geringen Impfrate wiederspiegelt.

Daher gilt es nun verschiedene Maßnahmen miteinander/gegeneinander abzuwiegen, beispielsweise Impfungen gegen einen Lockdown.

Wissenschaftliche Evidenz zur Wirksamkeit in dieser Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie liegt in deutlich größerem Umfang für die Impfung vor. Daher ist eine Impfpflicht auch angesichts der negativen psychosozialen und ökonomischen. Begleiterscheinungen des Lockdowns auch zu vertreten.

St.:
Wie kann man dieses mittlerweile leider sehr gespaltene Land Ihrer Meinung nach vereinen? Damit meine ich, welche Argumente kann man Impfgegner liefern sich doch noch anders zu entscheiden?

HPH.:
Damit bin ich ehrlicherweise überfragt. Aus meiner Erfahrung ist ein kategorischer Impfgegner überhaupt nicht mehr zu überzeugen. Man muss sich eher der Frage widmen, was kann ich tun, damit die Gruppe der Impfgegner nicht grösser wird. Jene, die doch noch „empfänglich“ für Aufklärung sind, gilt es mit sachlicher Aufklärung, Anreizen und niederschwelligsten Impfangeboten zu erreichen.

St.:
Wie sollen Geimpfte mit der aktuellen Situation umgehen? Hier wird sehr viel verlangt, erst hieß es lang und breit dass Geimpfte „frei“ wären, nun sind sie selber in einem Lockdown?

HPH.:
Es ist überhaupt keine Frage dass sich viele Geimpfte „gefrotzelt“ fühlen, denn es gibt jetzt Einschränkungen auch für sie, die durch die Mitarbeit und Solidarität einer kleineren Gruppe verhinderbar gewesen wären.

Aus epidemiologischer Sicht ist es aber klar, dass wir alle in einem Boot sitzen. Es ist im Sinne und Interesse aller, unser Gesundheitssystem und die darin arbeitenden Menschen zu schützen, damit jeder von uns, falls notwendig, weiterhin die bestmögliche medizinische Versorgung erhält. Daher braucht es hier einen kühlen Kopf und freiwillige Bereitschaft einen sorgsamen Umgang mit jenen Kontakten zu pflegen, die man noch eingeht.

Aber fragen Sie mich nicht, wie es Menschen geh, die auf Intensivstationen gerade bis zur absoluten Erschöpfung arbeiten, die täglich selber sehen, was diese Erkrankung speziell bei Ungeimpften Personen zur Folge hat und zugleich auch noch beschimpft werden von jenen, die letztendlich auch in ihre Betreuungsobhut fallen können.

Das Maß der Empathiebefreitheit von Vielen aus dieser im Moment sehr lauten Gruppe lässt mich ehrlich gesagt schon manchmal zweifeln – auch etwa hinsichtlich der Klimakrise, für deren Bewältigung wir auf Solidarität und Zusammenhalt in der Gesellschaft angewiesen sind.

St.:
Gibt es Berechnungsmodelle wie lange uns diese Krise noch im Griff haben wird? Wie sind Ihre Aussichten für die Zukunft?

HPH.:
Das hängt davon ab, wie die Bereitwilligkeit der Bevölkerung ist, die diese Maßnahmen mitzutragen haben; nämlich die Impflücke schließen und die 3. Teilimpfung annehmen sowie bei Kontakten vorsichtiger zu sein. Wenn das gelingt, sind die Aussichten natürlich sehr gut, denn es mangelt ja nicht daran, dass wir nicht wissen was wir zu tun haben, sondern es mangelt an der Umsetzung.
Das kann man sehr gut an jenen Ländern sehen, die eine hohe Durchimpfungsrate haben und sich weniger den Kopf zerbrechen, ob sie nun einen mRNA Imfpstoff oder einen Totimpfstoff bevorzugen. Hier zeigt sich das Luxusniveau, auf dem sich unsere Gesellschaft befindet.

St.: Wie oft glauben Sie wird man Auffrischungsimpfungen pro Jahr benötigen?

HPH.:
Nach der 3.Teilimpfung erwarten wir - basierend auf den Kenntnissen und Erfahrungen mit den 3 teiligen Impfungen - eine deutlich längere Wirksamkeit des Schutzes. Zukünftig ist wohl damit zu rechnen, dass es ähnlich wie bei Influenza, eine einmalige Impfung pro Jahr geben wird.

St.:
Wie gestaltet sich Ihr Arbeitsumfeld? Inwieweit ist die MedUni Wien, Ihre Abteilung etc. in die Beratungen der Landesregierung bzw. der Bundesregierung eingeschlossen?

HPH.:
Es ist überhaupt keine Frage, meine Arbeit ist sehr intensiv und herausfordernd, egal ob es sich um Daten-Analysen und um deren Bewertung handelt, oder ob es tagesaktuelle Fragen zur Erörterung und Beantwortung gibt, entweder aus der Administration oder aus der Politik. Das gilt auch für meine Kolleg*innen an der MedUni.

Das einzige, was hier wirklich zu beklagen ist, sind die Nachrichten und Inhalte z.B. per Email, die nicht nur ahnungslos, sondern teilweise auch aggressiv und respektlos sind. Das soll aber kein "Jammern“ sein, denn immerhin habe ich einen Job und wurde nicht wie viele andere arbeitslos. Ich nehme meine Aufgaben sehr ernst, habe ja auch lange studiert. Ich arbeite wirklich sehr gerne und sehe das auch als Privileg.

St.:
Danke Herr Prof. für das Gespräch, ich wünsche Ihnen alles Gute und bis bald wieder einmal.

HPH.:
Danke Herr Steinriegler, auch Ihnen auch alles Gute. Bleiben sie weiterhin so gesund und munter.

Quellenangaben/Fotos/Linkhinweise:
+ Fotos: Pixabay,  Steinriegler, DUJMIC, 
+ Recherchen: eigene Recherche Regionaut, das Interview wurde per Telefon geführt. Danke an H.P.H für seine Zeit

Was könnte Sie noch interessieren?
AGES Gesundheitsagentur
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+ Interviews auf YouTube von Hutter-Steinriegler aus dem Jahr 2019 und 2020, klicken Sie HIER
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