28.10.2016, 17:53 Uhr

Kittsee im Jahr 1958 - Die "wilde" und die "sanfte"

Als die Waschmaschinen "laufen" lernten wohnten wir auf dem Land ohne jeglichen Komfort wie Wasserleitung etc. Ein Pumpbrunnen im Hof und ein Stromanschluß waren unsere gesamte Technik. Ein fortschrittlicher Elektromeister in unserem Ort hatte die Idee einen Verleih von Waschmaschinen aufzuziehen. Viele Einwohner waren skeptisch und blieben bei Waschtrog und Bürste. Meine Mutter wollte der Sache etwas näher treten und eines Tages brachte mein Vater eine Leihmaschine mit nach Hause. Man konnte sie tageweise mieten und einem Probelauf stand nun nichts mehr im Weg. Es war Sommer und sie wurde im Hof aufgestellt. Da sie über keine Heizung verfügte musste man heißes Wasser in die Maschine füllen. Der Abflußschlauch wurde in den Rasen gelegt, denn einen Kanalanschluß gab es nicht. Nun konnte das Abenteuer beginnen. Meine Mutter stopfte die Maschine mit Wäsche voll, Waschpulver kam dazu und auf Knopfdruck ging das Ding los. Und wie es losging, ein pulsierendes Rad am Boden der Maschine bewegte sich rasend schnell und im Nu war die Wäsche zu einem Klumpen zusammengedreht und es ging gar nichts mehr. Meine sonst sehr wortgewandte Mutter brachte nur die Worte "so eine wilde" hervor. Enttäuscht vom Ergebnis war nun wieder der Waschtag mit Trog, Rumpel, Bürste und Seife angesagt.
Meinen Vater tat meine so vom Fortschritt enttäuschte Mutter leid und er holte heimlich Erkundigungen bezüglich Weiterentwicklung der am Markt befindlichen Modelle ein. Da gab es doch tatsächlich eine Waschmaschine mit Heizung und einen Waschflügel der die Wäsche sanft hin und her bewegte. Allein vom Aussehen her war sie schon ein stattliches Ding, hatte einen Schaltknopf zum Ein- und Ausschalten und ein Betriebsauge das rot aufleuchtete. Meine Mutter war entzückt und freudig rief sie "so eine sanfte". Von nun an flatterte blütenweiße Wäsche an der Leine und die Nachbarinnen blickten neidisch über den Zaun. Es kam vor dass meine Mutter an ihren Waschtagen mehr Besuch hatte als zu den Feiertagen. Bei Kuchen und Kaffee saß man rund um das "gute Stück" und bewunderte meine Mutter wie professionell sie mit der "sanften" umging.
Viele Jahre danach zogen meine Eltern in die Stadt und die "sanfte" landete in meinem Haushalt. Unermüdlich wusch sie die Windeln meiner beiden Töchter. Doch eines Tages gab sie ihren Geist auf.
Die "wilde" und die "sanfte" gibt es heute in vollelektronischer Ausführung, doch die "sanfte" hat sich ihrer Qualität entsprechend einen exklusiven Platz am Markt erobert und bewegt sich weiterhin stolz in gehobener Preisklasse.
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