Fortsetzungsroman
Mühlstraßenbande: Teil 11

Spannende Geschichten von Franz Strasser
  • Spannende Geschichten von Franz Strasser
  • Foto: Verlag Bibliothek d. Provinz
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Fortsetzungsroman: Franz Strasser erzählt in "Die Mühlstraßenbande" von seiner Kindheit nach dem Krieg.

...Auch der Franz aus der besagten Familie war bei dieser Truppe zur Ausbildung. Und laut seiner Schilderung konnte er mit einigen Waffen gut umgehen. Das schien unser Mann zu sein. Er erfüllte alle Voraussetzungen, die für unser Vorhaben von Nöten waren. Also machten wir uns auf den Weg zu ihm. Der Schurl klopfte an die Tür und kurz darauf öffnete die Mutter und schaute uns Buben mit forschendem Blick an. Schnell fragte ich, ob der Franzl vielleicht da wäre, weil wir gerne mit ihm spielen würden. Das hörte der Bub von drinnen und erschien auch sogleich aus dem Hintergrund. Nachdem er sich kurz mit seiner Mutter besprach, machte er sich ausgehfertig, und wir zogen gemeinsam los. Unterwegs erklärten wir ihm unser Begehren und fragten ihn, ob er in der Lage sei, eine Handgranate in den Wehrtümpel zu werfen, um so Forellen zu »erledigen«, die wir dann anschließend braten könnten. Mit wichtiger Miene sinnierte ein wenig. Gespannt warteten wir auf seine Reaktion, und zu unserer großen Erleichterung willigte er nach einem Moment ein.
Schnell besorgten wir eine Stielgranate der deutschen Wehrmacht und versammelten uns anschließend alle am Tümpel. Wichtig für unser Vorhaben war natürlich auch, den richtigen Zeitpunkt zu finden. Es durfte niemand in der Nähe sein, der womöglich unseren Entschluss vereiteln könnte. Außerdem war unser Vorhaben ja auch nicht ungefährlich, und wir durften niemand gefährden. So überlegte sich der Franz zuerst einmal eine Strategie. Daraufhin wurden wir von ihm instruiert, wie alles abzulaufen hätte: Er würde die Granate scharf machen, zählen und in das Gewässer werfen. Wir sollten Richtung Holzbrücke laufen und uns dort auf sein Kommando in Deckung werfen. Wir überdachten alles noch einmal kurz, waren aber dann der Ansicht, dass wir den Anordnungen vom Franz ruhig Folge leisten könnten. Er hatte schließlich Erfahrung, und darauf kam es an.
Franz stellte sich ans Wehr, koordinierte in Gedanken die Fluglinie der Stielgranate und nickte zuversichtlich vor sich hin. Dann war es soweit – Franz nahm das Geschoss in die rechte Hand und schraubte den Deckel ab. Fasziniert schauten wir ihm bei seiner Aktion zu. Es lag eine gespannte Atmosphäre in der Luft. Doch jetzt gab es kein Zurück mehr – und dann war es soweit… Vor lauter Aufregung zählte der Franz überhaupt nicht, schaute auch nicht, wohin er die Granate warf und schrie nur noch aus Leibeskraft: »Rennt’s los, rennt’s los, gleich kracht’s!« Wir rannten wie eine wilde Horde Richtung Holzbrücke und nach einer Weile schrie er wieder: »Haut’s euch nieder, gleich kracht’s!« Wir gingen in Deckung und nach einigen Sekunden passierte es wirklich…
Es gab einen »Mords-Kracher« und Scheibengeklirr. Erschrocken schauten wir uns an. Keiner konnte in diesem Moment einen Ton von sich geben. Wir waren wie gelähmt. Es war uns jedoch allen klar, dass etwas Schlimmes passiert sein musste. Allerdings war alles so dunstig, dass wir nicht sehen konnten, was die Stielgranate angerichtet hatte. Doch erkannten wir gleich, dass dem Franz nichts zugestoßen war und das beruhigte uns schon einmal. Nachdem der Lärm verklungen war, rannten wir alle wie aufgescheuchte Hühner durch das Hintertörchen in den nahe gelegenen Garten meiner Großeltern. Dort versuchten wir uns ein wenig zu beruhigen und gingen anschließend auf der Vorderseite Richtung Mühlstraße wieder heraus, als ob nichts gewesen sei.
In der Zwischenzeit hatten sich schon einige Leute an der Wehr angesammelt und es wurde heftig diskutiert und gegrübelt, was da wohl geschehen sein könnte. Wir stellten uns unschuldig dazu und taten so neugierig wie alle anderen. Jetzt sahen wir erst, was überhaupt passiert war. Der Franz, der Aufschneider, hatte die Handgranate nicht ins Wasser, sondern auf die Sandbank geworfen. Dort war nun ein kleiner Trichter und die hochgeschleuderten Steine hatten an der nebenan liegenden Kittel-Mühle mehrere Scheiben eingeschlagen. Aber wir hatten ja mit alldem nichts zu tun und waren so erstaunt wie all die anderen. Der Franz jedoch schaute verschämt umher, und wir Buben mussten uns das Lachen ver¬kneifen.
Der Obermüller, ein älterer Herr, riet uns Buben, vorerst nicht mehr in den Bach zu gehen, da sich bestimmt eine Granate durch die Sonne entzündet hätte und so etwas Gefährliches ja leicht wieder passieren könnte. Dass so etwas eher unwahrscheinlich wäre, wussten wir Buben allerdings besser. Zum Glück ahnte das aber weder der Obermüller, noch die umherstehenden Leute. Nur das mit den gebratenen Forellen, das konnten wir an diesem Tag wohl leider vergessen.

Samstag war immer Wurmtag

Wer sich in Waidhofen an der Ybbs aufhielt und den Wurm nicht kannte, konnte nicht mit meinem Verständnis rechnen. Für mich war es die kulinarische Erfüllung schlechthin. Und so war es für unsere Familie natürlich ein Muss, wenigstens einmal in der Woche einen Wurmtag einzulegen. Wer jetzt glaubt, wir würden uns an irgendwelchen Erdbewohnern ¬gütlich tun, der hat weit gefehlt. Hier handelt es sich um eine alteingesessene Lokalität der Familie Üblacker, ehemals Wurm, mit einer gemütlichen, familiären Atmosphäre, die auch den schönen Namen »Zur Linde« trägt. Was jedoch für uns Kinder einerlei war, da das ja längst nicht so lustig klang.
In dieser Straßenzeile waren übrigens mehrere Geschäfte mit Tiernamen wie Wurm, Floh und Pfau gekrönt.
Der Gastgarten unserer Lieblingsgaststätte liegt direkt am Schwarzbach und wird durch die mächtigen Baumkronen zweier uralter, stämmiger Linden überdacht. Der Gastronomiebetrieb wird auch heute noch von derselben Familie geführt. So wurde es also zu unserer Tradition, jeden Samstagabend nach diversen Unternehmungen dort zu dinieren. Saßen wir dann gemeinsam an einem der Tische, nahm Toni, der Wirtssohn, sobald er uns erblickte, die Bestellung auf, wobei er bei mir nur »Standard« sagen musste, und ich nickte ihm dann stets beipflichtend zu. Nun, ich hatte an solchen Abenden immer mächtig großen Hunger und bekam dann automatisch mein riesiges Wiener Schnitzel mit Petersilienkartoffeln und einen gemischten Salat. Das war ein Gedicht und so etwas bekam man in Deutschland selbstverständlich nicht. Zum Stichwort Schnitzel konnte mein Vater uns natürlich auch wieder etwas erzählen, und das möchte ich niemandem vorenthalten:

Mühlstraßenbande

Erzählungen, Franz Strasser
Verlag Bibliothek der Provinz
ISBN 978-3-99028-383-7
19 x 12 cm, 100 S., € 13,00

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