Fortsetzungsroman
Mühlstraßenbande: Teil 14

Spannende Geschichten von Franz Strasser
  • Spannende Geschichten von Franz Strasser
  • Foto: Verlag Bibliothek d. Provinz
  • hochgeladen von Sara Handl

Fortsetzungsroman: Franz Strasser erzählt in "Die Mühlstraßenbande" von seiner Kindheit nach dem Krieg.

..Dabei wies er uns darauf hin, dass man beim Klettern stets drei feste Punkte braucht, um in der Wand einen sicheren Halt zu erlangen. Das war eine interessante und wichtige Übung, aber ein wenig Respekt hatte ich dennoch vor dem kommenden Tag. Nach dem Abendbrot ging es auch bald ins Bett. Zu diesem Zweck gab der Hüttenwirt uns allen eine dicke, graue Decke. Leider wusste niemand, wo vorne und hinten war, aber wir konnten es erahnen, sobald wir uns damit zudeckten. Nachdem ich mir die etwas besser riechende Seite über meinen Oberkörper gezogen hatte, versuchte ich einzuschlafen. Wir lagen in einer Art Mannschafts-Etagenbetten und ich war in der unteren Reihe gelandet. Links neben mir noch etwa vier Leute und rechts von mir etwa sechs. Mein Vater befand sich auf jeden Fall neben mir, und das beruhigte mich sehr. Er meinte tröstend zu mir, dass ich nach den Anstrengungen des Tages bestimmt bald einschlafen würde. Doch diese Hoffnung wurde jäh zerstört. Zuerst hörte ich in der Entfernung nur ein leichtes Schnarchen. Dabei blieb es allerdings nicht, ein zweiter und ein dritter Schnarcher kamen hinzu, und bald konnte man schon ein wahrlich schauriges Schnarch-Konzert vernehmen. Es brachte mich fast zur Weißglut. Ich musste doch schließlich einschlafen, um am nächsten Tag fit zu sein. Aber es kam noch schlimmer. Es musste wohl zu viel Zwiebel auf den Schmalzbroten gewesen sein, anders konnte ich mir die Geräuschkulisse nicht erklären. Die Luft wurde immer stickiger. Dennoch war die Situation so skurril, dass ich plötzlich laut loslachen musste. Und da war ich nicht die Einzige. Man hörte das Kichern von allen Seiten und auch mein Vater hatte einen unglaublichen Spaß. Wir beide schlichen hinaus, um uns draußen zu beruhigen und nutzten die Gelegenheit, das Plumpsklo aufzusuchen. Der Nachthimmel war sternenklar und die Ruhe war erhebend. Ich spürte ein Glücksgefühl, das man in der Stadt nicht erahnen konnte. Als mein Vater und ich dann wieder zu Bett gingen, schlief ich bald ein.
Am nächsten Tag waren wir schon früh auf den Beinen, es gab Tee und Marmeladebrote und dann ging die Klettertour los. Da ich ja noch unerfahren war, bestand meine Seilschaft nur aus dem Bergführer Helmut und meinem berg¬erfahrenen Vater. Ich befolgte alle Hinweise, doch plötzlich machte ich einen falschen Tritt und rutsche ab. Nur vom Seil gehalten, hing ich nun da. Nach anfänglichem Schreck hatte ich eine Riesenwut im Bauch und fing an zu schimpfen. Am liebsten wäre ich kein Stück mehr weiter geklettert. Aber mein Vater sprach beruhigend auf mich ein, und da ließ ich mich breitschlagen, noch bis zum Gipfel durchzuhalten. Na ja, nach dem »Berg Heil« war ich dann wieder diszipliniert und der Abstieg bereitete mir auch keine Schwierigkeiten mehr.
Zuhause fiel mir dann die Geschichte von Papas Freund Sepp ein, die er mir einst erzählte, und in der er etwas viel Schlimmeres erlebt hatte.

Der Sepp und seine Brüder

Der Sepp, von dem ich jetzt erzähle, denn es gab mehrere Freunde namens Sepp, war einer der besten und ältesten Freunde meines Vaters. Er passte immer besonders gut in der Schule auf, damit er zu Hause nicht mehr so viel lernen musste, und folglich nach seinen häuslichen Pflichten, die zur damaligen Zeit nicht knapp bemessen waren, bald wieder zum Spielen hinaus gehen konnte. Schließlich hatte man als Bandenmitglied ja auch so seine Verpflichtungen, von denen man sich nicht so einfach entbinden konnte. Man darf auch nicht vergessen, dass so eine Verbindung eine Sache des Prestiges war und daher besondere Priorität hatte. Ein gewisses Alter und Reife waren dabei natürlich Voraussetzung. Und so gab es auch für Sepp die Zeit vor der Zeit, als er noch zu jung war, um in einer Bande aufgenommen zu werden. Da buhlte er noch um die Aufmerksamkeit und Gunst seiner größeren Brüder, die ja schon besonders reif waren.
Und so begab es sich, dass die Mutter der Buben eines Tages ihren Söhnen auftrug, alle miteinander etwas zu unternehmen. Widerwillig taten die großen Brüder, was man ihnen nahelegte, und Sepp war beim Treffen mit den Freunden mit von der Partie. Mit einem Seil im Rucksack zogen die Jungen Richtung Schnabelberg los. Der kleine Sepp wunderte sich noch über das Seil, war aber überglücklich, dabei sein zu dürfen.
Bald ging es Richtung Minichberg und dort blieb die Schar plötzlich stehen. »So«, sprach einer der Brüder den kleinen Sepp unvermittelt an, »wenn du wirklich zu uns gehören willst, dann musst du zuerst eine Mutprobe bestehen.« Etwas aufgeregt, aber tapfer ließ der kleine Bub alles über sich ergehen. Zuerst knotete einer der Knaben ein Brustgeschirr aus einem Stück Schnur um den hageren Oberkörper des Jungen und anschließend ließen sie ihn an der Felswand langsam einige Meter am Seil herunter. Dann sprach einer: »Du musst jetzt hier ausharren, bis wir dich wieder hochziehen, und dann hast du die Mutprobe überstanden und wirst in unserem Freundeskreis aufgenommen.«
Etwas mulmig war es dem Sepp schon zumute, aber er wollte ja nicht als Feigling dastehen. So gingen die Stunden ins Land, doch von den großen Brüdern und deren Freunden war nichts zu hören und zu sehen. Allmählich malten sich Enttäuschung und Traurigkeit auf dem Gesicht des kleinen Jungen ab. Jegliches Rufen war müßig, und die heiklen Aussichten ließen ihn allmählich verzweifeln. Langsam sank die Sonne und es wurde zusehends kühler. Der kleine Sepp zitterte am ganzen Körper. Dicke Tränen liefen an seinen Wangen herunter, als er plötzlich Stimmen vernahm. Blitzschnell wischte er mit beiden Händen über das Gesicht, denn er wollte sich keine Blöße geben. Dann zogen die Großen ihn gemeinsam wieder herauf und bläuten ihm ein, dass er bloß nichts der Mutter verraten dürfe. Sepp schluckte seinen Zorn herunter, der ihm auf der Zunge lag. Doch stolz und unbeugsam, wie er nun mal war, kam tatsächlich kein Sterbenswort über seine Lippen.
Seine Brüder hatten mit so viel couragiertem Verhalten nicht gerechnet, darum wurde seine Standhaftigkeit belohnt, indem er bei den nächsten Unternehmungen oft dabei sein durfte. Ja, nun zählte er beinahe auch zu den Großen und seine Duldsamkeit hatte sich wirklich bewährt.

Tante Friedelein und das Brantner-Haus

Tante Friedel, mein Vater sagte immer Tante Friedelein, ist die Schwester der Mutter meines Vaters. Sie wohnt immer noch mit ihrer Familie in dem alten Brantner-Haus...

Mühlstraßenbande

Erzählungen, Franz Strasser
Verlag Bibliothek der Provinz
ISBN 978-3-99028-383-7
19 x 12 cm, 100 S., € 13,00

Kommentare

?

Du möchtest kommentieren?

Du möchtest zur Diskussion beitragen? Melde Dich an, um Kommentare zu verfassen.

Weitere Beiträge aus dem Bundesland

Sarah Fischer und ihr Vater Ewald haben sich gut in Tokio eingelebt.
Video 2

Olympia NÖ
Bettencheck & Gefühls-Achterbahn: Olympia-Show vom 30.07.2021

Ein Wechselbad der Gefühle erlebte Gewichtheberin Sarah Fischer. Vater Ewald Fischer gibt uns nun einen exklusiven Einblick in die Gefühlslage seiner Tochter. Und der große Bettencheck im olympischen Dorf in Tokio. Exklusive Infos dazu und vieles mehr in der aktuellen Ausgabe unseres Olympia Studios! NÖ. Die stärkste Frau Österreichs aus Rohrendorf bei Krems sprang im letzten Moment auf den Olypmia-Zug auf. Plötzlich kam ein positiver Coronatest dazwischen und die 20-Jährige musste erneut um...

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Du möchtest selbst beitragen?

Melde dich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Foto des Tages einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen