Fortsetzungsroman
Mühlstraßenbande: Teil 17

Spannende Geschichten von Franz Strasser
  • Spannende Geschichten von Franz Strasser
  • Foto: Verlag Bibliothek d. Provinz
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Fortsetzungsroman: Franz Strasser erzählt in "Die Mühlstraßenbande" von seiner Kindheit nach dem Krieg.

......Der Pfarrer sprach tröstende Worte und anschließend begleitete der Trauerzug den Verstorbenen auf seinem letzten Weg. Eine Blaskapelle untermalte die schmerzlich ergriffene Stimmung. Nachdem der Sarg zu Grabe getragen worden war, gab es noch den sogenannten Leichenschmaus, und dann hatte der Tote endlich seine verdiente, ewige Ruhe.
Viele Wochen gingen ins Land, der Sommer nahte und die Tage wurden immer schöner und heißer. Die Bauersleute hatten wieder viel zu tun. Die Feldarbeit musste verrichtet werden, es wurde gemäht, geheut, gepflanzt, geerntet, gemolken, eingemacht und vieles mehr. Da blieb kaum Zeit zum Verschnaufen. Es ging zeitig ins Bett und in aller Herrgottsfrüh wieder hinaus. Sobald ein wenig Freiraum war, pflückte die Bäuerin ein paar Dahlien und Astern aus ihrem Vorgarten, machte sich auf den Weg zum Friedhof und stellte die Blumen in einer Vase auf das Grab. Sie zündete noch eine Kerze an und betete andächtig ein paar Stoßgebete. Danach eilte sie wieder nach Hause, um ihrer Arbeit nachzukommen.
Die Bauern hatten immer schon ein hartes und arbeitsames Leben, nahmen ihr Schicksal jedoch meist duldsam hin, da sie von Kindesbeinen an daran gewöhnt waren. Es war ihr Los, und bei der Verheiratung der Kinder wurde wohlweislich darauf geachtete, dass sie Ehepartner fanden, die aus demselben Metier kamen und den ganzen Tag über fleißig arbeiteten.
Abends ging es dann wieder erschöpft ins Bett. Aber seit einigen Tagen war da etwas Seltsames. Immer, wenn die Eheleute in ihrem Schlafgemach waren, glaubten sie einen seltsamen Geruch wahrzunehmen. Zuerst nahmen sie an, es handle sich lediglich um Einbildung. Vom Kuhstall konnte es jedenfalls nicht herrühren, denn der wurde regelmäßig ausgemistet. Doch allmählich wurde der Gestank immer schlimmer und unerträglicher. Der Bauer suchte akribisch alle Zimmer ab, um herauszufinden, ob dort irgendwo die Ursache zu finden sei. Er durchforstete die Stube, die Speisekammer, die Küche und sämtliche Schlafräume, bis er schließlich auf den Dachboden stieg. Dort richtete er sein Augenmerk auf die noch verbliebenen Särge. Er öffnete den ersten Deckel, aber der Totenschrein war leer. Also wandte der Bauer sich dem zweiten zu und tat desgleichen. Doch nun erstarrte er vor Schreck. Ein fürchterlicher Fäulnisgeruch stieg ihm in die Nase. Er traute seinen Augen nicht – da lag der bereits verweste, zerfallene Leichnam des im Winter verstorbenen Verwandten. Aber wer war dann im Frühjahr auf dem geweihten Boden des katholischen Pfarrfriedhofs beerdigt worden? Fassungslos stieg der Bauer hinunter zu seiner Frau. Atemlos berichtete er ihr, was er auf dem Dachboden vorgefunden hatte. Seine Beine zitterten so stark, dass er sich erst einmal setzen musste.
Die Bäuerin, die den Vorfall etwas gefasster aufnahm, überlegte eine Weile, bis ihr einfiel, dass sie im letzten Herbst in einem der Särge Äpfel gelagert hatte. Sie konnte sich die Sache nur so erklären, dass die Bestatter auf Grund des Gewichtes davon ausgegangen waren, dass sich der Tote in dem Schrein befinden musste, was zur Folge hatte, dass die Bauersleute im Frühjahr mit allem feierlichen und religiösen Zeremoniell die Lageräpfel beerdigt hatten.

Geliebtes Waidhofen

Es gab auch Tage im Urlaub, die rein der Entspannung galten. Das bedeutete späteres Aufstehen, keine gewaltige Wanderung oder sonstige körperliche Anstrengung vor sich zu haben und einfach den Tag zu genießen, ohne große Planung. Dazu gehörte neben eventuellen Besuchen von Freunden und Verwandten das ausgiebige Einkaufen und Schlendern durch die wunderschöne Innenstadt unseres geliebten Waidhofen an der Ybbs, mit seinen anheimelnden Geschäften, den idyllischen Durchhäusern und den herrlichen Düften aus den umliegenden Kaffeehäusern. Und egal, wo wir vorbeimarschierten, überall kannte man den Brantner Franz. Da wurde gleich wieder viel »geratscht« und man kann sich vorstellen, wie lange es brauchte, um einmal die Innenstadt zu durchqueren.
Außerdem war es stets ein Muss, auch die herrlichen gotischen und barocken Kirchen der Stadt aufzusuchen. Beim Hereinkommen umfing uns stets ein würziger und angenehmer Geruch von Weihrauch und Kerzen, der uns gleich das Gefühl von Ehrfurcht und Geborgenheit vermittelte. Diese Sinnesempfindung berührte mich, weil mir in diesen heiligen Gemäuern besonders bewusst wurde, dass der Aufenthalt in Waidhofen für uns ja immer nur von begrenzter Dauer war. Überall in den Kirchen schauten mich die wunderbaren, mit Blattgold verzierten Heiligenfiguren an, und ich spürte regelrecht ihre mitleidigen Blicke auf mir ruhen. Mein Vater wusste aber mit meiner dort aufkommenden Melancholie gut umzugehen.
Nach einigen Gebeten und ein paar erleichternden, tiefen Atemzügen an der frischen Luft ging es zu unserem Lieblingskaffee in der Unteren Stadt. Hier ließen herrliche Torten und sonstige Leckereien schon beim Eintritt in das Ladenlokal die Herzen höher schlagen. Meistens setzten wir uns in den mittleren Bereich des Kaffeehauses, das durch seine prächtigen Kronleuchter und weinroten Sitzgelegenheiten nostalgischen Charme verbreitete und förmlich zum gemütlichen Verweilen verleitete. Meist saßen an den kleineren Tischen einzelne Personen, bestückt mit Zeitungen, welche zur freien Verfügung per Zeitungshalter an einer Wand hingen, und genossen die ruhige und gemütliche Atmosphäre. Ab und zu nippten sie an ihrer Tasse Kaffee und ließen sich durch nichts stören. Für mich, die aus einer Großstadt mit viel Hektik und Lärm kam, war das immer wieder ein besonderes Intermezzo. Kaum hatten wir einen gemütlichen Sitzplatz gefunden, bestellten wir Kinder uns meist einen großen gemischten Becher Eis mit »Schlag«. Das Eis in diesem Kaffeehaus hatte seit jeher den besten Ruf, und auch heute noch lasse ich mir regelmäßig in jedem Sommerurlaub ein »Froh mit Jo« schmecken.
Als wir nun gemeinsam unsere Leckereien verspeisten und unsere Unterhaltung auf die herrlich bunten mittelalterlichen Häuser der Waidhofner Innenstadt kam, fiel unserem Vater ein spannendes Abenteuer aus seiner Kindheit ein, das sich hier in der Innenstadt abspielte. Davon handelt die nächste Geschichte:

Der Schurl und seine Waffen

Eines Tages kam der Schurl und meinte, dass er etwas Tolles auf dem Dachboden gefunden habe...

Mühlstraßenbande

Erzählungen, Franz Strasser
Verlag Bibliothek der Provinz
ISBN 978-3-99028-383-7
19 x 12 cm, 100 S., € 13,00

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