Als ich mit dem Schienenersatzverkehr zum Dorfwirtn fuhr.

Eine Erzählung aus der hochsteirischen Waldheimat.

„Weisst,“ meinte ich neulich zu meinem Eheweib sobald die große Hitze vorbei war und d Sun a nimma so deimi blegazte, „am Sonntag sollten wir wieder einmal beim Dorfwirtn essen. Du kennst ja das Gutscheinheft mit dem man bei 62 Dorfwirten im ganzen Land 2x essen und 1x zahlen kann. Im heurigen Jahr haben wir ja erst 3 Gutscheine verbraucht. Weisst eh, beim Edlacherhof fast vor der Haustüre, und dann noch in Spital und in Hönigsberg, wo man auch zu Fuß hinkommt. Weil wir halt nicht so gern auf vier Rädern zum Wirtn unterwegs sind. Aber zu den anderen 59 Wirten kommst du schwer zu Fuß. Und wenn du hinfahren willst, da musst du schon verflixt gut rechnen, damit du nicht mehr für die Fahrt zahlst, als du dir beim Essen ersparst. Da is es gscheit, beim Wirten dann abzusteigen, wenn du sowieso grad in der Gegend bist.“

Also sprach ich zu meinem Eheweib und klickte sodann auf BusBahnBim, wo derzeit ein Freizeit-Ticket
angeboten wird. „Schau dir das an! Mit nur 13 Euro, mit denen du mit dem Taxi bestenfalls ins übernächste Dorf kommst, kannst du den ganzen Sonntag lang in der ganzen Steiermark unterwegs sein, mit städtischen Verkehrsmitteln, Regionalbussen und Nahverkehrszügen, kannst Hunderte in der Freizeit-Datenbank angeführte Freizeitziele ansteuern, und kannst vielleicht gleichzeitig auch bei einen Dorfwirtn vorbeischaun. Soll ich einmal in den Fahrplänen nachschauen?“

Als mein Eheweib zustimmte, machte ich mich auf die Suche und kam alsbald ins Schwitzen. Denn ich musste entdecken, was ich eigentlich hätte wissen sollen: dass an Sonntagen nur halb so viele Nahverkehrszüge verkehren und fast gar keine Regionalbusse. Nach längerer Suche entschieden wir uns für das Freilichtmuseum Stübing als Ziel unseres Sonntagsausfluges. Mit einem halbstündigen Fußmarsch kann man es von einer Bahnstation erreichen, in deren Nähe man auch einen Dorfwirten findet.

Weil mein Weib zweimal in der Woche in Kindberg zu tun hat und das mit dem Zug erledigt, wusste ich natürlich, dass der Mürzer Bahnhof seit einigen Tagen wieder von der Vorderseite zugänglich ist. Und wusste auch, dass es wegen anderer Bauarbeiten einige Wochen lang einen Schienenersatzverkehr bis Krieglach gibt, und dass man 12 Minuten vor der fahrplanmäßigen Zugabfahrt vor dem Bahnhofvordereingang sein muss, wenn man diesen Bus erwischen will. Wer das nicht weiß und zu spät kommt, muss am Sonntag zwei Stunden auf den nächsten Schienenersatzverkehr warten.

Mein Weib und ich waren am Sonntag jedenfalls sehr früh zur Stelle, weil ich auch sehen wollte, wie der Bahnhof jetzt ausschaut, seit man ihn wieder von der Vorderseite betreten darf. Aber in der Kassenhalle hat man noch nicht viel verändert. Nur der Fahrscheinautomat steht jetzt in einem anderen Eck. Selbigen suchte ich sogleich auf, um unser Ticket auszudrucken. Als überzeugter Bahnfahrer war ich mit dem Geräte halbwegs vertraut und war gelegentlich schon Leuten unterschiedlichen Alters behilflich gewesen, die mit diesem Zeugs weniger gut zurecht kamen. Ich tippte natürlich sogleich auf das rot hervorgehobene Sommerticket, aber bald merkte ich, das konnte es nicht sein. Also machte ich einen Neustart. Nun versuchte ich es mit dem Einfach-Raus-Ticket, aber auch das führte mich in die Sackgasse. Also ein neuer Neustart! Vielleicht versteckte sich das Gesuchte hinter „Andere Fahrkarte“? Nein, auch da war es nicht zu finden! Schließlich entdeckte ich noch ein Feld, wo zuerst von SchülerInnen, Lehrlingen und Radlern die Rede war, ehe ein Freizeit-Ticket erwähnt wurde. Ich versuchte es, und siehe da, nach drei weiteren Seiten gelangte ich zu unserem Ticket um 13 Euro! Die klein gedruckte Anmerkung „Später selbst entwerten“ beachtete ich nicht. Denn von den 24-Stunden-Karten war ich es gewohnt, dass ich beim Ausdrucken vor Fahrtantritt nichts mehr zu ändern brauchte.

Freudig begaben wir uns in den vor dem Bahnhof bereitstehenden Schienenerzatzverkehrsbus. Da kam eine Minute vor der Abfahrt noch ein Ehepaar aus unserer Nachbarschaft angehetzt, das mit dem Freizeitticket einen Sonntagsausflug nach Graz unternehmen wollte. Sie hätten den Bahnhofzugang zuerst von der Hinterseite gesucht, nichts vom Schienenersatzverkehr gewusst, und dann hätte sie es nicht geschafft das gewünschte Ticket im Automaten zu finden, berichtete atemlos die Nachbarin. Der Busfahrer habe ihnen jetzt gesagt, sie sollten es am Krieglacher Bahnhof ausdrucken. Da werde ich dann behilflich sein, weil ich es selber erst seit wenigen Minuten wisse, beruhigte ich die Nachbarsleut.

Und dann kutschierte uns der Schienenersatzverkehrsbus von Mürzzuschlag nach Krieglach. Vor vielen Jahren war diese Strecke ein großer Tonmeister zu Fuß gewandert um einem großen Volkspoeten seine nicht ganz geglückte Aufwartung zu machen. Aber das war noch eine andere Zeit, und wahrscheinlich gab es rings um das vornehme Sommerdomizil des Tonmeisters noch nicht so viele günstige Gratisparkplätze mit Shoppinggelegenheiten.

Vor dem Krieglacher Bahnhof wartete sogar ein Lotse, der den Fahrgästen den Weg zum bereits abfahrtbereiten Regionalzug wies. Ich eilte mit den Nachbarsleuten zum Fahrscheinautomaten am Bahnsteig, während mein Weib unterdessen ein Auge darauf hatte, dass uns der Zug nicht davon fuhr. Ich dankte allen guten Geistern, dass ich mich bereits in der überdachten Mürzer Kassenhalle mit der Prozedur hatte vertraut machen können, denn hier in Krieglach auf dem freien Bahnsteige blegazte d Sun so sehr auf den Monitor des Automaten, dass fast nichts zu sehen war, Kleingedrucktes schon gar nicht. Aber wir schafften es, auch für die Nachbarsleute das 13-€-Freizeitticket zu ergattern. Als wir es später im Zuge stolz dem Schaffner vorwiesen, meinte er, das sei ja gar nicht entwertet. Eigentlich müsse er jetzt eine Strafe kassieren. –

Am folgenden Morgen hörte ich während des Frühstücks im Morgenjournale einen Bericht über die bis zu 2.000 Ticketvarianten der Verkehrsverbünde und der heimischen Bahnunternehmen, und es gab auch Überlegungen, wie man den Betrieb wieder fahrgastfreundlicher gestalten könnte. Da kam es mir in den Sinn, ich sollte eigentlich niederschreiben, wie ich mit dem Schienenersatzverkehr zum Dorfwirtn fuhr.

Autor:

Erwin Holzer aus Mürztal

following

Du möchtest diesem Profil folgen?

Verpasse nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melde Dich an, um neuen Inhalten von Profilen und Bezirken in Deinem persönlichen Feed zu folgen.

Folgen Sie diesem Profil als Erste/r
Die wichtigsten Nachrichten per Push Mitteilung direkt aufs Handy! Jetzt für Deinen Bezirk anmelden!

2 Kommentare

online discussion

Du möchtest kommentieren?

Du möchtest zur Diskussion beitragen? Melde Dich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung einbetten

Abbrechen
add_content

Du möchtest selbst beitragen?

Melde Dich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.