Corona Krise – Auswirkungen auf die Landwirtschaft und Gesellschaft
Hamsterkäufe – leere Regale – Sorgen um Gesundheit und Arbeitsplätze – Chance für die Zukunft mit Umdenken im Kaufverhalten

Bezirksbäuerin in Murau Erika Güttersberger bietet mit ihrer Organisation Kochkurse an.
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Die letzten beiden Wochen waren in Österreich, somit auch in den Bezirken Murau und Murtal, gekennzeichnet von der Corona Krise mit den bekannten Auswirkungen auf das Alltagsleben. Persönliche Kontakte auf das Mindestnotwendige zu reduzieren war die Ansage der Bundesregierung, die wie die Fernsehbilder und auch persönlichen Wahrnehmungen zeigten, weitestgehend eingehalten werden. Viele Bereiche der Wirtschaft und somit Arbeitsplätze hat es hart getroffen. Ein großes Hilfspaket der Bundesregierung soll helfen, halbwegs über die Runden zu kommen, bis die Krise überwunden ist und das Alltagsleben wieder in Schwung kommt.

Wozu Hamsterkäufe und leere Regale?

Diese Frage musste man stellen, wenn immer wieder vom Kanzler Kurz abwärts versichert wurde, die Lebensmittelversorgung ist gesichert. Wir machten einen Blick in die heimische Landwirtschaft, die sicher stellt, dass die Regale mit hochwertigen Lebensmitteln gefüllt sind. Die Landwirtschaft ist in den Bezirken Murau und Murtal mit Sicherheit gut aufgestellt und trägt somit wesentlich zur Lebensmittelsicherheit in beiden Bezirken bei.

Einige Eckdaten:
Der Bezirk Murau weist eine Gesamtfläche von 1.342 km2 auf mit rund 28.000 Einwohnern. 1.220 ha sind Ackerland, 21.150 ha sind Grünland, rund 20.000 ha Almflächen und 80.000 ha Wald werden von gegenwärtig rund 1.800 bäuerlichen Familien als Landwirte bewirtschaftet. Rund 25 % der Betriebe sind Biobetriebe, 35 % der Landwirte betreiben ihre Landwirtschaft im Vollerwerb, die durchschnittliche Betriebsgröße ist 28 Tiere je Betrieb. Rund 100 Landwirte befassen sich mit Direktvermarktung in unterschiedlicher Form. Diese Zahlen waren 2016 aktuell.
Der Bezirk Murtal hat eine Gesamtfläche von 1.675 km2, die Einwohnerzahl 2016 war 73.150. Von den 37.190 ha landw. Nutzfläche sind 19.510 ha Grünland, 6.700 ha Ackerland, 93.940 ha Waldflächen und 19.460 ha Almflächen. Von den 1977 landw. Betriebe sind 969 Vollerwerbsbetriebe. (Stand 2016 lt. BK Murtal). Damals waren 692 Milchlieferanten, die 1080 Rinderhalter hatten zur damaligen Zeit 41.145 Rinder, davon 17.240 Kühe, davon wieder 12.950 Milchkühe in ihren Stallungen. Rund 150 Landwirte befassten sich mit Direktvermarktung, der Anteil an Biobetrieben von 400 im Jahr 2017 dürfte gestiegen sein, so KO Leo Madl.


Das Einkommen der Landwirte

Die Landwirte erzielen den Großteil ihres Einkommens aus der Rinderwirtschaft – Rinderproduktion und deren Verkauf sowie Milchwirtschaft sowie von der Forstwirtschaft. Für die Rindervermarktung bringt sich sehr stark die Rinderzucht Steiermark mit Sitz in Traboch aber die privaten Viehhändler sowie die EZG (Erzeugergemeinschaft Steirisches Rind) ein. Regelmäßig finden wöchentlich ein Nutzrindermarkt in Traboch und Greinbach statt. Letztes Jahr wurden bei der Vermarktung von Nutzrinder (Kälber bis Schlachtrinder) über 21.700 Stück und rund 4.000 Stück Zuchtrinder mit einer Wertschöpfung von 18,3 Mill. Euro erwirtschaftet. Letzte Woche wurde in Traboch mit vielen Auflagen ein Nutzrindermarkt abgehalten. Nach Auskunft der RZ waren 470 Tiere gemeldet, 410 wurden aufgetrieben und 402 zu unterschiedlich zufriedenstellenden Preisen verkauft. Für Obmann Matthias Bischof ist es eine dringende Notwendigkeit für den Viehabsatz von Kälbern aufwärts bis zu den Schlachtrindern zu sorgen, um einerseits den Landwirten diese Einkommensschiene zu sichern, andererseits den Beitrag zur Lebensmittelsicherheit in Form von Fleisch zu bewerkstelligen. Am Dienstag dieser Woche wurde in Greinbach der Markt abgehalten, kommenden Dienstag gibt es diesen wieder in Traboch. Um keine Übertragung des Coronavirus zu ermöglichen dürfen die Landwirte ihre Tiere nur zum Ablageplatz bringen und müssen ohne auszusteigen unmittelbar nach dem Abladen wieder die Heimreise antreten. Matthias Bischof: „Wöchentlich gibt es eine Auftriebszahl von 500 Tieren jeweils in Traboch oder Greinbach. Das sind 2.000 vermarktete Tiere in einem Monat. Aus Sicht der Landwirtschaft und vor allem der Rinderzucht Steiermark wäre ein Rückstau und die damit verbundene Verunsicherung in allen Bereichen, absolut Kontraproduktiv! Auf der einen Seite geht es darum Versorgungketten aufrecht zu erhalten, andererseits aber auch um die Gesundheit unserer bäuerlichen Familien.“ und „alle am Dienstag verkauften Tiere wurden von inländischen Firmen angekauft und verbleiben damit in Österreich. Mastfähige Tiere werden in Österreich weiter gefüttert, schlachtfähige Tiere dienen zur Aufrechterhaltung der Versorgungsketten“, so RZ Obmann Matthias Bischof. Nicht zu unterschätzen ist das Einkommen aus Urlaub am Bauernhof und Direktvermarktung. 


Blick in die Zukunft

Sowie die Wirtschaft mit seinen Mitarbeitern besorgt in die Zukunft nach Ende der jetzigen Krise blickt, gibt es auch im landw. Bereich Überlegungen wie die Landwirtschaft in Zukunft aufgestellt sein kann. Dazu KO Leo Madl (BK Murtal): „Ich denke, es ist längst an der Zeit, dass ein Umdenken innerhalb der Bevölkerung stattfindet. Wir leben in einer Wohlstandsgesellschaft. Uns geht es gut. Wir haben alles und wollen immer noch mehr. Für viele Klimaschützer darf es nur Bio sein. Ganz egal ob der Bio Sojadrink von Brandrodungsflächen in Südamerika stammt und mit dem Schiff um die halbe Welt gereist ist oder nicht. Die kleinen bäuerlichen Familienbetriebe vor Ort sind die Klimasünder, weil sie ja Kühe halten. Dank dieser "Krise" nehmen viele Menschen ihre Umwelt wieder bewusster war, auch die Lebensmittel. Wo kommen sie her, wenn alle Nachbarländer ihre Grenzen dicht machen? Ist es wirklich ok, hochwertige Lebensmittel zu Aktionspreisen zu verschleudern? Die Betriebe unserer Region produzieren die Spezialitäten für den Feinkostladen Steiermark. Regionalität soll wieder an Wertigkeit gewinnen. Und das bedeutet, dass auch der Landwirt, als Urproduzent, seinen fairen Anteil am Produkt benötigt, damit er weiterhin hier in unserem wunderschönen Murtal seinen Betrieb erhalten und seine Familie ernähren kann. Der Handel darf sich nicht auf Kosten der Landwirtschaft bereichern und Lebensmittel dürfen keine Lockartikel mehr sein. Qualität hat ihren Preis. Eine verpflichtende Herkunftskennzeichnung ist ein ganz wichtiger Schritt in die richtige Richtung! Auch hier darf es keine Verwirrspiele für den Konsumenten geben (z.B.: Rot-Weiß-Rote Fahne auf der Verpackung). Diese Kennzeichnung ist aber auch für Gastronomie und „Außer Haus Verzehr“ ganz essentiell. Der Konsument darf ruhig wissen, woher sein Rindfleisch kommt. Vielleicht wird dann so ein Druck zu mehr regionalen Produkten aufgebaut“.


Wertschätzung für die Bäuerinnen

Erika Güttersberger ist Bezirksbäuerin in Murau, sie meint „Diese Krise zeigt uns einmal mehr wie wichtig es ist, unsere regionalen Versorger, sprich unsere Bauern vor Ort, die kleinen Lebensmittelhändler sowie Bauernmärkte, auch in guten Zeiten zu unterstützen, indem wir bei ihnen einkaufen. Nur so können wir sicherstellen, dass sie auch noch in Krisenzeiten da sind. Jetzt erscheint es selbstverständlich, dass die Bauern alles frisch auf den Tisch liefern. Dass dies aber ein tägliches Bemühen 365 Tage im Jahr bedeutet, ist vielen nicht bewusst. An dieser Stelle ein Großes Danke an alle Bäuerinnen und Bauern, die täglich dafür sorgen, dass der Tisch so reich gedeckt werden kann“ und weiter „mit unseren saisonalen und regionalen Produkten können wir eine gute ausgewogene Ernährung sicherstellen. Es muss nicht zu jeder Jahreszeit jedes Obst und Gemüse aus aller Herren Länder verfügbar sein. Unser heimisches Obst und Gemüse liefert viele wertvolle Inhaltstoffe, die keine weite Reise hinter sich haben. Aus einfachen regionalen Lebensmitteln, die in einer noch intakten Umwelt erzeugt wurden, wertvolle Speisen zuzubereiten, das wird immer gefragter sein. Wir von der Bäuerinnen - Organisation bieten immer wieder Koch- und Verarbeitungskurse mit unseren Seminarbäuerinnen an. So können wir „selber kochen“ wieder zum Trend werden lassen und altes und neues Wissen in der Verarbeitung und Vorratshaltung weitergeben und interessant machen. Interessant dazu, wird auch das neue Jahresthema unserer Seminarbäuerinnen. So werden sie von der Landwirtschaftskammer auf das Thema „Hausmannskost“ eingeschult. Diese Hausmannskost-Kochkurse können dann ab Herbst von unseren Seminarbäuerinnen in Gemeinden, mit der erforderlichen Infrastruktur, angeboten werden“.
Es gibt einiges an Verbesserungspotenzial in der Vermarktung meint Erika Güttersberger: Das Angebot der regionalen Lebensmittelproduzenten/Bäuerinnen und Bauern muss sicherlich noch deutlicher sichtbar gemacht werden, um einfach schnell Adressen und Produkte an die Konsumenten weitergeben zu können. Es braucht vielleicht noch mehr Vernetzung aller Branchen, also der Wirtschaft, des Handels sowie der Landwirtschaft, um mehr Verständnis für die Herausforderungen im jeweiligen Bereich zu erreichen. Des Weiteren Informationen zum Beispiel in Schulen, über die Wichtigkeit regionaler Lebensmittelproduzenten gerade in solch herausfordernden Zeiten. Aber eben auch, die Wichtigkeit und das Verständnis zu vermitteln, dass die Gesellschaft die Bäuerinnen und Bauern täglich unterstützen indem sie die Produkte aus der Region kaufen. Nur so können alle zu deren Überleben beitragen.
„Jede Krise ist eine Chance, und das in allen Bereichen! In diesen Tagen ist es deutlich zu spüren, dass die Menschen zusammenrücken, oftmals weniger mehr ist und die Natur sichtlich aufatmet. Nehmen wir diese Erfahrungen mit in den Alltag nach der Krise und helfen wir zusammen, um die Wirtschaft und Landwirtschaft in unserem Land wieder in ein vielleicht etwas ruhigeres Leben zurück zu holen“, das hofft die Murauer Bezirksbäuerin in der aktuellen Krise mit Corona.
Stark gestiegen ist mit den Hamsterkäufen der Bedarf an Milch- und Milchprodukten der OM und auch allen anderen Molkereien, dazu Obmannstv. der OM Matthias Bischof: „Aufgrund der Hamsterkäufe der letzten Tage wurden einerseits um ein Drittel mehr Molkereiprodukte über den Handel verkauft, andererseits führt der Wegfall des Tourismus auch schon zu äußerst marktbelastenden Situationen in einigen Molkereien. Diese Hamsterkäufe waren und sind eine Zerreisprobe für unsere Mitarbeiterschaft. Es ist aber gelungen alle Lieferverpflichtungen einzuhalten, was aber auch für den Fleiß unserer Bäuerinnen und Bauern spricht!“.


Auch Holzmarkt ist unter Druck

Martin Hebenstreit ist Kammerobmann in Murau, er hofft, dass die Rindervermarktung weiterhin so funktioniert, denn im letzten Sommer gab es eine Dürreperiode und somit teilweise Futterknappheit, die bei Stocken des Viehabsatzes verstärkt zu spüren wäre. Sehr groß sind die Auswirkungen auf die Forstwirtschaft, übergroßes Angebot am Holzmarkt auch durch viel Schadholzmengen und Sperre der Holzlieferungen nach Italien, „wir befürchten starke Preiseinbrüche beim Holzverkauf“ so KO Hebenstreit. Zur Lebensmittelsicherheit sagte Martin Hebenstreit am Sonntag: „Was sollte die Gesellschaft aus dieser Krise lernen? Ernährungssouveränität kann man nicht importieren! Die Landwirtschaft ist auch in dieser schweren Zeit stets bemüht die Lebensmittelversorgung sicherzustellen! Probleme könnten sich Aufgrund des Arbeitskräftemangels in der Verarbeitung in Schlachthöfe u.a. ergeben! Ich glaube das es der Gesellschaft bewusst werden sollte, dass die regionalen, heimischen Lebensmittel, die nach strengsten Auflagen (Tierwohl, Hygiene) produziert werden, gegenüber den Importen auch in Zukunft der Vorzug beim Einkauf gegeben wird“ am Schluss unseres Telefonates.
Die Bauernmärkte und Direktvermarkter sind ab Erscheinungstag dieser MURTALER ZEITUNG wieder in gewohnter Weise offen bzw. aktiv, alle verweisen auf die Einhaltung des Mindestabstandes der Kunden von 1 Meter. Dieser Beitrag soll dazu beitragen, den Wert der heimischen Landwirtschaft in allen Lebenslagen für die Bereitstellung von besten heimischen Lebensmitteln für den täglichen Bedarf in unterschiedlicher Ausrichtung der breiten Gesellschaft näher bringen, nicht nur jetzt in einer Zeit der Krise sondern weit darüber hinaus, wenn das Alltagsleben wieder auferstanden ist.

Anita Galler

Autor:

Anita Galler aus Murau

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