Fortsetzungsroman
Mühlstraßenbande: Teil 10

Spannende Geschichten von Franz Strasser
  • Spannende Geschichten von Franz Strasser
  • Foto: Verlag Bibliothek d. Provinz
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Fortsetzungsroman: Franz Strasser erzählt in "Die Mühlstraßenbande" von seiner Kindheit nach dem Krieg.

...Unsere Kleidung, vor allen Dingen mein neuer Anzug, waren völlig nass. Aber auch solche Probleme waren für uns nicht von großer Bedeutung. Es wurde auf der Sandbank, die sich auf der anderen Uferseite befand, ein Feuer angeheizt, um so die Kleidungsstücke wieder zu trocknen. In der Zwischenzeit rannten wir in unseren Unterhosen herum. Ihr könnt euch ja denken, wie der Anzug nach dem Trocknen ausgesehen hat.
Als ich heimkam, erzählte ich alles meiner Großmutter, doch die sagte nur ruhig und gelassen: »Franzl, das kriegen wir schon alles wieder hin.« Obwohl ich wirklich sehr viel Unsinn machte, habe ich nie ein böses Wort von ihr gehört. Auch Schläge habe ich nie bekommen, obwohl ich es manchmal sicher verdient hätte.
Doch all unsere Mühen und Blessuren hatten sich gelohnt. Mit unserer neuen Errungenschaft waren wir seetüchtig und ließen uns lange Strecken auf den umliegenden Gewässern treiben, wobei uns so mancher neidvoll hinterher schaute.

Besondere Kunst des Fischens

Mein Vater war schon immer ein Meister des Fischens. Wo immer er sich einem sauberen Gewässer näherte, in dem sich Forellen tummelten, stand er wie angewurzelt da und ließ die Augen nicht mehr von den Fischen: »Schaut’s Kinder, da steht schon wieder eine Große«, meldete er dann voller Begeisterung. Meist hatte er trockenes Brot dabei, um die Forellen zu füttern, die dann auch immer in Scharen auftauchten und gierig zuschnappten.
So gingen wir bei einer Wanderung wieder einmal an einem klaren Bach entlang, in dem wir immer wieder die schönsten und dicksten Forellen beobachten konnten. Nach einer Weile schaute uns unser Vater an und meinte: »Jetzt will ich euch mal etwas zeigen.« Er zog sich seine Wanderschuhe und Kniestrümpfe aus, streifte seine Hosenbeine nach oben und ging vorsichtig ins Wasser. »Schaut’s euch einmal genau an, wie wir Buben früher Fische gefangen haben«, flüsterte er und blieb dabei ruhig im Wasser stehen und beobachtete das Treiben der Fische. Doch mit einem Mal schnellte er mit seinen Händen ins Wasser und ehe wir uns versahen, hatte er eine mächtige Forelle in der Hand. Wir trauten kaum unseren Augen, aber tatsächlich zappelte ein Fisch in den Händen meines Vaters. Er ließ ihn aber sofort wieder los, da man ja nicht einfach in öffentlichen Gewässern fischen durfte – unsere aufrichtige Bewunderung war ihm jedoch gewiss. Wir konnten gar nicht fassen, wie flink unser doch eher stabil gebauter Vater war. Erstaunt fragte mein Bruder bloß: »Papa, wie hast du das nur gemacht?«, und wollte der Sache genau auf den Grund gehen. Schnell zog er sich Schuhe und Socken aus und sprang in den Bach. Ich folgte seinem Beispiel, und da standen wir nun und hielten Ausschau nach ein paar akzeptablen Forellen.
Nachdem wir lange genug ruhig im Wasser verharrten, ¬tummelten sich auch einige Fische um unsere Beine, sodass wir nur noch zulangen brauchten, um eine Jagdtrophäe in den Händen zu halten. Alsdann schnellten die Hände meines Bruders ins Wasser, wobei er sein Gleichgewicht verlor, nach hinten kippte und mich, ehe ich mich versah, mit ins kühle Nass riss. Ich schrie, mein Vater lachte, und mein Bruder, der hielt tatsächlich eine dicke Forelle in der Hand. Natürlich ließ er den glitschigen Fang gleich wieder los und wir verließen triefend unser Jagdrevier.
Schnell legten wir unsere Kleidung zum Trocknen auf die nahe Wiese, und unser Vater beschrieb uns eine weitere, äußerst diffizile Technik des Fischefangens, die nicht nur Geschick und Fingerspitzen¬gefühl erforderte.

Die Handgranate

Es war im Mai 1945, der Zweite Weltkrieg neigte sich seinem Ende zu. Die geschlagene Ost-Armee zeigte schon starke Auflösungserscheinungen und die Soldaten versuchten, in den Westen, in die amerikanische Gefangenschaft, zu gelangen oder dort irgendwo unterzutauchen. Viele ließen ihre Waffen – vor allem die schweren Panzer, Lastkraftwagen, Kettenfahrzeuge und Kanonen – einfach am Straßenrand liegen. Auch Maschinengewehre, Maschinenpistolen, Handgranaten und andere Waffen lagen überall herum. So waren unter anderem mehrere Panzer mit gesprengten Ketten auf der damali¬gen Nusserwiese an der Weyrerstraße, einer Wiese gleich nach dem Bammer-Hammer, abgestellt. Der Bammer-Hammer war ein Gebäude, in dem Sensen und Sicheln hergestellt wurden. Ein Wehr staute das Wasser des nebenan verlaufenden Schwarzbaches für den Antrieb der Hämmer. Vom Wehr führte eine schmale Landstraße zur Weyrerstraße. So war es für uns Buben ein Leichtes, an Waffen und Munition heranzukommen. Meiner Großmutter durfte ich natürlich nichts von unseren Kenntnissen erzählen, sie hätte sich dann wieder zu sehr um mich gesorgt.
An einem warmen, sonnigen Maitag, kurz nach dem Mittagessen, vernahm ich, wie so oft um diese Uhrzeit, das leise Pochen von kleinen Kieselsteinchen an unserem Küchenfenster. Es war der Tschiegerl, der mich zum Spielen herausholen wollte. Schnell schlüpfte ich in meine Schuhe, schnürte die Bänder halbherzig zu und rannte mit einem flüchtigen »Servus, Oma!« zur Tür hinaus. Nach und nach trommelten wir alle Buben zusammen. Als wir so umherstrolchten und dabei überlegten, was wir unternehmen könnten, kamen wir auf die Idee, nach Sprengstoff oder anderer Munition von den durchgezogenen Truppen Ausschau zu halten. Wir wussten, dass man mit Dynamit und Pulver gut fischen konnte. So überlegten wir, wie wir es am besten anstellen könnten, an unserem Wehrtümpel, am Schwarzbach, eine Sprengung vorzunehmen. In diesem Tümpel standen die herrlichsten und dicksten Forellen, nicht zuletzt deshalb, weil wir sie stets mit altem, getrocknetem Brot fütterten. Da wir uns jedoch mit solchen schweren Geschossen, die wir zum Einsatz bringen wollten, nicht auskannten, galt unsere nächste Überlegung der Frage, wen wir für unseren Plan um Hilfe bitten könnten. Wer hatte Erfahrung auf diesem Gebiet? Es musste jemand sein, der spontan mitmachte, loyal war, dem man also vertrauern konnte, und der uns nicht gleich verpfiff. Nach einiger Zeit hatten wir auch schon einen Geistesblitz. In unserem Viertel kannten wir eine Familie mit mehreren Söhnen, wovon die älteren schon beim Volkssturm zur Ausbildung waren. Der Volkssturm war ein »Haufen«, bestehend aus alten Männern, die kaum noch laufen konnten, und jungen Burschen, welche damals geschlossen den Ansturm der Roten Armee stoppen sollten.

Mühlstraßenbande

Erzählungen, Franz Strasser
Verlag Bibliothek der Provinz
ISBN 978-3-99028-383-7
19 x 12 cm, 100 S., € 13,00

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