Industrieviertel
Geh hin, wo der Pfeffer wächst – Teil II

Geh hin, wo der Pfeffer wächst schrieb Erika Hager.
  • Geh hin, wo der Pfeffer wächst schrieb Erika Hager.
  • Foto: Verlag Bibliothek Provinz
  • hochgeladen von Thomas Santrucek

INDUSTRIEVIERTEL. Fortsetzungsroman: Mit der Buchverkauf wird das Projekt "AIDS-Waisenkinder in Theni", Indien, unterstützt.

Geh hin, wo der Pfeffer wächst schrieb Erika Hager.
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Wir dürfen in dem Meditationsraum, der von Butterlichtern etwas erhellt ist, den Mönchen bei ihren Gebeten, den Mantras, lauschen. Gesättigt sind wir vom ranzigen, salzigen Yak Buttertee, denn sobald wir nur einen Schluck nehmen, wird der Becher wieder gefüllt. Bevor wir uns im Hof von einigen Mönchen verabschieden, entdeckt einer von ihnen meine wollene Pumphose, die Traudl, eine Freundin aus dem Waldviertel, für mich genäht hat, damit ich in der Bekleidung den einheimischen Frauen ähnlich sehen würde. Der Mönch möchte sie für sein Mönchsgewand tauschen, das aber so schmierig und fett ist, dass die dunkle weinrote Farbe sich in glänzendes Schwarz verwandelt hat. Ich nehme an, er arbeitet in der Küche. Sogar wenn ich ein Krischna-Anhänger gewesen wäre, hätte ich auf dieses Kleidungsstück verzichten können.

Es schneit

Am folgenden Tag wandern wir von Jumbesi nach Tsakenda, und am Pass beginnt es zu schneien. Jetzt erkenne ich, dass die Steinanhäufungen auf diesen Höhen, denen Vorüberziehende einen Stein hinzufügen, nicht nur ein spirituelles Symbol darstellen, sondern als Wegmarkierung einen ganz praktischen Zweck erfüllen. Es schneit Tag und Nacht. In der zweiten Nacht müssen die unter der Schneelast eingebrochenen Zelte abgebaut werden, am Boden kauernd ersehnen wir den Sonnenaufgang. Nicht allzu weit entfernt entdecken wir eine geräumige Lodge, wo wir Zuflucht finden und auf ruhiges Wetter warten.
Am Morgen des 29. Dezember 1984 strahlt die Sonne auf eine prachtvolle, tief verschneite Hochgebirgslandschaft, in der keine Spur eines Weges mehr erkennbar ist. Diese Momente und diese Ausblicke meißeln sich ins Gedächtnis ein, ohne sie in Fotografien festhalten zu müssen. Es bedarf einiger Überredungskunst und Rupien, um die Träger zum Weitergehen zu bewegen. Von diesem Tag an sind keine winzigen Flugzeuge von und nach Lukla mehr zu sehen. In der Zeit vor den Handys sind wir auf das Beobachten angewiesen, da es auf dem Land keine anderen Wege zur Übermittlung von Nachrichten gibt. Ohne Strom kein Fernsehen, ohne Alphabetisierung kein Zeitunglesen.
Das Gehen in Schnee und Eis ist beschwerlich geworden. Frostig sind die Nächte im Zelt, sogar in einem Daunenschlafsack. Jetzt kauern alle fünf Träger und der Sherpa beisammen unter großen Decken, um sich gegenseitig zu wärmen. Die Handtücher gefrieren sofort nach der Morgenwäsche. Der mächtige Fluss Dudh Khosi begleitet uns. Wir schaffen es über Jorsale bis Namche Bazaar auf eine Höhe von etwa 3.600 m.

Blick zum Mt. Everest

Beim Aufstieg dorthin weitet sich der Horizont und gibt den ersten Blick frei auf Sagamartha, Chomlungma, wie die Nepali und Tibeter den Mt. Everest benennen. Und endlich erscheint auch Ama Dablam, vielleicht der schönste Gipfel im Himalaya Massiv. Der gewaltige und erhabene Eindruck dieser Berglandschaft und die Ausgesetztheit des Menschen in dieser überragenden und gefahrvollen Natur hat in den Bewohnern ein großes Gefühl von Ehrfurcht erzeugt. Eine tiefe Spiritualität ist überall spürbar.
Unsere letzte gemeinsame Station ist das Kloster Thyangboche auf etwa 4.200 m. Ein guter Ort um einzukehren, bevor wir uns weiter wagen in jene Höhen, die der Sitz der Götter sind, wie die Bewohner annehmen. Der Weg windet sich den Berghang hinauf, Yakherden ziehen an uns vorbei. Es ist klug, diesen lebensnotwendigen Lasttieren auszuweichen, denn 
sie behaupten ihren Vorrang auf diesen Pfaden. Nun liegen im vollen Umkreis die Wellen der höchsten Berge der Welt um uns, die Wolken jagen über sie, im Sonnenuntergang erglüht die Welt − es ist ein vollkommener Augenblick.
Es ist auch ein guter Ort, um dankbar zu sein für den Reichtum dieser Erde und umzukehren. Am Abend wird entschieden, ob die Gruppe auf den Flug von Lukla nach Kathmandu warten wird, bis die Schneeverhältnisse es erlauben zu fliegen, oder ob wir gemeinsam die Strecke wieder zurückgehen. Fast alle in der Gruppe kommen aus Neuseeland und Australien und haben »Sommerferien«, nur Rodolfo aus Italien und ich müssen so bald wie möglich nach Europa zurückkehren.
Also gehen wir zwei, von Kevi Rai geführt und begleitet, die Strecke in acht Tagesmärschen zurück nach Jiri. Um meinen Flug in Kathmandu zu erreichen, müssen wir täglich eine vorgeschriebene Strecke einhalten. Jetzt sind wir angewiesen auf die Herbergen, die Lodges, für Nächtigungen und Mahlzeiten. Die Herberge in Jorsale ist dunkel, man sieht den Schmutz nicht und es ist stark verraucht vom offenen Feuer. Aber wir schlafen gut auf der gemeinsamen Pritsche. Der Pfad führt weiter am mächtigen Dudh Khosi entlang, Nepalis tragen Lebensmittel und Holz in vollen Körben an uns vorbei.

Seltene Vertrautheit

Während einer Mittagsrast nähern sich zwei weibliche Wesen, gekleidet in ziemlich zerschlissenem Gewand. Das Mädchen ist neugierig, kommt zu uns und kostet ein Chapati, eine Brotflade, die Großmutter verweilt in sicherer Distanz, mit dem Blick auf uns gerichtet. Dann verschwinden sie so lautlos wie sie gekommen sind. In dieser stillen Begegnung verspüre ich eine unausgesprochene und seltene Vertrautheit mit den Menschen dieser Gegend.

Ein Auf und Ab

Es ist kein direkter Abstieg, sondern immer wieder ein Auf und Ab, vom eisigen Pass hinunter in grüne Täler. Über einen reißenden Fluss spannt sich eine nicht mehr ganz vollständige Hängebrücke, dort und da fehlt ein Brett. An der seitlichen Begrenzung sind Gebetsfahnen aufgefädelt, die für Kevi Rai wahrscheinlich eine gewisse Zuversicht bedeuten, für die skeptischen­ Europäer­ eher nicht.

Zur Sache
Geh hin, wo der Pfeffer wächst
Reisenotizen aus Nepal und Indien | A travelogue from Nepal and India
Erika Hager
ISBN: 978-3-99028-491-9
19 x 12 cm, 174 S
€ 18

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