Fortsetzungsroman
Mühlstraßenbande: Teil 15

Spannende Geschichten von Franz Strasser
  • Spannende Geschichten von Franz Strasser
  • Foto: Verlag Bibliothek d. Provinz
  • hochgeladen von Sara Handl

Fortsetzungsroman: Franz Strasser erzählt in "Die Mühlstraßenbande" von seiner Kindheit nach dem Krieg.

...Die damaligen alten, hölzernen, prächtig verzierten und wuchtigen Eingangstüren dieser Villa, die Treppenhäuser mit ihren marmornen Stufen und geschwungenen Geländern sowie die hohen Decken und großen Fenster in jedem Raum hatten etwas Herrschaftliches und beeindruckten mich stets aufs Neue.
Da mein Vater ohne seine Mutter aufwachsen musste, hatte sich Tante Friedel beharrlich und rührend um den kleinen Franzl gekümmert. Darum hatte mein Vater immer eine besonders gute Beziehung zu ihr. Und auch meine Mutter und wir Kinder, Andreas und ich, liebten ihre freundliche und lustige Art. Am liebsten saß ich auf ihrer Hollywoodschaukel unter dem alten Apfelbaum, der einen so wunderbaren Duft verströmte. Ich bewunderte stets den herrlichen Rosengarten und liebte das Quietschen des alten schmiede¬eisernen Gartentores am hinteren Teil des Hauses. Wir saßen auch oft bei Tante Friedel in der großen Küche. Jutta, die jüngere Tochter, die gleich alt wie mein Bruder ist, war auch meist dabei. Wir tranken Himbeerwasser, das Kracherl hieß, wobei Tante Friedel sich stets der tollen Technik ihrer großen Sodawasserflasche bemächtigte, aßen Kuchen und es wurde viel in Erinnerungen geschwelgt.
Die Mutter meines Vaters wirkte stets unnahbar und auch ein wenig hochgestellt. Ihre Schwester hingegen, Tante Friedel, schien mir beständig herzlich, lebensbejahend und fröhlich. Daher freute ich mich auf jeden Besuch bei ihr und die heiteren Plaudereien.
Da war zum Beispiel die Sache mit dem Einbruch in die Remisen, an den sich mein Vater und Tante Friedel noch so gut erinnern konnten, als wäre es gestern gewesen.
Auch heute noch haben wir eine herzliche Verbindung und lachen viel über Vergangenes. Es gibt wohl nichts Schöneres, als eine innige Verbindung zu seiner Verwandtschaft zu haben, auch wenn man viele hundert Kilometer entfernt wohnt. Denn so hat man immer das Gefühl, nach Hause zu kommen, was auch die besondere Beziehung zu Waidhofen ausmacht.
Stehe ich heute im Treppenhaus meiner Tante, so sehe ich im Geiste meinen Vater als kleinen Buben daherflitzen, wie er sich nur so eben an dem Holzlauf des schönen schmiedeeisernen Geländers festhält und kaum Zeit zum Atmen hat – in einem Jugendstilhaus voller Geschichte und Erinnerung, dort, wo die Zeit für einen Moment stehen geblieben ist.

Der Einbruch in unsere Remisen

In den Remisen der Baufirma meines Großvaters war kaum noch etwas vorhanden. Werkzeuge, Nägel, Spitzhacken, Schaufeln, Scheibtruhen und Leitern, alles hatte die Großmutter schon gegen Lebensmittel bei den Bauern getauscht. Auch zwei Kalkgruben waren da, die zum Großteil leer waren und durch dicke Balken abgedeckt wurden. Hier, in einer der Remisen, hatte der Schurl, wie schon erwähnt, sein Pferd eingestellt. Da ja nun diese Räumlichkeiten leer standen, meinte meine Großmutter eines Tages, wir sollten uns vielleicht ein paar Hühner anschaffen. Platz wäre ja schließlich genug vorhanden. Neben den Schuppen, wo die Leitern und Stangen sowie die Pfosten zum Gerüstbau lagen, war noch ein Stück Garten mit drei Obstbäumen. Hier sollte ein Gehege eingerichtet werden. Durch dieses Vorhaben hätten wir mit der Zeit immer frische Eier und dann und wann auch mal ein Hühnchen auf dem Sonntagstisch. Das hörte sich sehr vielversprechend an und so wurde die Idee in die Tat umgesetzt. Wo wir die sechs Hühner und den Hahn herbekommen haben, weiß ich nicht mehr. Die Hühner wurden morgens aus der Remise geholt und kamen abends wieder hinein, damit sie uns keiner stehlen konnte. Sie entwickelten sich prächtig und im Herbst bekamen wir schon die ersten Eier. Der Hahn war groß, bunt, stolz und außerdem äußerst frech. So war ich gezwungen, mir zu meiner eigenen Verteidigung einen Haselstecken zu besorgen. Damit drohte ich ihm und wies ihn in die Schranken. Doch eines guten Tages fiel er mich trotz des Stockes an, und ich fühlte mich genötigt, ihm einen ordent¬lichen Hieb zu verpassen. Ich schlug zu und traf den Vogel so unglücklich am Hals, dass er umfiel und sich nicht mehr bewegte. Mir rutschte das Herz in die Hose, denn ich hatte unheimliche Angst, dass der Hahn tot sei, von mir erschlagen. Ich blickte mich nach allen Seiten um, schweißgebadet und klammheimlich nahm ich ihn auf und trug ihn in die Remise. Dort legte ich den Hahn in ein Regal, schlich mich wieder hinaus und schloss eilig die Tür. Ehrlich gesagt, wusste ich in dem Moment nicht, wie mir geschah. Was hatte ich getan? Zuallererst musste ich mich beruhigen und einen klaren Kopf bekommen. So sammelte ich mich allmählich und atmete tief durch. Dann wagte ich einen flüchtigen Blick in die Remise, wo das Häufchen Elend noch so lag, wie ich es hingebettet hatte, und strich mir über das Gesicht, um sicher zu gehen, dass sich dort keine Träne angesiedelt hatte. Anschließend ging ich ins Haus zur Großmutter und tat so, als ob alles in bester Ordnung sei. Um nicht unnötig aufzufallen, ging ich gleich nach dem Abendbrot in mein Zimmer, was der Großmutter sicher merkwürdig vorkommen musste. Doch sie ließ mich gewähren und das machte die Sache für mich vorerst einfacher. Ich brauchte nicht mehr reden, legte ich mich schon früh zu Bett und versuchte an andere Dinge zu denken, bis ich endlich einschlief. In der Nacht quälten mich jedoch fürchterliche Alpträume, und ich schreckte mehrfach klitschnass und voller Unruhe auf. Am nächsten Morgen war ich wie gerädert, stand völlig erschöpft auf, zog mich dann aber schnell an und eilte gleich wieder hinaus, um nachzuschauen, ob sich etwas in der Remise getan hatte. Voll unheimlicher Vorahnungen sperrte ich die Tür auf. Meine Hände zitterten und ich überlegte mir schon, wie ich dieses Unglück meiner Großmutter beibringen sollte. Sie war doch so stolz auf ihre Errungenschaft, und ich hatte mit einem Schlag alles zunichte gemacht. Mannhaft fasste ich mir ein Herz und schaute in die Remise hinein. Doch zu meiner allergrößten Überraschung kam mir der Hahn quick¬lebendig erhobenen Hauptes entgegen und stolzierte überheblich an mir vorbei. Dabei stieß er ein vernehmliches Kikeriki aus, als wollte er mir damit sagen: »Siehst du, so schnell bin ich doch nicht hinüber!« Das musste ich erst einmal verdauen – er hatte mich regelrecht zum Narren gehalten. Seit dieser Zeit jedoch attackierte er mich nicht mehr, und ich brauchte den Haselstecken nicht mehr zum Ein- und Austreiben...

Mühlstraßenbande

Erzählungen, Franz Strasser
Verlag Bibliothek der Provinz
ISBN 978-3-99028-383-7
19 x 12 cm, 100 S., € 13,00

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