03.02.2018, 07:44 Uhr

Christian Haas: Ein Kind der Halbgasse

"Ich verkaufe hier nicht einfach bloß Bücher, sondern vermittle Emotionen“

NEUBAU. Christian Haas hat sein Hobby zum Beruf gemacht. Klingt plakativ - ist aber so. Doch beginnen wir mit der Geschichte einfach ganz von vorne: In den Achtziger Jahren verschlägt es Haas des Studiums wegen nach Wien. Mit seiner späteren Frau bezieht er eine Mietwohnung in der Halbgasse Nr. 19 im 7. Wiener Gemeindebezirk. „Damals war die Gegend weit unten auf der Rangliste, heute steht sie ganz oben und ist zum absoluten „In-Bezirk“ geworden. Schon interessant, oder?“.

Genauso interessant gestaltet sich der weitere Lebensweg des 55 jährigen Oberösterreichers. Nach Abschluss des Studiums und vielen Jahren in unterschiedlichen Büros der Stadt, kehrt er der Architektur den Rücken zu. Wehmut verspürt er keine, „denn sein eigener Herr zu sein, bedeutet schon eine besondere Lebensqualität“. Gleichwohl Haas in Wien beruflich viel herumgekommen ist, die Halbgasse hat den ehemaligen Architekten nicht mehr losgelassen. So lebt er heute mit seiner Familie immer noch im selben Haus, während sich schräg gegenüber sein Geschäftslokal befindet. Mit der Architektur hat seine Tätigkeit in der Erdgeschosswohnung des kleinen Biedermeierhäuschens allerdings nichts zu tun. Herr Haas betreibt dort seines Wissens das einzige Kinderbuchantiquariat Österreichs und hat sich sein eigenes, kleines Reich für Kinderliteratur erschaffen.

Die ersten Bücher sammelt Haas für seine beiden Töchter. „Irgendwie haben wir dann über die Stränge geschlagen“, und auf einmal wurde die Wohnung für eine Familie und 16.000 Bücher doch zu knapp. Haas macht sich auf die Suche nach einer geeigneten Lokalität und wie es der Zufall so will wird er bloß einen Steinwurf von seinem Eigenheim entfernt fündig. In der Halbgasse Nr. 28. Zunächst öffnet er viermal im Monat seine Tore - frei nach dem Motto „von Eltern für Eltern“. Das Geschäft funktioniert auf Anhieb gut, „sodass ich dann schließlich gekündigt hab’ und regelmäßige Öffnungszeiten einführte“.

Zwölf Jahre später zählt die Sammlung über 40.000 Exemplare. In Zukunft soll der Bestand jedoch verringert werden, schließlich „gestaltet sich die Nachfrage jedes Jahr sehr unterschiedlich“. Denn jede Generation hat ihre eigenen Helden und „ein Buch, das vor 10 Jahren gut ging, liegt nun einsam auf Lager“. Zwar hat Haas viele Stammkunden, doch gerade während der Hauptgeschäftszeit zu Weihnachten wechselt die Bandbreite der Kinderbuchliebhaber stark. Auffallend ist aber, „dass die meisten Menschen im Alter von 50 offensichtlich beginnen ihre Kindheit zu reflektieren und dann eben irgendwann hier bei mir landen“, schmunzelt Haas. Die Hauptkundschaft bilden aber trotzdem Eltern mit Kindern und Sammler, „wobei die immer weniger werden“. Das Buch für sich und das Ritual des Vorlesens wird seiner Ansicht nach trotz Digitalisierung immer seinen Platz in der Gesellschaft finden.

Haas ist ein wandelndes Lexikon der deutschsprachigen Kinderbuchliteratur. Während unseres Gesprächs betritt ein älterer Herr das Lokal und erkundigt sich nach der Ausgabe seiner Kindheit von Mira Lobes „Insu-pu“. Auf Anhieb geht Haas die unterschiedlichen Ausgaben nach Jahreszahl und Auflage vor seinem geistigen Auge durch und verschwindet im Lager, um nur kurze Zeit später mit dem richtigen Exemplar in den Händen wiederaufzutauchen. Spätestens jetzt wird klar, warum Haas auf eine Homepage mit Datenbank und Suchfunktion verzichtet, denn: Er selbst ist die Suchmaschine ad personam. Christian Haas hat seine Leidenschaft zum Beruf gemacht. Klingt kitschig – ist es auch, aber das ist auch gut so.
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renate krska aus Neubau | 03.02.2018 | 16:26   Melden
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